Sollte das Bruttoinlandsprodukt (BIP), vulgo: »die Wirtschaft« immer weiter wachsen? Nein, das halte die Umwelt nicht dauerhaft aus, sagen die einen. Wachstum sei eh nur ein Fetisch. Oder ein kapitalistischer Sachzwang. Jedenfalls ohne Nutzen für die breite Masse, ergänzt mancher. Papperlapap, erwidert die Gegenseite: Wir könnten doch auf ökoeffizientere Technik setzen. Und Wachstum sei doch der einzige Garant für Arbeitsplätze, Wohlstand und sozialen Frieden. Schluss der Debatte!, fordert Marcus Meier.
Größe allein ist kein Maß für Wohlstand. Und kein Garant des Wohlergehens.
Foto: Meier
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Artikel zum Wachstum und dessen Grenzen gibt es neuerdings wieder im Dutzendpack. Bücher werden veröffentlicht.
Kongresse tagen. Der Konsens bei aller Differenz: Es ist nicht gut für Klima und Umwelt, wenn Energie- und Rohstoffverbrauch ebenso kontinuierlich steigen wie der Schadstoffausstoß. Etwas aus der Mode geraten ist dabei der Begriff »
Jobless Growth«: Ein erkleckliches Wirtschaftswachstum schafft nicht mehr unbedingt Arbeitsplätze; es kann durchaus einhergehen mit einer hohen (Sockel-)Arbeitslosigkeit. Kein Artikel, Büchlein, Seminar kommt hingegen ohne den Rekurs auf die Glücksforschung aus: Mehr Wachstum führe nicht zu mehr Glück, ist da immer wieder zu lesen und zu hören. Denn ab einem bestimmten Punkt werde jeder Mehr-Euro teuer bezahlt. Zu teuer: Denn mehr Arbeits- bedeutet weniger Zeit für Freunde, Familie, Hobbys, ein gutes Buch, den Rotwein im Mondschein. Der Zusammenhang sei sogar bestens erforscht und in Zahlen darstellbar. Nicht beschwiegen wird auch, dass Madame Merkel und Herr Sarkozy längst Kommissionen eingesetzt haben zum Thema.
Wachstum, Wachstum über alles? Nicht nur Journalisten, konservative Politikos und linke Reform- wie Revolutions-Freunde haben sich des Themas »Wachstum« (wieder) angenommen. Selbst neoliberale Ökonomen wie Meinhard Miegel propagieren ein »
Ende des Wirtschaftswachstums«. Auch wenn seine »Wachstumskritik« eher dazu dient, den Sozialstaat weiter sturmreif zu schießen.
Gleichwohl: Offizielles Ziel der EU-Staaten ist und bleibt ein BIP!-Wachstum von drei Prozent pro Jahr und Land – beschlossen und verkündet auf dem Beschäftigungssgipfel im März 2000. Drei Prozent? Mitunter verkünden »Arbeitgeber«-Boss: Erst ab einem Wachstum von fünf Prozent pro Jahr werde in Deutschland die
Arbeitslosigkeit signifikant abgeschmolzen.
Und auch die Beton-Sozis sind nicht unbedingt begeistert – einer von ihnen verspottet »die anschwellende Debatte um das wirtschaftliche Wachstum« als völlig irrelevant und »
im Kern arbeitnehmer- und sozialstaatsfeindlich«. Derweil hört mancher Wachstumsfreund gerne, dass ja eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum einerseits und Energie- wie Rohstoffverbrauch andererseits, dass ein »Grünes Wachstum«... tja: zumindest theoretisch denkbar wäre. Drastisch könne die Öko-Effizienz unserer Wirtschaft gesteigert werden: Um den »Faktor Vier« (Motto: »Doppelter
Wohlstand – halbierter
Naturverbrauch«) oder gar den »Faktor Zehn«. In stillen Momenten gestehen aber auch diese Theoretiker ein: Ja, den Rebound-Effekt6, den gibt es tatsächlich. Heißt: Ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum frisst alle Effizienzfortschritte auf.
Also: Wie viel Wachstum ist gerade noch verträglich? Wie viel »Effizienzrevolution« darfs sein? Wie viele Autos sollten jeder von uns fahren, wie viele Steaks fressen, wie viele Dienstleistungen in Anspruch nehmen? Das sind Fragen die sich kaum ohne Zorn, Eifer und ohne Beeinflussung durch subjektive Wünsche beantworten lassen.
Stellen wir also lieber eine pragmatische Frage: Was passiert eigentlich, wenn die Wachstumsfreunde sich durchsetzen würden? Nehmen wir sie beim Wort: Stellen wir uns einfach einmal spaßeshalber vor, das BIP würde in der Tat dauerhaft um drei Prozent pro Jahr steigen! Nach einem Jahr sind wir bei 103 Prozent angelangt. Nach zwei Jahren – es zählen auch die Zinseszinsen! – bei 106,09 Prozent. Zehn Jahre? 134,4 Prozent! Das heißt: Das Volumen der Wirtschaft wurde binnen eines Jahrzehnts um mehr als ein Drittel aufgebläht. Das hört sich noch ganz zivil an – aber was ist nach hundert Jahren? Da sind wir bei 1921,9 Prozent angelangt. Ja, korrekt: Eine Verneunzehnfachung der Produktion!
Fünf Prozent Wirtschaftswachstum hingegen bedeutet nach hundert Jahren über 13.050 Prozent und nach zweihundert Jahren knapp 1.730.000 Prozent Steigerung, also eine satte Versiebzehntausendfachung der Produktion. Ob die Rohstoffe dafür reichen werden? Ob wir genug Abnehmer finden für all die Damenhandtaschen, Smartphones und Pfirsichbiere, für Reflexzonenmassagen und Zweithamsterbetreuung? Es ist offensichtlich: Ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum zu fordern, es gar als die Lösung aller Probleme zu hypen – ist schlicht ignorant. Was nun, Wachstumsfreunde?