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Unternehmen Bamboo Bike: Viel mehr als ein paar Stahlrohrenden bleibt nicht vom alten Fahrradrahmen...
Foto: ND/Ulli Winkler
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Der Schreck ist kurz, aber heftig: »Wem fehlt dieses Rohr?« ruft Thomas Finger und hält ein Stück Bambus in die Höhe. Fünf Köpfe schnellen herum. Bloß das nicht, denkt jeder. Es wäre ein Fiasko; zwei Tage Arbeit umsonst. »Ach so«, brummelt Finger, »das ist Abfall, hier ist ja ein Riss drin.« Er legt das Rohr weg und grinst. Kleiner Scherz am Rande. Die fünf Bastler atmen auf und widmen sich wieder ihrem Wochenendjob.
In einem Hinterhofkeller im Berliner Stadtteil Wedding werden Fahrräder gebaut. Nicht mit dem Schweißgerät, sondern mit Säge und Kleber. Bambus lässt sich nicht schweißen, aber Bambus, davon ist Thomas Finger überzeugt, hat eine große Zukunft. Um das zu demonstrieren, braucht er etwas, was man kennt und versteht – es lief wohl ziemlich zwangsläufig auf das Fahrrad hinaus. Finger lädt zu Workshops ein, in denen sich jeder, der Lust dazu hat, ein Fahrrad bauen kann, dessen Rahmen aus Bambusrohren besteht.
Fünf Neugierige haben sich für ein Wochenende auf engsten Raum in Fingers Kellerwerkstatt zurückgezogen. Eine Zufallsgemeinschaft, die ahnen lässt, was das für Leute sein mögen, die der Verheißung eines selbst gebauten Ökogefährts folgen: Ute, Erzieherin aus Berlin; Chris, Maschinenbaustudent aus Zürich; Reinhard, Projektant von Windkraft- und Solaranlagen aus Oldenburg; Arne, angehender Journalist und derzeit Praktikant bei der Grünen-Bundestagsfraktion – und ich, ND-Redakteur aus Berlin.
Erster Tag
Freitagnachmittag. Noch wissen wir nicht, dass wir diesen Keller bis zum späten Sonntagabend praktisch nur zum Schlafen verlassen und von der Frühlingssonne ungefähr so viel mitbekommen werden wie die Kühlschranklampe vom Tageslicht. Hier unten riecht es nach Arbeit. Es herrscht die Mischung aus Ordnung und Durcheinander, die einem sofort sagt: Das könnte Spaß machen, auch wenn es manchmal schwierig wird.
Die Sinnfrage wird unter den fünf Entschlossenen nicht gestellt, sie ist beantwortet. Wozu braucht man ein Bambusrad, wenn man doch schon einen Drahtesel hat – das können nur Leute fragen, die sich für die Idee nicht begeistern. »Es gibt Dinge, die will man einfach«, stellt Ute kurz und bündig fest. Wobei es um das Machen und das Haben gleichermaßen geht: Die Aussicht, in überschaubarer Zeit etwas Brauchbares und Vernünftiges entstehen zu lassen, macht einen guten Teil der Faszination aus. Genau so wie die Idee, das Ganze mit alternativen Materialien zu versuchen. Bambolito nannte eine Workshop-Teilnehmerin aus Lateinamerika begeistert ihr Rad.
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...der mit passenden Bambusrohren wieder aufgebaut wird.
Foto: ND/Ulli Winkler
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»Sucht euch mal eins aus«, sagt Thomas Finger und zeigt an eine Wand. Gebrauchte, lädierte, teils komplette, teils amputierte Fahrräder hängen dort, die Finger bei Haushaltsauflösungen und Häuserräumungen organisiert. Schrott im Großen und Ganzen. Wir überlegen hin und her. Hätten wir gewusst, was davon übrig bleiben wird, wir hätten schneller zugreifen können. Denn die alten Räder sind nicht mehr als Blaupausen für das Bambusbike, und sie liefern, nachdem sie ausgeweidet worden sind, die Grundelemente für den Bambusrahmen. Tretlager, Sattelrohr, Lenkkopf – ein paar abgesägte Metallteile bilden das neue Gerüst.
Was nicht mehr gebraucht, wird, sammelt Thomas Finger ein. Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben, Kettenteile, Lenker, Pedale, Sattel – er sortiert sie in Kisten und Kästchen, und wir werden ihm dankbar dafür sein, denn darin findet sich nach längerem Wühlen die Lösung für manches Problem, dem wir begegnen werden.
An einem Regal hängen Fotos eines – nun ja, wir sehen es gleich – unerreichbar perfekten Bambusrades. »Das ist von Calfee«, sagt Finger. Die kalifornische Firma verkauft Edel-Bambusbikes für einige tausend Dollar. Auch in Afrika und Asien dient Bambus als Rohstoff für Fahrradrahmen – dort muss man immerhin 400 bis 500 Dollar hinlegen. Wenn man nicht zum Eigenbau übergeht. Genau das tun Thomas Finger und seine Freunde von der Grünen Uni.
Zweiter Tag
Samstagmorgen. Noch ist von unseren Rädern nicht viel zu erkennen. Auf den Werktischen stehen Holzplatten, an denen die Eckteile des zersägten Stahlrahmens fixiert sind. Jetzt müssen die derzeit noch aus Asien importierten Bambusrohre angepasst werden. Messen, Sägen, Feilen, Schleifen. Das dauert. Denn Bambus ist einerseits sehr belastbar, andererseits empfindlich: Fällt ein Rohr zu Boden, hat es mit ziemlicher Sicherheit einen Riss und ist für unseren Zweck nicht mehr zu gebrauchen. Finger kann das erklären; es hat mit der Wuchsrichtung der Fasern zu tun, mit ihrer unterschiedlichen Dichte.
