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Von Hans-Dieter Schütt
11.04.2011

Elend und Glück der Erinnerung

Deutsches Theater Berlin: Stephan Kimmig inszenierte »Über Leben« von Judith Herzberg

Christian Grashof, mit Paul Schröder (linkes Foto) und Mare
Christian Grashof, mit Paul Schröder (linkes Foto) und Maren Eggert Fotos: DRAMA/Braun

Der Maskenbildner heißt Günther Trümpelmann. Er meistert hier etwas. Er taucht Gesichter in fortlaufende Zeit, er wirft ein Verwittern über alles, bis man von gelebtem Leben sprechen darf.

Die Niederländerin Judith Herzberg, 76, schrieb drei Stücke über Schicksalslinien einer jüdischen Familie, »Leas Hochzeit«, »Heftgarn«, »Simon«. Stephan Kimmig brachte sie am Deutschen Theater Berlin erstmalig an einem Abend, einem langen Abend von viereinhalb Stunden, auf die Bühne. Unter dem bindenden, doppelsinnigen Titel »Über Leben«.

Die Geschichte beginnt 1972, sie endet 1998. Es wird in dieser Verwandten- und Bekanntensaga mehrfach geheiratet, der Partner getauscht, es wachsen Kinder heran, man verlässt einander, man kehrt zurück, aus Jungen werden Alte, aus Enkeln Erwachsene; Verstreuungen, Verluste, Verirrungen, Verfeindungen, Versöhnungen. Und aus der Vergangenheit ragt durch alle Zeiten wie ein Wundspeer – nah am Herzen der Familie steckend und für ewiges Nachbluten sorgend – das Gedächtnis vom Holocaust.

Siebzehn Schauspieler und ein Kind agieren – in einer Abfolge von Sekundendramen; als rissen wir eine Tür auf, platzten in ein Gespräch, einen Streit, ein Lieben, ein Schweigen, schössen ein Polaroidfoto, schlügen die Tür wieder zu, um zur nächsten und übernächsten zu rennen. Am Ende lägen alle Fotos, unzählige, auf dem Boden, unsortierbar, aber doch einen Zusammenhang schaffend. Puzzle-Poesie.

Jeder hier ist Vorder- und Hintergrund zugleich; ein Porträt der Gleichzeitigkeit von Witz und Trauer, Sanftheit und Gemeinheit, Freude und Galligkeit, Lebenslust und Tod. Und heftig trifft die Mahnungs- und Traditionsenergie der Alten auf das Recht der Jungen, nicht ständig die Bewusstseinslast eines ihnen unbekannten und gleichgültigen 20. Jahrhunderts schleppen zu wollen.

Hervorhebungen sind ungerecht. Dennoch. Christian Grashof ist Simon, Almut Zilcher Ada. Die Alten.

Grashof: heiter grobgestrickt, leise und rührend, vertrackt und verknarzt – liebenswert feige befreite er sich aus dem Deportationstrauma. Und lebt! Ada geht in den Traumafreitod, die Zilcher gespenstert rot gewandet, lächelnd wie eine Unberührbare, durch die Szenen. Susanne Wolff ist beider Tochter Lea; von den Eltern kurz vor dem Abtransport einer nichtjüdischen Fremdmutter übergeben – Wolff gibt verstörend traurig das Porträt eines geretteten, aber nie erlösten Menschen, verdammt zu einer inneren Auskühlung, gegen die die dunklen, fragenden Augen unentwegt ein Feuer versuchen. Christine Schorn ist diese Fremdmutter, ungelenk wie so vieles, dem man den Mut nicht ansieht. Just die einstige Retterin erzählt von einem Mann, der plötzlich ins Lager kam, »dabei war er gar kein Jude, er war völlig unschuldig«.

Es ist dies eine Erzählung über das Elend der Erinnerung und das Glück des Vergessens. Eine Erzählung über das Glück der Erinnerung und das Elend des Vergessens. Immer etwas mehr Elend als Glück. Weil Elend der Mehrwert der Glückssuche ist. Vielleicht ist ein sich glücklich wähnender Mensch am elendigsten dran.

Im ersten Stück stehen alle quasi aufgereiht, lösen sich in Gruppen und Paare auf, mählich wird klar, wer zu wem gehört, wer wessen Drama ist. Im dritten Teil kehrt die Trilogie zur Gruppe zurück, im zweiten Stück dreht sich die Bühne langsam oder dreht sich nicht, die Einzelnen kommen aus dem Dunkel oder aus einem Bühnenwändespalt oder sie verschwinden darin. Oder sie liegen auf verhüllten, immer auf Umzug vorbereiteten Möbeln; nie ist ein Ort ein Ort. Zwischen Glück und Elend ist die Welt ortlos. So sieht die Bühne von Katja Haß auch aus: hässliche Helle. Wandteile, die fügen sich nicht zusammen, Heimat ist ein Problem der niemals passenden Scharnierstücke (einmal schreit der alte Simon, er wolle wissen, »wie das alles ineinander steckt« – auch Generationen sind wie Scharnierstücke, und was ist das also: Bindung, Verknüpfung, Verkettung?).

Die Situationen auf der Bühne sind nie intim, sondern stets Präsentation. Geradezu sphärenfrei, stimmungslos. Menschen, ja, oder doch eher Zeichen-Geber. Jeder und jede ein lebendes, unsicher gesetztes Komma im Lebenslauf dieser Familie; jeder abwartend, ob er nicht gleich umgesetzt wird.

Im Schlussapplaus: ehrlicher Respekt und in aller Ermüdung doch Dankbarkeit für einen großen Denk- und Empfindungsstoff.

Nächste Vorstellung: 17. April

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