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Von Hans-Christoph Rauh 28.05.2011 / Forum

Es kömmt drauf an ...

»Re-Thinking Marx« – Notizen von einer internationalen Konferenz an der Humboldt-Universität zu Berlin

Bild 1
Hier ist er noch Monument: der »Nischel« in Karl-Marx-St..., pardon: Chemnitz.

Wer hätte es für möglich gehalten, dass 20 Jahre nach dem Ende der DDR und des staatsparteilich praktizierten Marxismus in der (Ost-Berliner) Humboldt-Universität noch einmal eine internationale Marx-Tagung stattfinden würde? War doch an gleicher Stelle zwischenzeitlich ideologisch-bilanzierend schon von der »Asche des Marxismus« die Rede und – durchaus legitim – die berühmte, im Foyer der Alma mater vergüldet angebrachte elfte Feuerbach-These von Marx sehr kontrovers hinterfragt worden: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.« Doch darum ging es am vergangenen Wochenende überhaupt nicht mehr, sondern gewissermaßen postmarxistisch einzig und allein um Karl Marx selbst und seine hinterlassenen philosophischen und sozialwissenschaftlichen Texte.

Eine erneute Rückbesinnung auf Marx, ein Neu- und Wieder-anders-Bedenken seiner wichtigsten Schriften und kritischen Gedankengänge waren erklärte Ziele und Anliegen der Konferenz mit insgesamt 44 Hauptreferaten in vier Plenarsitzungen und acht Arbeitskreisen sowie über hundert Diskussionsbeiträgen. Das ganze Unternehmen stand unter der programmatisch-orientierenden Überschrift: »Re-Thinking Marx. Philosophie, Kritik, Praxis«.

»Es kömmt drauf an …« war die Losung dieses Diskurses, der Marx nicht wieder lehrdogmatisch vereinseitigen wollte. Der Mann, der sich selbst nicht als »Marxist« verstand, ist vielfältig interpretierbar geworden, anregend für diverse geistige Netzwerke, Deutungsmöglichkeiten, Anknüpfungen wie auch praktische Veränderungen. Ausgegraben wurden unterschiedlichste »Motive bei Marx« zu Religion, Kapitalismus, Recht und Freiheit, Ökonomie und Politik. Debattiert wurden Ideologie, Entfremdung, Verdinglichung; Markt, Krise, Klasse, Ausbeutung, Communism & the Common. Und es kam die Frage auf: »Was fehlt bei Marx?«. Schließlich wurde auch das Jahrhunderunternehmen MEGA vorgestellt, die nun »parteiungebunden« unter dem Dach der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften besorgte historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Initiiert hat diese dreitägige Konferenz Rahel Jaeggi, Professorin für praktische Philosophie an der Humboldt-Universität. Sie kommt aus dem traditionsreichen Frankfurter Institut für Sozialforschung. Ihr Doktorvater ist dessen derzeitiger Direktor: Axel Honneth. Er trug sehr aktiv diese Konferenz mit. Eingangs erinnerte er, dass Marx im vormärzlichen Berlin von 1836 bis 1841 an dieser Universität studiert hatte (die entsprechende Gedenktafel war »nachwendisch« entsorgt worden). Nur hier, so Honneth, habe die Konferenz deshalb stattfinden können. Die Goethe-Universität von Frankfurt am Main war aber mit ihren sozialphilosophischen Disziplinen in Berlin stark vertreten. Es dominierten jedoch die amerikanisch-westeuropäischen Vertreter der philosophischen Zunft; überhaupt nicht vertreten waren osteuropäische und marxistische DDR-Philosophen. Erstaunt nahm man zur Kenntnis, dass auch deren Marx-Forschung und -Lehre unberücksichtigt blieben, selbst kritische Vertreter wie Georg Lukács oder Ernst Bloch fanden keine Aufmerksamkeit. Lediglich in einem Referat wurde ein Rückblick gewagt, indes sehr obskur. Der Referent aus Magdeburg meinte doch tatsächlich, die DDR sei vor allem am »orthodoxen Marxismus« zugrundegegangen.

