Von Stephan Brünjes
23.04.2011

Wasserschlacht oder Ruß ins Gesicht

Hasen, Eier, Küken oder Bilbys – Ostern wird weltweit gefeiert und überall ein bisschen anders

Was haben Norderney und das Weiße Haus in Washington gemeinsam? Antwort: Fast denselben Osterbrauch. Auf Norderney heißt er »Trüllen« und ist eine Art Ostereier-Wettrennen: Einfach mit der Hand Rinnen in die Dünen ziehen und die Eier darin herunterkullern lassen. Weil die Eier auf dem Rasen des Weißen Hauses nicht von selbst in Fahrt kommen, dürfen die Kinder mit Löffeln nachhelfen, um sie voranzutreiben. Danach gibt's besondere Preise: Holz-Eier mit den Unterschriften des Präsidenten und der First Lady.

Bis ins vergangene Jahrhundert hatte Meister Lampe ja bei uns auch noch tierische Konkurrenz: In Westfalen lieferten Füchse die Ostereier, in Thüringen kam der Storch und in der Schweiz sogar der Kuckuck. In Australien ist der Hase immer noch out, denn zusammen mit dem Kaninchen gilt er hier als Schädling. Der Grund: Beide haben sich – mitgebracht von den Siedlern im 18. Jahrhundert – rasend schnell vermehrt und das Weideland kahl gefressen. Deshalb heißt es in Down under: »Osterbilby statt Osterhasi«. Der Bilby nämlich, ein kleines hasenähnliches Beuteltier gilt als Hauptopfer der Hoppelinvasion. Angeblich gibt es nur noch etwa 600 Bilbys. Zu Ostern vermehren sie sich dann explosionsartig – aus Schokolade. Die verstecken Eltern für ihre Kinder.

Auch in Schweden ist der Osterhase abgemeldet. Ein Osterküken stiehlt ihm hier die Schau. Denn es bringt nicht nur die Eier, sondern bestimmt auch die Farbe des Festes: Ostern erstrahlt Schweden in gelb, die Wohnungen sind dann mit Birkenzweigen und bunten Federbüscheln geschmückt. Nebenan, in Finnland spielt die Birke ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Finnen schlagen ihren Freunden und Bekannten leicht mit Birkenruten auf den Rücken. Als Ersatz für Palmwedel, mit denen Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem begrüßt wurde. Anders als die Schweden, bei denen es Ostern sehr ruhig zugeht, ziehen finnische Kinder am Ostersonntag meist rußgeschwärzt, mit Kopftüchern verkleidet lärmend durch die Straßen und bitten um Süßigkeiten und Kleingeld – sie wollen so den Winter endgültig verscheuchen.

Wesentlich handfester gehen die Polen zur Sache: »Smyngus-Dyngus« heißt der Brauch, bei dem am Ostermontag kaum jemand trocken bleibt. Vor allem die Kinder bespritzen sich gegenseitig mit Wasser und schütten es anderen kübelweise über die Köpfe. Eine feucht-fröhliche Erinnerung an die Taufe des Prinzen Miesko I. im Jahre 966, der den Polen das Christentum brachte.

Nicht ganz so wild, aber ebenfalls feucht geht es in Ungarn zu: Auch am Ostermontag bespritzen die Männer die Frauen der Familie und aus dem Freundeskreis mit Parfüm oder Wasser. Im Gegenzug werden sie mit Kuchen, Alkohol und Ostereiern bewirtet. Letztere haben in der Nachbarschaft, bei den Bulgaren, keine lange Lebensdauer. Denn die Bulgaren verstecken die Eier gar nicht erst, sondern lassen sie genussvoll an Kirchenmauern zerplatzen oder bewerfen sogar Familienangehörige damit.

Etwas vornehmer müssen sich die Kinder in Großbritannien beim Eier-Zerstören benehmen – dem »Egg-shackling»: Dabei werden zuerst die Kindernamen auf rohe Eier geschrieben, dann die Eier solange in einem Sieb geschüttelt bis nur noch ein heiles als Sieger übrig bleibt.

Die Franzosen haben einen Feiertag weniger, müssen – abgesehen von den Menschen in Elsaß-Lothringen – am Karfreitag arbeiten. Wichtiger als der Osterhase sind bei unseren westlichen Nachbarn die Kirchenglocken. Sie schweigen von Gründonnerstag bis Karsamstag, um den Tod Jesu zu betrauern. Am Ostersonntag dann läuten sie im ganzen Land mit voller Kraft, um die Auferstehung zu verkünden. Den Kindern erzählt man, dass dieses Glockenläuten bis nach Rom zum Papst dringt und es von dort mit den Ostereiern zurückkehrt.

Fast karnevalistisch geht es am Ostersonntag auf New Yorks Fifth Avenue zu: Schrill-bunt gekleidete Menschen und fröhliche Blaskapellen feiern auf prächtig geschmückten Wagen. Die »Easter Parade« zieht durch Manhattan. Beste Sicht auf das Spektakel bietet der Platz rund um die St. Patrick's Kathedrale. Außerdem gibt es überall am Big Apple österliche Sonderaktionen – von Museen über Restaurants bis zum Zoo.

Und wenn's über Ostern nur ein Kurztrip sein soll? Dann vielleicht zu den sehenswerten Osterfeuern an Hamburgs Elbstrand, am besten zu beobachten während der Osterfeuerfahrten auf der Elbe. Oder wie wär's mit einem Besuch beim wahrscheinlich größten Osterfeuerspektakel Deutschlands? Dazu lädt alljährlich das Dorf Lügde bei Bad Pyrmont: Hier rollen die Bewohner am Nachmittag des Ostersonntags sechs hölzerne Wagenräder mit 1,70 Meter Durchmesser durch die Straßen und dann auf den Osterberg. Vorher wurden die Räder mit Roggenstroh und Haselnusszweigen ausgestopft. Nach Einbruch der Dunkelheit ist es dann soweit: Mitglieder des örtlichen Dechenvereins stecken die sechs Räder in Brand und lassen sie den Osterberg runter ins Tal des Flüsschens Emmer rollen. Mit Tempo 80 sausen die Brandräder dabei über Wege hinweg und durchbrechen Hecken. Ein in Deutschland einmaliges Spektakel, das seine Wurzeln in heidnisch-germanischem Brauchtum hat – das Feuerrad als Sinnbild der Sonnenscheibe.

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