Von Sonja Vogel
16.05.2011

Mit Whisky und zerquetschter Kartoffel

Zum 13. Mal lockte die Lange Buchnacht Hunderte in die Kreuzberger Oranienstraße

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Die jährlich wiederkehrende Buchnacht in der Oranienstraße ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Kreuzberger Kulturlebens. Zum 13. Mal wurde in diesem Jahr an fast 50 Orten rund um die Straße gelesen, diskutiert und performt. Das Programm mit vielen Dutzend Veranstaltungen begann bereits am Mittag und endete gegen 2 Uhr nachts – und so lang blieben die Bücherinteressierten in den Buchläden, Galerien, Kneipen und Konzertsälen. Neben verschiedenen Textgenres von Krimi bis Comic gab es auch unterschiedlichste Darstellungsformen.

In der Galerie MAI.FOTO zum Beispiel wiederholten der Schauspieler Attila Öner und der postmarxistische Theoretiker Frank Engster, besser bekannt als Bender, stündlich ihre Lieblingsstellen aus »Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchen« (Merve Verlag). Verfasst wurde das Buch vom französischen AutorInnenkollektiv Tiqqun. Anders als der Titel »Jungen-Mädchen« vermuten lässt, enthält das Buch keine Kritik des Geschlechtersystems. Gegenstand ist vielmehr ein unisexuelles Geschlecht, eine Art Modell-Bürger, der sich in der kapitalistischen Warengesellschaft bewegt wie ein Fisch im Wasser. Auf Hockern und Tischen sitzend lauschten die Zuhörerinnen und Zuhörer dem philosophischen Text zwischen marxistischer Ökonomiekritik und foucaultscher Biomacht.

Gegen halb zehn betrat der Verleger Klaus Bittermann die Bühne des SO36. Wo sonst Punkbands Mobiliar zerstören, saßen rund 300 Menschen auf Bierbänken. Bittermann stellte »The Crazy Never Die« (Edition Tiamat) vor. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Außenseiter des US-amerikanischen Popkultur: Hunter S. Thompson, Kinky Friedman, Lenny Bruce. »Ich beginne mit Hunter S. Thompson, von dem ich hier etwas vorlebe«, versprach sich Bittermann in der Ankündigung. Immerhin hatte er sich einen Whisky mitgebracht. Mit Thompson, der in einer eingespielten Videosequenz mit einem M60-Maschinengewehr auf die eigenen Bücher feuerte, konnte er so nicht mithalten.

In der Kneipe Tante Horst las Frédéric Valin aus seiner Textsammlung »Randgruppenmitglied« (Verbrecher Verlag). Valin betreibt eine Neuköllner Lesebühne und ist für seine trockenen, pointierten Texte bekannt. Mit einem solchen Text startete er und erntete viele Lacher. Der zweite Text aber war anders. Er handelt von Frau Nachtweih, 45 Jahre alt, Schlaganfall, halbseitig gelähmt. Frau Nachtweih will sterben. Erzählt wird die Geschichte von einem Pfleger, feinsinnig, deutlich und immer knapp über der Grenze zum Tabu. In der kleinen Kneipe standen die Menschen dicht gedrängt. Dass die Geschichte nicht für alle einfach war, konnte man an den angespannten Gesichtern sehen. Frédéric Valin – wie immer mit Hut – ist eine Entdeckung.

Im Ballhaus Naunynstraße riss auch nach Mitternacht der Publikumsstrom nicht ab. »Wir schaffen Deutschland ab« stand hier auf dem Plan. Die Performance musste leider ausfallen. Im stickigen Keller des Ballhauses präsentierte Volkan T stattdessen a capella Rap – und der hatte es in sich. Als der Künstler das erste Sprech-Stakkato intonierte, verließ das Theaterpublikum den Saal. Bekannt geworden ist Volkan T durch den Rap »100 Prozent deutsche Kartoffel«, mit dem er den Werbefilm-Wettbewerb eines Kartoffelpüree-Herstellers gewann. Vor martialischer Ghetto-Ästhetik rappte er »Ich zerquetsch’ dich, du Kartoffel!« Rechte Populisten empörten sich. Auch die Texte, die er Samstagnacht zum Besten gab, gefielen nicht allen. Brutal und mit viel Wortwitz spricht er gegen die deutsche Normalität à la Sarrazin. »Ich wollte ein Statement setzen, das auch mit Schlagworten agiert«, erklärte der Rapper die phrasenhaften Texte.

Für die Lange Buchnacht war diese Performance ein würdiger Abschluss, der zeigte, wie radikal und zielgerichtet Texte auch heute noch sein können. »Ich will mit Integration nichts zu tun haben«, sagte er. Dann verließ er die Bühne.

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