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Von Harald Lachmann 28.04.2011 / Inland

Beleuchtete Kuhwiesen

Erst wird Ackerboden für Gewerbegebiete requiriert, die dann leerstehen – zurück bleiben Millionengräber auf Bauernland

Im sachsen-anhaltischen Warnstedt wurden die ersten Windschutzstreifen gerodet, um auf 22 Hektar bestem Ackerboden ein riesiges Industriegebiet zu erschließen. Vorerst ist nicht ein Interessent dafür bekannt. Die Landwirte der Agrar GmbH Warnstedt wehren sich gegen die Pläne.
Albrecht Kloß und sein Warnstedter Agrarunternehmen wehren
Albrecht Kloß und sein Warnstedter Agrarunternehmen wehren sich gegen die Landnahme für neue Gewerbegebiete. In die Windschutzstreifen an ihren Äckern wurden schon tiefe Lücken geschlagen (ganz oben). Fotos: Lachmann

Nach der Wende entstanden sie als ein System aus Windschutzstreifen im Landschaftsschutzgebiet. Nun, da sie die nötige Größe haben, um dem Wind und damit der Bodenerosion zu trotzen, will man sie flach legen. Denn im geschützten Vorharzrevier soll ein wuchtiges Industriegebiet Ackerbau und Natur verdrängen.

Die Rede ist von Buchen, Eschen und Pappeln in der Feldflur von Warnstedt. Im März rückte hier der Abholztrupp an. Doch Karl-Heinz Salmen, einer der beiden Geschäftsführer der Agrar GmbH Warnstedt, stellte sich ihnen in den Weg. Auf Bauernland würden keine Bäume gefällt, gebot er energisch Einhalt. Die Holzfäller zogen ab, kamen aber wieder – mit einem Vermessungstrupp. Der stellte fest, dass sich 200 Meter der Baumreihe nicht auf dem Feld befinden, sondern im Bereich der Straße. Sie gehören damit in die Hoheit der Stadt Thale, der man Warnstedt 2004 angegliedert hatte. Prompt fielen hier die Bäume.

Niemand kennt die Ansiedlungswilligen

Salmen und sein Co-Geschäftsführer Albrecht Kloß wissen, dass es schwer wird, das 22 Hektar große Gewerbegebiet auf bestem Ackerboden noch zu verhindern. Doch sie sehen Moral und Menschenverstand auf ihrer Seite. Die Landwirte können es nicht fassen, dass die Fällaktion von der Naturschutzbehörde des Harzkreises genehmigt war. Derselbe leitende Mitarbeiter, der ihnen mit saftigen Geldbußen drohte, falls sie sich an Sträuchern in ihrer Feldflur vergreifen, verteidigt nun den Baumfrevel: Man habe alles »auf Grundlage der Baumschutzverordnung geprüft«, die Sache sei »sauber gelaufen«.

Kloß muss seine Wut darüber im Zaum halten. Denn für jene »Sache« habe die Behörde ihre eigenen Regeln ausgesetzt, schimpft er. Ab März nämlich dürften gar keine Bäume mehr gefällt werden. »Kurzerhand stellten die Schreibtischnaturschützer eine Ausnahmegenehmigung hierfür aus.«

Seit Jahren kämpfen die Warnstedter Landwirte gegen das Industriegeviert direkt vor ihrem Hof. Es nähme ihnen nicht nur weiteren wichtigen Acker – seit 1991 waren ihnen bereits 115 Hektar Nutzfläche entzogen worden –, sondern würde auch ihren Betriebsablauf schwer beeinträchtigen. Sie wären von der Hauptstraße und ihren Feldern abgeschnitten, lägen inmitten von Wohnbebauung und Industriegebiet.

Überdies, so fügt Kloß hinzu, fehle für das neue Gewerbeareal noch jeglicher Investor. Thales Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU) behaupte zwar, mit zwei Ansiedlungswilligen in Kontakt zu stehen. Doch deren Namen mag er nicht preisgeben – um sie zu schützen, wie er sagt. »Und wer schützt uns vor neuen Phantomplänen, die am Ende wieder nicht aufgehen?« fragt Kloß und verweist auf gut 200 Hektar erschlossenes Gewerbeland, die allein im Harzkreis brach liegen, weil sich niemand ansiedeln will. Ein paar Kilometer weiter, in Gernrode, lassen sich schon lange große »beleuchtete Kuhwiesen« bewundern, wie die Bauern der Region spötteln. Angeblich hatte es für das Gewerbeareal »Auf den Steinen II« Bewerber zuhauf gegeben, bevor es 2004 samt der Straßenbeleuchtung teuer erschlossen war. Doch danach waren sie plötzlich weg.

