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Von Regina Stötzel 18.04.2011 / Inland

Gedenkstätte? Gefällt mir!

Erinnerungskultur online: Auschwitzbesuch auf Youtube

Wer will, kann sich Zeitzeugeninterviews auf dem Smartphone in der U-Bahn anschauen und virtuelle Spaziergange durch Gedenkstätten unternehmen. Unzählige Dokumente über den Holocaust sind im Internet verfügbar. Mit den Folgen, Chancen und Risiken dieser Entwicklung hat sich eine Konferenz in Berlin beschäftigt.

In überhöhter Geschwindigkeit, die kaum Details erkennen lässt, saust eine Kamera durch die Räume des Museums und die Halle der Namen, um schließlich den Blick hinaus ins Freie schweifen zu lassen. Die Website von Yad Vashem, der großen israelischen Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Juden, bietet die kleine virtuelle Tour. Die Frage, ob durch eine ausgiebigere Runde im Internet ein leibhaftiger Besuch dort überflüssig werden könnte, steht zwar im Ankündigungstext der Konferenz »httpasts://digitalmemoryonthenet. Erinnerungskulturen online«, die die Bundeszentrale für Politische Bildung in der Deutschen Kinematek am Potsdamer Platz in Berlin veranstaltete. Aber wohl niemand der Teilnehmer würde das ernsthaft bejahen.

Zwei Millionen Menschen jährlich besuchen die Gedenkstätte bei Jerusalem. Elf Millionen sehen sich die Website an. »Wir fragen uns nicht, ob man das Internet nutzen sollte oder nicht, wir tun es«, sagt Na'ama Shik, die Leiterin der Internetabteilung der International School for Holocaust Studies von Yad Vashem, und beschreibt die unzähligen Angebote der Website. Sie fände es geradezu »unmoralisch«, die vorhandenen Dokumente nicht auf diese Weise zur Verfügung zu stellen. Nur konsequent veröffentlichte die Gedenkstätte zum 50. Jahrestag des Beginns des Eichmann-Prozesses mehr als 200 Stunden Filmmaterial aus dem Gerichtssaal auf Youtube.

Viele Überlebende der Shoah haben nicht mehr erlebt, dass die Interviews, in denen sie ihre Schicksale erzählten, ins Internet gestellt wurden. Personen, die willens und dazu in der Lage sind, könnten solche Filme downloaden und verfremden, die Opfer verhöhnen. Grund genug für die Mitarbeiter des Orts der Information am Holocaust-Mahnmal in Berlin, ihre Zeitzeugeninterviews nur im dortigen Videoarchiv zugänglich zu machen, wie Ruth Oelze erklärt.

Geteilt sind die Meinungen auch über andere Veröffentlichungen im Netz. So meldete ein junger polnischer Historiker ein Facebook-Profil auf den 1942 im Alter von neun Jahren in Majdanek ermordeten Henio Zytomirski an. Er veröffentlichte Fotos des jüdischen Lubliner Jungen und schrieb fiktive Statusmeldungen dazu. Der Auschwitz-Überlebende Adam Kohn stellte ein Video auf Youtube, das ihn mit seinen Enkeln zu dem Song »I will survive« tanzend im ehemaligen Vernichtungslager zeigt. »Das Internet strapaziert unser Verständnis von Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit«, so Claus Leggewie, Politikwissenschaftler.

»Mutig oder irrelevant« zu sein, ist die Frage, die sich David Klevan vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington stellt – und die man dort längst zugunsten von Youtube, Facebook, Twitter und Co. beantwortete. Umgekehrt ruft das Museum über Internet auf, weitere Berichte über Schicksale von Kindern zu schicken, die den Holocaust überlebten und von denen Fotos erhalten sind, mit denen nach dem Krieg in Europas Flüchtlingslagern nach Angehörigen gesucht wurde.

Ein wenig pastoral, aber bestechend reflektierte Viktor Mayer-Schönberger (Universität Oxford) über Nachteile der unbegrenzten Erinnerungsfähigkeit des Internets. Ein im jugendlichen Leichtsinn eingestelltes Foto oder ein Bekenntnis zum Drogenkonsum können Jahre später noch Konsequenzen haben. Mayer-Schönberger plädiert für die Wiedereinführung des Vergessens – was man auch als Aufforderung für verantwortungsbewussten Umgang mit dem Netz verstehen kann.

Den meisten Referenten und Konferenzteilnehmern geht es um die neuen Herausforderungen im Zeitalter des Web 2.0. Darum, wie man Schülern die Kompetenz für einen kritischen Umgang mit den schier unendlichen Informationsquellen vermitteln kann. Man muss sich auch auf Absurditäten einstellen, wenn Erinnerungskultur und digitale Schlichtheit aufeinander treffen. Um Nachrichten von Yad Vashem zu erhalten, ist der Button »Gefällt mir« zu drücken. Fast 30 000 Personen sind schon »Fans« geworden. Na'ama Shik bringt es auf den Punkt: »Was heißt da Fan? Fan des Holocaust?«

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