Woraus nun aber erklärt sich das wiedererwachende und anwachsende Interesse an Marx? Dies läge im krisenhaften Kapitalismus begründet, lautete die einhellige Bekundung. Gefordert wurde jedoch in dieser Runde darob keinesfalls dessen sofortige, nochmalige, unmittelbare »revolutionäre« Abschaffung. Wohl aber wurde der demokratisch wohlmeinende Marx mit seiner Diagnose vom »Absterben des Staates« zitiert. Auf eine entsprechende provokante Anfrage eines wohl noch in revolutionären Kategorien denkenden Zuhörers wurde nicht eingegangen; sie wurde schlicht ignoriert. Offenbar vereinte alle Referenten und Diskutanten die Überzeugung, dass die bürgerliche Ordnung sich bisher noch immer aus eigener Kraft erfolgreich gewandelt habe, während der bisher praktizierte undemokratische, unproduktive und reformunfähige Sozialismus-Kommunismus dazu einfach nicht in der Lage gewesen ist.

Wie dem auch sei, Initiatorin Rahel Jaeggi hatte einleitend erklärt, Marx als »Ansprechpartner und Zeitgenossen« anzunehmen, denn er sei einer der wichtigsten (sozial-)philosophischen Klassiker. Und das Marx-Buchstaben-Logo auf Plakat und Einladung zur Konferenz wolle sinnreich verdeutlichen: sich Marx wieder zu erinnern und erneut anzunähern, schließe ein, ihn »durcheinanderzubringen«. Dem scherzhaft gemeinten Auftakt folgte ernsthafte Eröffnung und Erörterung.

Honneth fragte nach der – im Unterschied zu den früheren historisch-politischen Schriften von Marx – fehlenden Moral im »Kapital«. Er hatte da wohl weniger einen neuen »ethischen Sozialismus« im Sinn, als vielmehr eine lebenswissenschaftliche Ausgestaltung der streng ökonomietheoretischen Marxschen Kapitalismuskritik. Auch Russel Keat (University of Edinburgh) forderte, ausgehend vom frühen Marx, eine »kritische ethische Ökonomie«, eine Verknüpfung von Ökonomie und Ethik. Gemeinsamkeiten und Differenzen bei Marx und Hegel zur Philosophie der Freiheit wurden von Frederick Neuhouser (Columbia University New York) thematisiert. Andrew Chitty (University of Sussex) verwies in seiner Erörterung des Zusammenhangs von Freiheit und Gemeinschaft bei Marx unverständlicherweise nicht auf die von Ferdinand Tönnies so eindringlich betonte Unterscheidung von »Gemeinschaft und Gesellschaft« (1887). Emmanuel Renault aus Lyon wiederum forderte mit Marx von der aktuellen politischen Philosophie eine grundlegende »Wende zur gesellschaftlichen Erfahrung«, um letztlich eine wirklich praxisorientierte, nach seinen Worten »populäre Politik« herbeizuführen.

Es war nicht überraschend, dass auch die stets umstrittene und schwierige Frage nach dem Philosophie-Verständnis von Karl Marx mehrfach zur Sprache kam. Renault verwies darauf, dass einerseits nach Marx der Marxismus als eine neue, eigenständige Philosophie, Weltanschauung bzw. Ideologie aufgefasst und dann lehrbuchgerecht ausgearbeitet wurde. Zum Anderen habe es stets Bestrebungen gegeben, die Marxsche Philosophie in Konfrontation mit bzw. unter Ergänzung von anderen philosophischen Ansätzen wie Hegelianismus, Strukturalismus, analytische Philosophie oder Ontologie weiterzuentwickeln. Ungenügend und teils überhaupt nicht sei nach Marxens ursprünglicher eigener »Transformation von Philosophie« gefragt worden, also nach deren eigentlicher »Aufhebung« und praktischer »Verwirklichung«.