Bei der Grünen Uni, einer Gruppe an der Technischen Universität Berlin, sind sie sich über die Qualitäten von Bambus längst im Klaren. Anderswo auf der Welt entstehen daraus Möbel, Häuser, Brücken und riesige Baugerüste. Am Anfang belächelte mancher Fingers Radidee; inzwischen betreut er an der TU Berlin als Tutor eine Projektwerkstatt, die sich mit dem NaWaRo-Fahrrad befasst. NaWaRo steht für nachwachsende Rohstoffe. Finger kann lange über die Ressourcen der Erde sprechen, über den Peak of Oil – den Punkt, von dem an der Hunger der Menschheit nach Erdöl größer ist als die Vorräte. Die Rohstoffwende, davon ist er überzeugt, muss kommen, und sein Beitrag dazu ist das Bambusrad für jedermann, an dem sie in der Projektgruppe knobeln und forschen und das man sich in Workshops bauen kann. Denn Bambus, ein Süßgras, wächst unglaublich schnell und hält, wenn es verholzt und getrocknet ist, extremen Belastungen stand.
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Thomas Finger, der Initiator der Projekts, hat für sein erstes Bambusrad Rohre aus Hessen benutzt – nachdem er sie stundenlang mit der Flamme eines Campingkochers getrocknet hatte.
Foto: ND/Ulli Winkler
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Am Nachmittag ein erstes Erfolgserlebnis: Die Teile sind so vormontiert, dass man eine Ahnung vom neuen Rahmen bekommt. Die Bambusrohre werden dick mit alten Zeitungen eingewickelt, denn nun folgt der wohl anstrengendste Teil: Ausgerüstet mit Gummihandschuhen und Atemschutzmaske, kleben wir die Rohre zusammen – mit Hanffasern und Kunstharzkleber. Der ist noch nicht der Inbegriff des Umweltbewusstseins, aber Finger will ihn bald durch gleichwertigen Biokleber ersetzen.
Dritter Tag
Sonntagmittag. Die Rahmen, die in dem Mantel aus klebergetränktem Zeitungspapier aussehen, als hätte sich der Verpackungskünstler Christo an ihnen zu schaffen gemacht, werden entblättert. Der Vorgang hat etwas von einer Denkmalsenthüllung. Alles, was fürs Fahren unentbehrlich ist, muss nun wieder montiert und angepasst werden: Tretlager, Kette, Räder, Bremse, Lenker, Sattel. Hört sich einfach an, birgt aber jede Menge unverhoffter Schwierigkeiten.
Finger hilft und gibt Tipps; inzwischen ist sein Mitstreiter Johannes Fischer dabei, der Maschinenbau studiert. Auch Fischer knobelt an der Perfektionierung des Projekts Berlin Bamboo Bikes. Er steckt lackierte Bambusrohre zum Härtetest in den Geschirrspüler und rattert mit seinem Rad Treppen herunter. Das muss es aushalten, sonst taugt es nichts. Bambus ist enorm elastisch – seine wahren Vorzüge zeigt ein Bambusrad auf Kopfsteinpflaster, sagt Thomas Finger.
Zur Hannover-Messe Anfang April haben die Radfreaks von der TU ein Rad gebaut, in dem all ihre Erfahrungen stecken. Und probehalber die Möglichkeiten, die sich noch eröffnen: Felgen aus Holz, Schutzbleche aus einem Flachsgemisch. Und noch mehr ist denkbar: Reifen aus Löwenzahn-Kautschuk etwa oder hölzerne Lenker. Zu 90 Prozent soll das Rad einmal aus nachwachsenden, biologisch abbaubaren Rohstoffen bestehen, möglichst aus der Region. Demnächst wird eine geeignete Bambussorte in Ostbrandenburg gepflanzt, um zu prüfen, ob sie auch hier die nötige Qualität erreicht – oder, wie es in einer Projektbeschreibung heißt, um zu demonstrieren, »dass sich aus in Mitteleuropa kultivierbaren Pflanzen hochwertige und langlebige Konstruktionen herstellen lassen«.
Irgendwann soll das Bambusrad durch den TÜV kommen und genau so gut sein wie Räder aus Stahl – nur dass zu seiner Herstellung viel weniger Energie nötig ist. Vielleicht stellen Finger und Co. sie einmal in einer Manufaktur her oder verkaufen Selbstbausätze. Bisher rollen rund 40 Bambusgefährte aus seiner Werkstatt über deutsche Straßen und Wege. Es ist ein Anfang.
Für 222 Euro Teilnehmer- und Materialgebühr kann man sich bei Berlin Bamboo Bikes sein eigenes Ökorad basteln. Anmeldung sowie weitere Informationen auch über die Grüne Uni der TU Berlin im Internet unter
www.berlin-bamboo-bikes.org
www.gruene-uni.org
Bambus ist ein sehr schnell wachsendes Süßgras. Manche der fast 1500 Arten schießen am Tag bis zu einem Meter in die Höhe – man kann förmlich zusehen. Neben seiner Verwendung als Gartenpflanze, Bau- und Brennstoff ist es Nahrungsmittel sowie Material u.a. für Musikinstrumente, Waffen, Textilien und Kosmetikprodukte. Mit Hilfe von Bambussprossen wird auch Bier gebraut und Schnaps gebrannt.
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