Unscheinbar liegt der blaue Plattenbau in einer Lichtenberger Seitenstraße. Kein Schild weist darauf hin, dass es sich um ein Flüchtlingsheim handelt. Die Betreiber legen Wert auf Anonymität. Ein Wachmann in blauer Uniform kontrolliert den Eingang. Ohne sich auszuweisen, kommt hier niemand hinein. Das Heim wird rund um die Uhr bewacht. Drinnen herrscht Stille. Ein paar afghanische Kinder zwischen vier und sechs Jahren laufen auf dem Flur herum und sagen freundlich »Guten Morgen«.
In einem Büro im Erdgeschoss sitzen die deutschen Betreuer. »Unsere Namen sind tabu und bitte, machen Sie auch keine Fotos von uns«, sagt eine 53-jährige Pädagogin schon bei der Begrüßung. »Wir wollen nicht, dass die NPD hier auftaucht und demonstriert.« Die Frau wirkt freundlich und doch resolut. Seit 2007 arbeitet sie hier. In ihrem Berufsleben hat sie vom prügelnden Ehemann bis zum Drogenhändler schon viel erlebt. Zuständig ist die Frau unter anderem für die soziale Betreuung der Flüchtlinge, für das Schreiben von Anträgen, für Schulanmeldungen der Kinder und Sprachtests.
Im Erdgeschoss befindet sich ein Kindergarten. An den Wänden hängen bunte Zeichnungen und Fotos. Die Kinder unterhalten sich auf Deutsch. Auch die Kindergärtnerin, seit 2005 hier tätig, möchte nicht fotografiert oder namentlich genannt werden. Die Furcht, zur Zielscheibe rechtsradikaler Übergriffe zu werden, ist permanent zu spüren.
Angestellt sind die Mitarbeiter bei der PRISOD Wohnheimbetriebs GmbH. Diese ist seit 2002 vom Berliner Senat mit der Verwaltung des Heims und der Betreuung der Bewohner betraut. Ihrem Vorgänger, dem Deutschen Roten Kreuz, wurde Misswirtschaft vorgeworfen und daraufhin vom Senat gekündigt.
Das Verhältnis zu den deutschen Nachbarn war anfangs sehr angespannt, erzählt die Pädagogin. Beschwerden wegen spielender Kinder und vermeintlichen Lärms gingen beinahe täglich ein. Oft auch per Telefon. Einige der Anwohner drohten: »Passen Sie auf, wir sorgen dafür, dass Ihr Heim geschlossen wird.« Die Sozialarbeiter brauchten viel Fingerspitzengefühl, um die Beziehungen zu den Nachbarn allmählich zu entspannen. Die Kinder werden ab 20 Uhr ins Haus geholt, damit Klagen über Krach gar nicht erst aufkommen. Durch solche Schritte haben sich die Nachbarschaft normalisiert. Manche Anwohner bringen mittlerweile Kleiderspenden, Lebensmittel und Obst aus ihren Gärten vorbei.
Insgesamt 293 Bewohner aus mehr als 30 verschiedenen Nationen, darunter etwa 120 Kinder, leben auf den vier Etagen des Heims. Vietnamesen und Afghanen sind am stärksten vertreten. Zwei Erwachsene bzw. die Eltern und ihre Kinder teilen sich je eine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern, Küche und Bad. Jede der Wohnungen verfügt über Herd und Backofen. Für durch Folter und Krieg traumatisierte Bewohner gibt es einige Einzelzimmer. Bis zum Abschluss ihres Asylverfahrens erhalten die Bewohner etwa 335 Euro monatlich, festgelegt durch das Asylbewerberleistungsgesetz. Das muss reichen, um sich selbst mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Eine Ablehnung als Asylbewerber können die Bewohner mit Hilfe eines Rechtsanwalts anfechten, oft unterstützt durch eine Hilfsorganisation, die auch Prozesskostenbeihilfe beantragt.