Andreas Arndt aus Berlin, Präsident der Internationalen Hegel-Gesellschaft, bemerkte, dass von Marx wie von Lenin die Hegelsche Dialektik stets als eine Art »Steinbruch« angesehen wurde, der entmystifiziert freizulegen sei. Zu einer eigenständigen und systematischen Ausarbeitung einer Marxschen oder auch marxistischen Dialektik sei es nie gekommen. Hier könne man, so Arndt, Marx also gar nicht folgen; im Hinblick auf eine philosophisch-dialektische Begrifflichkeit sei man weiter auf Hegels Kategorienlehre in der »Wissenschaft der Logik« angewiesen. Dies habe auch der Hegelianer Marx getan. Juniorprofessor Tilmann Reitz (Jena) sprach über »Marx als Anti-Philosoph« – allerdings auf eine recht fachphilosophische Art und Weise.

In der Tat hatte Marx bis in die traditionelle philosophische Begrifflichkeit hinein ein neues, nicht mehr spekulatives oder apriorisches, sondern kritisches, konkret-historisches Philosophieverständnis. Er betrieb keine weitere literarisch-akademische Ideologiekritik, wie es sie seinerzeit zur Genüge gab, sondern eine Kritik der Politischen Ökonomie. Ebensowenig ging es ihm substantiviert und welthistorisch um »Entfremdung« an sich, sondern um die Analyse der entfremdeten Arbeit unter den Bedingungen der privatkapitalistischen Produktionsweise. Das sollte unbedingt berücksichtigt werden, wenn es um weitere, gut gemeinte oder auch undenkbare Vereinnahmungen bzw. Rekonstruktionen gehen sollte, sei es nun auf erkenntnistheoretische bzw. ontologische, existenzphilosophische, analytische oder anthropologische Weise. Es kömmt eben wirklich drauf an, ihn – wie Platon, Kant oder Hegel – wieder im Original zu erfassen. Sachbezogene Kritik wird Marx nicht mehr »schaden«, geschweige scheren.

Zum Abschluss ging es wieder etwas »positiver« und traditioneller zu. Es galt, mögliche geistige »Anschlüsse an Marx« aufzudecken. Terry Pinkard (Georgetown University Washington) hielt daher nochmals nach Marx als »Hegelianer« Ausschau, während Michael Quante (Universität Münster) mit Feuerbach wiederum das »gegenständliche Gattungswesen« des Menschen bei Marx entfremdungstheoretisch herausstellte. Quante, hieß es, arbeitet mit Kollegen an einem »Handbuch zu Marx«. Bleibt zu hoffen, dass der Philosoph aus Trier damit nicht nur zum nachschlagbaren Klassiker degradiert wird, dessen Texte im Original zu studieren sich erübrigt, da er häppchenweise und appetitgerecht gereicht wird.

Fazit: Marx scheint postmarxistisch in der Gesellschaft angekommen zu. Die erfreuliche Berliner Konferenz suggerierte dies jedenfalls. Und die hier unübersehbar zahlreich vertretene interessierte Jugend unterstrich diese Vermutung.

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6 Kommentare zu diesem Artikel

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  • drhwenk, 27. Mai 2011 17:39

    Marx, der Naturalist 2/2

    Die Anschlussgfähigkeit an jedes Wissen ist schon bewunderswert: Ich finde die poststrukralstische Schule hat das am besten weitergemacht. Auf der Konferenz durch Balibar und Negri vertreten.

    Die Tagung wird bei dem Aufwand bestimt einen Tagungsband herausbringen, der aufgrund der Segnungen der technologischen Entwicklung der Produktivkräfte relativ schnell und “erschwinglich“, verglichen mit den Zeiten des Orginals im 19. Jahrhundert sein dürfte.

    Immerhin, „sich nicht täuscht zu lassen“ ist anach Nietzsche ein Grundimpuls von Wissesnchaft überhaupt. Sehr viele sind es nicht, die die mit großen Flaggen markierten Möglichkeiten dazu wie Marx, Spinoza, und die gesamte folgende „Tradition“ wahrnehmen. Immerhin kann man alle Konferenzteilnhmer, auch „im Geiste“, dazuzählen.