Dass diesbezüglich nicht nur im Harz einiges im Argen liegt, brachte im Februar die FDP im Magdeburger Landtag zur Sprache. Ihr Landesentwicklungsexperte Uwe Schrader sprach von Millionengräbern und meinte damit »teuer erschlossene Industriegebiete, für die es keinen einzigen Interessenten gibt«. Mehr als 100 Millionen Euro habe man in Sachsen-Anhalt schon für »Geisterlandschaften zum Fenster hinausgeworfen«, wertvoller Ackerboden werde so der agrarischen Nutzung entzogen. Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, kann hierzu auch bundesweit konkrete Zahlen nennen. In ganz Deutschland würden jährlich 100 Hektar Acker für neue Straßen oder Ansiedlungen geopfert, sagt er. Gut 800 000 Hektar landwirtschaftliche Fläche seien damit seit 1980 für die Lebensmittelproduktion verloren gegangen.

Dass Thale hunderte Arbeitslose hat, bekümmert auch Kloß. Er würde, wenn man mit ihm redete, vielleicht Flächen abgeben, die direkt an Thale-Nord grenzen, ein anderes Industrierevier im ländlichen Umland, für das man schon geblutet hatte. »Doch auch wir haben Arbeitskräfte!« erregt er sich. Und dass das Rathaus erhoffte Industrieansiedlungen aufs eingemeindete Dorf delegiert, statt in der Stadt selbst zu investieren, hält er schlicht für hinterhältig.

Keine Lust auf Flächenaustausch

Diesen Zustand geißelte schon Jürgen Zywitzki, Geschäftsführer des Bauernverbandes Nordharz, in einem Brief an die Regionale Planungsgemeinschaft Harz. In Thale, das raumordnerisch als »Standort für regional bedeutsame Industrie« gelte, habe man trotz ausreichend vorhandener Areale »nicht eine Fläche als Industriegebiet ausgewiesen«, rügte er. Offenkundig wolle sich die Kernstadt »als touristisches Zentrum profilieren und die industrielle Entwicklung aufs Dorf verlagern«.

Immerhin machte Zywitzki einen Vorschlag zur Güte. »In Quedlinburg hatte man einer Fläche, die in der Landesplanung als Vorranggebiet für Landwirtschaft galt, diesen Status wieder entzogen, um Industrie ansiedeln zu können«, erzählt er. »So wäre es nur fair, erhielte die Landwirtschaft im Gegenzug anderswo Flächen übertragen, etwa in Warnstedt. Sonst wäre das ja eine Einbahnstraße.«

Auf den Vorschlag eines Flächenaustauschs bekam er keine vernünftige Reaktion. Die Antwort vom Planungsverband fiel ebenso knapp wie abweisend aus: Erstens seien die Warnstedter Äcker halt als Vorranggebiet für Industrie ausgewiesen, und zweitens verfüge die Kernstadt Thale nicht über »alternative Brachflächen, die für größere Industrieansiedlungen tatsächlich geeignet wären«.

Kloß hält das »schon für böswillig« angesichts der großen Industriebrachen in der Stadt. Fehlt den Bauern im Vorharz am Ende die Lobby? Man mag es nicht glauben; immerhin lebt in der Gegend ein Großteil der berufsständigen Führungsspitze Sachsen-Anhalts. »Doch bei mir hat sich noch keiner sehen lassen.«

Dabei sollte es schon zu denken geben, dass Thales Rathauschef Balcerowski wiederholt damit kokettierte, für die »Interessen der Allgemeinheit« zu agieren, während er die Belange der Landwirte als »Eigennutz von Einzelpersonen« abtut. Geradezu schadenfroh hatte er letztes Jahr gewirkt, als Sachsen-Anhalts Landesverwaltungsamt in Halle einen Beschluss des Harzkreistages von Ende 2009 de facto wieder kippte. Darin hatte das Harzparlament mehrheitlich gefordert, die Kreisverwaltung solle bei Gewerbeansiedlungen mehr Einfluss darauf nehmen, dass hierbei nicht länger wertvoller Ackerboden genutzt werde.

Balcerowski, der im Kreistag auch die CDU-Fraktion anführt, gehörte zu den unterlegenen Gegnern des Antrags und fand sich nicht damit ab. Postwendend schrieb er nach Halle und monierte einen »Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung«. Die Landesbehörde gab ihm nunmehr Recht. Der Kreistag musste so den Beschluss revidieren. Seinetwegen, teilte der Rathauschef gegen die Landwirte aus, könnten die »sogar Protestplakate aufstellen, die noch vom Weltall aus zu sehen sind« – das Warnstedter Gewerbegebiet werde er durchboxen.

Auch an CDU-Landeschef Thomas Webel – seit kurzem Minister für Landesentwicklung in Sachsen-Anhalt – wandten sich die Bauern. Webel arbeitete vor der Wende in einer LPG und gehörte der Bauernpartei an. Bisher sei nur eine nichtssagende Reaktion gekommen, ärgert sich Kloß.

Mittlerweile hat der Stadtrat von Thale den Bebauungsplan für die Warnstedter Äcker verabschiedet. Kloß und Salmen wissen, es wird ernst. So werden sie nun gegen die Pläne klagen, mit denen sich »ein offenbar dem Tourismuswahn verfallener Bürgermeister profilieren« wolle. Man habe sich juristisch beraten lassen: Sie wären hier nicht chancenlos, versichern sie.

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