Manche Bewohner bleiben eine Woche im Heim, manche mehrere Jahre. So lange ziehen sich Asylverfahren oft hin. Wie bei der 30-jährigen Samirah aus Syrien. Die kleine, leicht untersetzte Frau mit dem gutmütigen Gesicht erzählt freimütig ihre Geschichte. Im Jahr 2000 kam sie gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester und dem Vater nach Deutschland. Samirah und ihre Familie sind Issiden, Angehörige einer in Syrien lebenden christlichen Minderheit. Diese wird vom syrischen Staat diskriminiert. Issiden haben kein Recht auf die syrische Staatsbürgerschaft und damit de facto keine einklagbaren Rechte in ihrem Land. Samirah und ihre Angehörigen lebten in einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt Damaskus. Sie selbst hat nur wenige Jahre die Schule besuchen dürfen. Als man die Familie aus der Wohnung warf, floh der Vater mit seinen beiden Töchtern nach Deutschland.
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Kinder auf dem Spielplatz nahe des Asylbewerberheims
Foto: ND/Ulli Winkler
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Erst im Sommer 2010, nach zehn Jahren Ungewissheit und ständigem Bangen, wurde ihr Asylantrag anerkannt und der Familie ein Bleiberecht eingeräumt. Allerdings werden den Menschen während der Prüfung ihres Verfahrens meist keine Integrationsleistungen – Deutschkurse und dergleichen – bewilligt. »Das geschieht, weil ja noch gar nicht sicher ist, ob die Menschen überhaupt integriert werden sollen«, erklärt die Pädagogin. Selbst wenn sich das Verfahren über Jahre hinzieht, haben die Menschen deshalb kaum Gelegenheit, sich mit den Sitten, der Sprache und der Kultur ihres Gastlandes vertraut zu machen. Viel Zeit geht sinnlos verloren.
Samirah spricht gut Deutsch. Beim täglichen Fernsehen, für viele der Heimbewohner die einzige Beschäftigung, brachte sie sich selbst die Sprache bei. Auch ihre Schwester und ihr Vater lernten so Deutsch.
Anders liegen die Dinge bei Nawaz* aus dem Norden Afghanistans. In seinem Dorf in der Nähe der Stadt Kunduz arbeitete er als Lehrer. Weil in der Schule auch Mädchen lernten, wurde sie zur Zielscheibe der Taliban. Die drohten, Nawaz und seine Kollegen zu töten, wenn sie den Unterricht nicht einstellen. Um sein Leben zu retten, floh der Mann im Frühjahr 2010 nach Deutschland. Schon nach drei Monaten wurde sein Asylantrag anerkannt. Derzeit lernt er die deutsche Sprache. Seine pädagogische Ausbildung wird in der Bundesrepublik nicht anerkannt. »Ich hoffe, irgendwann in mein Land zurückkehren zu können«, sagt er.
Nicht alle im Heim sind politisch Verfolgte. Armut, soziale Perspektivlosigkeit und ökonomische Gründe habe viele veranlasst, ihre Heimat zu verlassen. »Wenn es zu Hause schön ist, hau ich nicht ab«, meint die Pädagogin. Derzeit besitzen hier 24 Bewohner die Anerkennung als politisch Verfolgte.
Die Pädagogin hat einige Jahre in Norwegen gearbeitet. In einem Flüchtlingsheim hatte sie dort täglichen Umgang mit den Asylsuchenden und erlebte, dass man ganz anders mit ihnen umgehen kann. Auch in Norwegen gibt es viel Fremdenfeindlichkeit; aber die Entscheidungen über den Verbleib der Menschen fallen in der Regel innerhalb weniger Wochen. Schon während dieser Zeit haben sie Anspruch auf Sprachkurse und Integrationsmaßnahmen.
Nach Einreise und Asylantragstellung werden die meisten Asylbewerber für kurze Zeit in Sammelunterkünften der Asylbehörde Utlendingsdirektoratet (UDI) untergebracht, erzählt die Pädagogin. Während die Behörde den Fall prüft, können die Menschen bei Verwandten oder Freunden unterkommen oder ihnen wird eine Wohnung zugeteilt. Die Gemeinden in Norwegen entscheiden selbst, ob und wie viele Asylbewerber sie pro Jahr aufnehmen möchten, und stellen Wohnungen zur Verfügung, die Utlendingsdirektoratet (UDI) anmietet. Auch bei der Vermittlung von Praktikums- oder Arbeitsplätzen helfen die Kommunen. »Davon«, sagt die Pädagogin, »können wir viel lernen.« *Name geändert
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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