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Protestaktion vor der CDU-Parteizentrale
Foto: Jens Jeske/IPPNW
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Sie hatten den Jahrestag des Super-GAU von Tschernobyl zum Anlass für eine internationale Konferenz zum Thema Atomkraft genommen. Doch wenige Wochen vor der Veranstaltung mit dem Titel »25 Jahre Tschernobyl – Zeitbombe Atomenergie – Atomausstieg jetzt!« mussten die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) auf eine neue Atomkatastrophe eingehen, die ihre Forderung nach einer Abkehr von der Atomkraft aktueller denn je erscheinen lässt.
So konnte auch der Kongress in der Berliner Urania nicht wie geplant ablaufen. Kurzfristig wurden zum Unfall im Atomkraftwerk (AKW) Fukushima die japanische IPPNW-Ärztin Katsumi Furitsu und der in Deutschland lebende Hideto Sotobayashi für einen Vortrag eingeladen. Sotobayashi hat den Atombombenabwurf in Hiroshima überlebt. Der Chemiker wollte aber nicht als Opfer stigmatisiert werden und machte seine Geschichte viele Jahre nicht bekannt. Bis zum Atomunfall in Fukushima habe sich der 82-Jährige nicht einmal besonders mit Atomkraft befasst. Nun forderte er aber: »Nie wieder Hiroshima und Nagasaki, nie wieder Atomkraftunfälle – sofortiger Ausstieg!«
Die Strahlenbiologin Furitsu ist dagegen schon lange Atomkraftgegnerin, auch wenn die IPPNW in Japan noch immer keine Position zur Kernenergie gefunden hat. »Wir müssen das Leiden, das durch Strahlung verursacht wird, beenden«, erklärte Furitsu vor den knapp 100 Zuhörern. Die Ärztin wies nicht nur auf die Folgen von Verstrahlung bei Atomkatastrophen hin, sondern auch auf den noch immer ungewissen Einfluss von Strahlung bei medizinischen Behandlungen sowie die Gefahr von Gendefekten.
Auf das besondere Interesse der zumeist älteren Teilnehmer stieß Furitsus Bericht über aktuelle Messergebnisse aus der Umgebung des havarierten AKW Fukushima. Danach wurden in der Präfektur von Date deutlich erhöhte Werte gemessen. Dennoch sind Teile des Ortes von der Regierung nicht evakuiert worden, weil sie außerhalb der 20 Kilometer umfassenden Sperrzone liegen. Da Date vermutlich nicht das einzige betroffene Dorf mit sehr hoher Strahlenbelastung ist, wären nach Furitsu detailliertere Messungen unbedingt notwendig. Die Wissenschaftlerin kritisierte die japanische Regierung aufs Schärfste. »Die Politik unterstützt noch immer die Atomenergie. Das ist verrückt«, empörte sich die 51-Jährige. Als Skandal bezeichnete sie auch die Festlegung der Grenzwerte durch die japanische Regierung. Sie seien nach jedem Atomunfall heraufgesetzt worden. Zudem wird zwischen einem Normalzustand und einer Notfallsituation unterschieden, in der höhere Grenzwerte gelten.
Furitsu bemängelte aber auch die Position der japanischen Friedensbewegung. »Viele haben noch immer nicht verstanden, dass sie nicht nur gegen Atomwaffen protestieren müssen, sondern gegen jegliche Nutzung von Atomkraft«. Schließlich hoffe sie aber, dass die japanischen Atomkraftgegner davon lernen können, wie der Ausstieg in Deutschland zu gelingen scheint.
Neben Fukushima und dem eigentlichen Schwerpunkt Tschernobyl und seine Folgen wurden bei dem IPPNW-Kongress vor allem darüber diskutiert, wie die Wissenschaftler den Atomausstieg weltweit voranbringen können. Bereits beim Eröffnungsplenum forderte die australische Kinderärztin und Buchautorin Helen Caldicott ihre Kollegen zum Handeln auf. »Wir müssen unbequem werden und auf die Barrikaden gehen«, rief Caldicott in den Saal und und erntete dafür Applaus.
Die etwa 100 Referenten sprachen von Freitag bis Sonntag auch über Uranabbau, die Energiewende und Atomwaffen. Am Samstag beteiligten sich viele der rund 700 Kongressteilnehmer an Protestaktionen vor der CDU-Parteizentrale und an der Gedächtniskirche unter dem Motto »Umfallen gegen Atomkraft – aufstehen für die Energiewende«. Zum Abschluss der Veranstaltung wurden gestern die »Nuclear-Free Future Awards« vergeben, unter anderem an Helen Caldicott.
Nach Laufzeitverlängerung vom Herbst 2010, zeitweiligem Moratorium nach der Havarie von Fukushima in Japan nun die dritte Wende in Sachen Atompolitik der Bundesregierung - der erklärte Ausstieg bis 2022. Ist der Beschluss nachhaltig? Wohin kommen künftig die Atom-Abfälle?
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