    Das erinnet an eine Sufigschichte, in der ein Mann die Kunst, Feuer zu machen brachte. Er kam zu 10 Stämmen, Nur der erste Stamm benutzte es einfach, ein zweiter erfand viel Zrrkus bei der Benutzung und die anderen 8 trauten sich irgendwie nicht (Einschüchterungen, umgewandelt in soaziale Macht). Nur für Leute, die sich über die Schwäche
    der “Kaft des Argumentes“ wirklich wundern. Als Soziologen.

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  • drhwenk, 27. Mai 2011 17:40

    Marx der Naturlist 1/2

    arx war eindeutig „Naturalist“ und hätte wohl tatsächlich viel lieber mehr Philosophie „entwickelt“ als die „Sch..“ Ökonomie fast zeitlebens zu betreiben. Die Sicht der Neurologie und deren Bedeutung für das Seelenleben hätte oder hat er dem Spinoza entnommen, aber wenig thematisiert, da Marx sich sehr viel „polemisch“, also vom Gegner die Themen bestimmt, mit Philosophie beschäftigen musste.
    Daher würde er natürlich eine „Moral“ aus der Ethik (Spinozas) „kreiren“, eine aus der Ontolgie abgeleiteten Anthropolgie unter Einbeziehung aller einzelwissencahftcichen Erkenntisse, Umgruppierungen und Kreationen der Einzelwissenschafte eingeschlossen.
    Oder sie fertig aus Spinoza entnehmen, insbesondere die „Gewissensbildung“ per Gehirnnatur durch Schmerz, dessen Fehlintrpretation, Konditionierung und die sozialen Konstrukte Schuld und Scham. Auch das Unbewusste. Das ihm diese fundamentalen hinterhaltigen Tricks der Sozialisierung, vor allem durch ihre religöse „Maskierung“, unbekannt waren, ihm, dem „nichts Menschliches fremd war“, ist kaum anzunehemen.
    Auch wird er kaum einer der Verbrämungen von Repression, wie zum Beispel das “Leistungsprinzip“, noch so vertrackter Art auf dem Leim gegangen sein.

    Was die Perspektive der Beendigung des längst „überfälligen“ Kapitalismus angeht, kann man der Phantasie kaum Einahlt gebieten wollen. „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn....“

    • Permalink

  • Rotspoon, 27. Mai 2011 21:33

    Ist sie eigentlich noch da

    Die "güldene" Inschrift imTreppenaufgang?

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  • Rotspoon, 27. Mai 2011 21:36

    Laß Dich nicht täuschen

    Doktor Wenk!

    • Permalink

  • oliverrr, 29. Mai 2011 21:23

    Polizei bei „Re-Thinking Marx“ nicht tolerierbar

    Es wurde beklagt, daß wieder mal nur geredet wurde. Dies trifft nicht zu:
    Der Uni-Präsident hat die Polizei geholt, als Kongreßteilnehmer anfingen,
    Flugblätter zu verteilen. Das hat viele empört.

    Mehr Informationen hierzu: spkpfh.de/Marx_im_Kaefig.htm

    • Permalink

  • Allendorf, 05. Jun 2011 07:21

    Re: Polizei bei „Re-Thinking Marx" nicht tolerierbar

    Es ist eine alte und gute Tradition, an Universitäten Flugblätter zu verteilen. Das deshalb die Polizie geholt wird, ist mir neu. Ich kenne dieses Vorgehen nur von Besetzungen oder sprengen von Veranstaltungen. Warum die als Kongressteilnehmer bezeichneten Flugblattverteiler nun meinen die richtigen Adressaten gefunden zu haben erschließt sich mir nicht und wanderte gleich in den Papierkorb. Die Kritik an Form und Inhalt erspare ich mir an dieser Stelle.

    • Permalink

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