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Von Kurt Finker 31.03.2011 / Literatur
Sachbuch

Der festgerostete Degen

Die Moltkes – Biografie einer einflussreichen Familie

Mit dem Namen Moltke verbanden sich im alten Deutschland zumeist Erinnerungen an eine »große Zeit«, an siegreiche Schlachten wie Königgrätz (das ihnen Gut Kreisau einbrachte) und Sedan. Die Familienbiografie von Olaf Jessen ist frei von Preußenkult, eine anerkennenswerte gründliche Arbeit, die mit dem Ritter Friedericus Moltiko von 1254 beginnt. Über 80 Personen hat der Autor ausfindig gemacht, die bis 1945 den Namen Moltke trugen und als Offiziere, Beamte, Diplomaten, Juristen, Großgrundbesitzer, Banker, Gelehrte mehr oder weniger Geschichte machten.

»Spätestens im Hochmittelalter saß die Familie auf vier Stammsitzen. Der wohl wichtigste war mehr als fünfhundert Jahre lang und über sechzehn Generationen hinweg die Burg Strietfeld westlich von Gnoien unweit der Stadt Güs-trow. Ihr neunter Besitzer, Gebhard von Moltke, ist der Stammvater aller noch lebenden Moltkes.« Dem mecklenburgischen Uradel entstammend, dehnten die Moltkes ihr Wirkungsfeld über ganz Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen aus. Es kam vor, dass sie sich als politische Gegner, sogar als militärische Feinde gegenüberstanden.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Verfasser dem späteren preußisch-deutschen Generalstabschef Helmuth von Moltke (1800-1891), der erst 1822 den »roten Spenzer des dänischen Offiziers mit dem blauen preußischen Offiziersfrack« vertauscht hatte. Dieser junge Moltke besaß kein Landgut und war auf seine Dienstbezüge angewiesen. Er bewarb sich 1823 erfolgreich um die Aufnahme an der Berliner Kriegsschule. »Dort bildet man Offiziere für den Generalstab aus.« Wie Scharnhorst war aber auch er mehr Gelehrter als Troupier. Hätte er seinen Neigungen folgen können, wäre er Geschichtsprofessor geworden, gestand er später – ein Weltbürger, den es mehr an den Tiber als an die Spree zog. Von 1836 bis 1840 wirkte er als Militärberater im Osmanischen Reich. König Friedrich Wilhelm III. zahlte ihm das volle Gehalt, vom Sultan bezog er darüber hinaus eine hohe Besoldung. »Vor allem das Geld hält den Hauptmann in der Türkei«, stellte Jessen fest und weist daraufhin, dass Moltke nicht nur dem Militärwesen Aufmerksamkeit zuwandte. Auch an der Entwicklung der Eisenbahn interessiert ihn nicht nur deren militärische Bedeutung. Mit seinen Ersparnissen aus der Türkei, etwa 10 000 Taler, erwarb er Aktien der »Berlin-Hamburg-Eisenbahn«. Der Güterverkehr erzielte beträchtliche Gewinne, die Moltke hohe Renditen bescherten.

Der preußische Generalstabschef war bemüht, die militärische Planungs- und Führungsarbeit zu »verwissenschaftlichen« – selbstverständlich ausschließlich im Dienste seines, des preußischen Staates. »Später wird man erzählen, Moltke habe während der Schlacht bei Gravelotte (1870) seinen Degen nicht ziehen können, weil er in der Scheide festgerostet gewesen sei. Die Spötter übergehen zwei Umbrüche des Kriegsbildes, angestoßen durch Revolutionen von Weltrang: die Französische und die Industrielle.« Moltke hatte es nicht leicht, das erkannte Wissen vom »Wandel des Kriegsbildes bei Truppenführern zu verbreiten, denen das ›Immer feste drum‹ als der Weisheit letzter Schluss zu gelten scheint.« Trotz der zuweilen verwirrenden Fülle von »Personalia«, bedingt durch den Charakter als Familiengeschichte, ist das Buch nicht nur sehr informativ, sondern auch interessant gestaltet und gut lesbar. Dazu trug bei, dass der Verfasser sich nicht auf sachlich-trockene Mitteilungen beschränkt, sondern auch lebendige Bilder zeichnet, anschauliche Beschreibungen und persönliche Wertungen bietet. Was die Wertungen anbetrifft, so gibt es auch diskussionswürdige Aussagen, insbesondere zu den Fragen Geist und Macht, Reform, Revolution und Volkskrieg. Hilfreich wäre die Lektüre von »Ostliteratur« gewesen, die für den Autor wohl tabu war, jedenfalls nicht erwähnt wird.

In den letzten Kapiteln erinnert Jessen an das Schicksal von Angehörigen der Moltke-Familie in der Zeit der faschistischen Diktatur und in den ersten Jahren nach Kriegsende. Der Diplomat Hans-Adolf von Moltke war 1939 Botschafter in Warschau und erfüllte nach Kriegsbeginn den Auftrag Ribbentrops, in einem Weißbuch Polens »Schuld« am Ausbruch des Krieges nachzuweisen. Jessen berichtet: »Die Sammlung unterschlägt alles, was die Bereitschaft zur Verständigung auf polnischer Seite belegen und die Angriffsabsichten der deutschen Regierung offenbaren könnte.« Obwohl Hans-Adolf die Verbrechen der Deutschen in Polen kannte, weigerte er sich, die Komplizenschaft mit dem Naziregime aufzugeben. Er blieb Mitglied der NSDAP, »um Deutschland willen«, wie er Verwandten versicherte. Im Dezember 1942 ging er im Auftrage Hitlers als Botschafter nach Madrid, um Franco zu einem Militärbündnis gegen England und die USA zu bewegen. Dort starb er im März 1943.

Im Gegensatz dazu entwickelte sich sein Verwandter Helmuth James Graf von Moltke, Rechtsanwalt und nunmehr Gutsherr auf Kreisau, zum antifaschistischen Widerstandskämpfer. Die Geschichte der von ihm, gemeinsam mit Peter Graf Yorck von Wartenburg, geführten und später als »Kreisauer Kreis« bezeichneten Gruppe ist inzwischen in zahlreichen Biographien und Monographien dargestellt. Helmuth James wurde am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt. Sein Vermächtnis wahrte bis zu ihrem Tode 2010 seine Frau Dr. Freya von Moltke. Mit ihr hatte ich eine erfreuliche Begegnung. Auf Initiative des niederländischen Historikers Prof. Ger van Roon fand im Dezember 1978 im Friedenspalast in Den Haag ein »Kreisauer Seminar« statt. Die ebenfalls anwesende Freya v. M. kannte bereits mein gerade erschienenes Buch »Graf Moltke und der Kreisauer Kreis« und sagte zu mir: »Sie haben meinen Mann so dargestellt, wie er wirklich war.«

Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie. C. H. Beck, München.. 477 S, geb., 23,60 €€.

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