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Von Volkmar Draeger
14.04.2011

Bosheit und Banalität

»Böse Körper« eröffnen die Werkschau Christoph Winkler in den Sophiensaelen

Schweres Geschütz fährt Christoph Winkler für seine Premiere in den Sophiensaelen auf. Um Tanz allein geht es bei ihm ohnehin schon lange nicht mehr: Er sucht den Brückenschlag zu intellektuellen Fragestellungen, was nicht von Übel sein muss. Diesmal hat es ihm der »Böse Körper« angetan, so der Stücktitel, zumindest was der Darsteller vermöge seines Körper an bösen Verhaltensweisen sichtbar machen kann. Zur theoretischen Grundierung zitiert er in einem publizierten Interview zum Stück Personifikationen des Bösen wie de Sade, Hitler, Eichmann, beruft sich auf Denker wie Nietzsche und Bataille, die sich mit dem Bösen befasst haben.

Vornehmlich jedoch greift er auf filmische Verkörperungen des Bösen zurück, die als Vorlagen bereits präsent sind. Anthony Hopkins, Jack Nicholson, Robert de Niro, sie können in ihren Rollen so herrlich fies sein, zeichnen indes gleichsam subtile Psychogramme der dargestellten Charaktere. Im Tanz, folgert Winkler, biete allenfalls das Ballett negative Parts, etwa als Rotbart und Odile in »Schwanensee«, Carabosse in »Dornröschen«, Hexen in diversen Stücken. Dass dies nicht ganz so ist, beweist die tägliche Praxis in Theater und auch zeitgenössischem Tanz: Da geht es oft politisch oder zwischenmenschlich ganz schön zur Sache. Seziert hat den Prozess, wie das Böse in den Körper der Darsteller kommt und wie es sich ausdrückt, wohl noch niemand. Da schlägt Winklers Stunde.

Nur Stellwände und zwei hölzerne Scheinwerfergestelle formen den Raum des Bösen. Ihn zu füllen, obliegt fünf Akteuren aus fast allen Winkeln des Globus. Alle sind, wird sich herausstellen, auch brillante Tänzer. Zunächst sitzen, stehen sie nur am Rand und lauschen Paganini: Seine Capricci für Solovioline bringen Zäsuren in die Szenenfolge, ohne dass sie vom Tanz aufgegriffen würden. Eine Darstellerin blickt schließlich provokant in den Saal, liefert Bewegungsfragmente, erzählt, so wie Texttiraden breiten Raum in Winklers Performance einnehmen. Stets geht es um die Personnage des Bösen – Menschen also, die Anregung boten, verbal skizziert werden, aber nicht anwesend sind. Um einen höflichen Jungen etwa, der Spiele liebt und alle Regeln kennt. Das deutet ein Tänzer bis zu Weinkrampf, epileptischem Anfall aus. Die anderen amüsiert das. Wie ein gutes Opfer auszusehen habe, möglichst Frau oder Kind, schwach und unschuldig, darüber doziert ein Tänzer. Eine Aktrice operiert offenbar mit falschen Behauptungen über sich, bringt so die anderen zum Sturz. Auf dem Boden krampfen sie, manövrieren sich in die aberwitzigsten Stellungen, landen hart aus dem Fall. Einer hebt die Finger zu Teufelshörnern, wird dann in eine militärische Gehorchsituation gebracht. Parallel dazu animiert eine Frau eine andere, sich vorzustellen, eine nicht anwesende Dritte habe deren Mutter umgebracht. Das steigert jedoch lediglich die Tanzwut der Erzählerin.

Unvermittelt ergibt sich zwischen Mann und Frau ein Duett um ebenbürtigen Kampf, um Schläge, Behindern, Austricksen. Hier, im besten Teil des gut einstündigen Abends, läuft Winkler als erfindungsreicher Choreograf zum Großformat der frühen Arbeiten auf. Auch die Kniestürze, Verknotungslagen, Renkposen verraten im Weiteren Einfallsreichtum, was dem geschundenen Körper noch abzuringen geht. Kannibale zu sein, wird jemand angefeuert mit Blick auf einen Filmpart von Hopkins, was alle wild entfesselt, grimassierend zu Animalismus führt, spuckend, geifernd, Zähne fletschend. Auch Führer-Gruß und Rot-Front-Faust mischen sich unter. Aber so leicht ist das mit dem Bösen in uns wohl doch nicht erklärt. Vielleicht klart die Fortsetzung auf, in der es um Andreas Baader geht. Jene Werkschau Christoph Winklers in den Sophiensaelen führen zwei Wiederaufnahmen weiter: »Taking Steps« und »Eine Geschichte«.

Bis 16.4., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Kartentelefon 283 52 66, Infos unter www.sophiensaele.com

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