Von Gunnar Decker
14.04.2011
Kino

Das ewige Lächeln

»Glücksformeln« von Larissa Trüby

Es gibt eine ganze Industrie, die davon lebt, Glück zu versprechen und uns einhämmert, wir könnten glücklich sein, wenn wir es nur wollten. »Optimismus kann man trainieren«, sagt der Gründer des »Happiness Institute« in Sydney. Larissa Trüby, zuvor Regieassistentin bei Tom Tykwer, hat ihren ersten umfangreichen Dokumentarfilm mit lauter Glücks-Experten gefüllt und denen, die deren Rezepte zum Glücklichsein – erfolgreich natürlich – anwenden.

Es ist schon seltsam, wenn ich mir solch naive Machwerke in voller Länge anschaue, ist mir hinterher regelmäßig schlecht vor lauter Lächeln. Als hätte ich ein Wochenende bei einer Sekte zugebracht und oder wäre gerade in den »Verein der Steppenwölfe« aufgenommen worden, über den bereits Hermann Hesse gequält spottete.

Kann es sein, dass Glücklichsein ein bisschen dumm macht? Wie kann man überhaupt auf den absurden Gedanken kommen, wir lebten, um glücklich zu sein, wo wir alle unweigerlich einmal sterben werden und bis dahin einiges auszuhalten haben? Jeder weiß, dass Glücklichsein als Empfindung eine Angelegenheit von Hormonen ist, die Momenten vorbehalten bleibt. Damit ist eigentlich alles gesagt – und man kann nur jedem Menschen wünschen, dass er in seinem Leben anderes zu tun hat, als beständig um die Frage zu kreisen, ob er glücklich sei, und wenn nicht, wie er es auf schnellstem Wege werden könnte.

Glück hat man, wenn man nicht gerade da ist, wo eine Bombe explodiert, oder einem nicht im Sturm ein Ast auf den Kopf fällt wie Ödön von Horváth. Der hatte kein Glück, der hatte Pech. Ansonsten ist Glücklichsein Angelegenheit der Kühe auf der Weide. So kommen mir mit Gewalt glückliche Menschen manchmal vor.

Oder ist es purer Neid, die Dinge so zu sehen? Kann sein, mir fehlt es an Zeit, mich ständig zu fragen, ob ich nun glücklich bin oder nicht. Was haben die Menschen eigentlich dagegen, auch unglücklich zu sein? Ist es denn ein Makel? Nein, es macht wach und schöpferisch, es lässt einen die eigene Vergänglichkeit spüren und die einzige Chance nutzen, die man hat: die noch verbleibende Frist zu nutzen. Jeder sollte Egoist genug sein, seine Zeit nicht an Dinge zu verschwenden, die es nicht wert sind. Filme wie diesen etwa.

Das Thema Glück ist, so wie es seit den Epikuräern, diesen Urvätern der Wohlfühlideologie gehandelt wird, eine ungeheure Banalität. Man überlasse also Trübys zwölf im Film auftretenden »Glücksexperten« ihrem Forschungsgegenstand. Zu wem das Glück gar nicht kommen will, dem hilft die Pharmaindustrie. Das NLP (Neuro Lingustisches Programmieren) lehrende Ehepaar sei dazu verdammt, in der Welt zu leben, die es sich ausmalt! Geiz-ist-geil-Träume auf Kaffeefahrt. Ja, man bekommt richtig schlechte Laune bei dem Tanz ums Glück, der hier veranstaltet wird – und Larissa Trüby als Autorin und Regisseurin ist unfähig, so etwas wie Distanz herzustellen, den Zynismus der Glücksideologie zu erkennen. Gegen diesen bieder-humorlosen Film wirkt jeder Volkshochschulkurs virtuos.

Wer nicht andauernd in seiner Intelligenz und Leidensfähigkeit beleidigt werden will, der lese zwei Bücher von Ludwig Marcuse: »Philosophie des Glücks« und »Philosophie des Un-Glücks«. So wie Marcuse es behandelt, macht es dann wieder Spaß, vom Glück zu reden. Es ist die Gegenlesart zu jenem Puritanismus, der auch durch die »Glücksformeln« wabert: dass nämlich die Tugendhaften glücklich seien, dass man sich nur genug anstrengen müsse, um glücklich zu sein. Nein, für Momente glücklich zu sein, das ist ein Geschenk, eine Gnade, für die man dankbar sein soll. Glück leibt ungerecht verteilt auf der Welt – das liegt ihm im Wesen!

Marcuse: »Die großen Religionsstifter und Philosophen bis zu Schopenhauer hin versorgten die Menschen oft mit einer Geborgenheit im Glück, die nie lange hielt, sondern mehr und mehr durch armselige Interpretation ersetzt wurde. Wer glaubt, ein sinnloses Leben nicht führen zu können, soll sich umbringen. Sinnlos bedeutet: ohne einen dauernd schützenden Sinn. Momentane Glücks- und Seligkeitspartikel gibt es genug. Der Mensch muss lernen, bescheidener zu sein.« Ein einziges Glück jedoch, das nicht so schnell banal wird, gibt es dann doch: das des Erkennenden.

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