Von Caroline M. Buck
21.04.2011
Kino

Gegen Krähen, Schafe und Mit-Muslime

»Four Lions« von Chris Morris

Ein bärtiger junger Mann plant einen Anschlag, kauft massenweise Haarbleichmittel, die sich irgendwie zum Bombenbauen verwenden lassen, und verstellt, damit niemand im Laden merkt, dass hier immer derselbe bärtige junge Mann immer mehr Wasserstoffperoxid bunkert, bei jedem neuen Einkauf – seine Stimme. Seine Komplizen sind fassungslos im Angesicht von so viel Naivität. Der Zuschauer ist es auch, schon alleine deshalb, weil »Four Lions« der wahrscheinlich erste Film der Welt ist, der das Milieu britischer Muslime nach potenziellen Selbstmordattentätern durchkämmt, sie dort auch findet – und dann eine Farce draus macht, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Weil einerseits komplett realistisch wirkt, was da auf der Leinwand an Milieuschilderung stattfindet, und andererseits einfach nicht wahr sein darf, was sich da an jugendlichem Eifer, falschverstandener Religiosität und technischem Unverstand zu einem blutigen Feldzug gegen irgendwas da draußen zusammenbraut.

Nun ist der britische Realsatiriker Chris Morris durchaus dafür bekannt, dass er vor keiner Kontroverse zurückschreckt. In seinen frühen Radiosendungen nicht, in späteren Fernsehshows nicht und in diesem seinem Spielfilmdebüt schon gar nicht. Von der BBC, wo er sein Metier lernte, wurde er angeblich gefeuert, als er einem Nachrichtensprecher bei laufender Radioübertragung Helium verabreichte. Seine Fernsehshow-Episode über Pädophile, ihre Opfer und den medialen Umgang mit beiden brachte dem ausstrahlenden Sender Channel 4 eine Rekordzahl an Zuschauerbeschwerden ein. Selbst so erfahrene Show-Größen wie den Dokumentarfilmpopulisten Michael Moore oder den hartgesottenen Reality-Show-Moderator Jerry Springer sowie diverse britische Politiker verleitete Morris zu Selbstentlarvungen vor laufendem Mikrofon.

Und wenn er gerade nicht mit echten Größen aus Showbusiness und Politik sprach, stellte Morris für seine satirische Nachrichtenparodie fernsehtypische Interview-Situationen per Satelliten-Zuschaltung nach, in denen er dann gar (angebliche) australische Staatsminister dazu verleitete, Großbritannien den Krieg zu erklären, oder (angebliche) Aids-Opfer vor beifällig klatschendem Studiopublikum in »gute« Kranke und »böse« Kranke unterteilte, je nachdem, auf welchem Weg die HIV-Ansteckung erfolgt war. »Gut«, das waren dann die, die ohne eigenes Zutun bei einer medizinischen Bluttransfusion infiziert wurden. »Böse«, das waren die anderen: deren Lebenswandel zu ihrer Infektion beigetragen hatte – man kann es sich denken, was er damit meint, und während man es noch denkt, ist man Morris schon auf den Leim gegangen.

Wer Chris Morris auf Festivals begegnet (oder seine Festival-Auftritte im Internet nachvollzieht), erlebt einen gebildeten, blitzgescheiten, gar nicht grobklötzigen Sympathieträger. Bei seinen Fernseh-Sketchen und Radio-Interviews dagegen kann einem die Spucke wegbleiben. (Auch sie sind, im englischen Original, in großer Anzahl im Netz zu finden.) Die BBC wollte mit »Four Lions«, der Komödie über den Terror, schlimmer noch: den einheimischen Terror, direkt vor der eigenen Haustür, angeblich denn auch nichts zu tun haben. Dabei scheint Morris’ Spielfilmdebüt zumindest im heimischen Großbritannien weit weniger Kontroversen ausgelöst zu haben als die meisten seiner vorherigen Medienauftritte. Die vier muslimischen Jungs aus dem nordenglischen Sheffield, die sich da mit einem Konvertiten zusammentun, um den Heiligen Krieg zu führen (und natürlich ist der Konvertit der mit Abstand Radikalste der Gruppe), wissen erstmal auch gar nicht genau, wogegen sie eigentlich sind und was sie denn nun attackieren wollen.

Die örtliche Filiale einer großen Drogeriekette vielleicht? Oder doch lieber die örtliche Moschee? Um die Mitläufer, die Gutgläubigen, die Angepassten zu radikalisieren und die Bewegung zu vergrößern? Eine wichtige Frage, die unbedingt geklärt werden muss. Aber auch das mit den Dschihadi-Videos, den letzten Botschaften für die Hinterbliebenen, den digitalen Kampfansagen an den nicht-muslimischen Rest der Welt, will geübt sein, zu Hause, vor einem irgendwie vage authentisch-ethnischen Stoffdruckbehang an der Wand. Material für die Bomben will beschafft, ausprobiert und transportiert werden. Dabei müssen dann leider ein paar unschuldige Tiere daran glauben – und einer der Ihren, der zur falschen Zeit über die falsche Mauer sprang.

Wenn das alte Auto während einer wichtigen konspirativen Transportfahrt streikt, dann sind natürlich die Juden schuld. Denn die haben bekanntlich die Zündkerzen erfunden, um den globalen Verkehr in der Hand zu haben. Oder so ähnlich. Und wie war das gleich mit der großen Rutsche im Vergnügungspark, mit den langen Menschenschlangen davor und der Bombe, die irgendwie das Schlangestehen ersetzt? Und wer brachte überhaupt den ewigen Kampf gegen die Mini-Babybels, diese in rotes Wachs verpackten, total überteuerten runden Kleinkäse im Supermarkt-Kühlregal, ins Spiel? Vom Disney-Schlachtross »Der König der Löwen« ganz zu schweigen, der dem Film einen Teil seines Titels leiht, denn wie soll man einem Kind schließlich besser den Kampf des Terroristen gegen die böse Welt erklären als mit dem Beispiel von Simba, dem Löwen? Man muss diesen speziellen filmischen Kampf der Kulturen gesehen haben, um ihn zu glauben. Es fließt Blut in Morris' wirklich bitterböser Komödie, wenn auch ohne die drastische Bildlichkeit, mit der moderne Splatterfilme ihr hellrotes Kunstblut über die Leinwand matschen. Das Ziel der Attacke wird am Ende der Londoner Marathon sein, und das ist dann fast wieder zu realistisch, um noch Spaß zu machen. Aber auch da sind Chris Morris und seine beiden Drehbuchautoren Jesse Armstrong und Sam Bain wieder ein bisschen schneller als der Zuschauer, dem angesichts der potenziellen Verwüstung, die ein paar zu allem entschlossene Jung-Muslime in einer solchen Menschenmenge anrichten könnten, ein Schauder den Rücken runterläuft. Bis dann Morris zu ein paar so extrem albernen Verkleidungen greift, unter denen seine Attentäter ihre Bombengürtel camouflieren, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als mit stockendem Atem und Lachtränen in den Augen zu hoffen, dass sie sich auch hier wieder verlässlich als absolut unzuverlässig erweisen werden.

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