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Von Wolf-Dieter Vogel
28.05.2011

Das Haus der Armen

Der Mexikaner Abel Barrera, der für die Rechte von Indígenas eintriit, wird von Amnesty International ausgezeichnet

Abel Barrera hat es geschafft, Mexiko mehrmals auf die internationale Anklagebank zu bringen. Immer ging es dabei um schwere Menschenrechtsverletzungen durch Armee oder Polizei – und um untätige Justizbehörden. Nun zeichnet die deutsche Sektion von Amnesty International den 51-jährigen Anthropologen mit ihrem Menschenrechtspreis aus. Die Organisation begeht dieses Wochenende ihr 50-jähriges Bestehen.

Mauricio Montealegre ist skeptisch, wenn es um die Zukunft seines Dorfes Mini Numa geht. »Wie soll man das Geld zusammen bekommen, um die Kinder zu ernähren? Hier gibt es keine Arbeit und die Regierung hilft nicht«, klagt der 57-Jährige. Elf Kinder hat er groß gezogen, vier von ihnen sind mittlerweile nach New York ausgewandert und schicken regelmäßig Geld. Sonst sähe es noch schlechter aus, sagt der Mexikaner: »Das Klima ermöglicht nur eine Ernte, der Mais reicht höchstens vier Monate.« Kaum Tortillas, wenige Bohnen, kein fließendes Wasser – in Mini Numa in der Region La Montaña fehlt es an allem, wie in vielen indigenen Gemeinden des südmexikanischen Bundesstaates Guerrero.

Die Regierung stellt sich taub

Montealegre hat sich an diesem Nachmittag mit einigen anderen Männern vor dem Gemeindehaus versammelt. Vier Mitarbeiter des Menschenrechtszentrums Tlachinollan sind gekommen. Sie wollen besprechen, wie der Bau der Latrinen vorangeht. Die Aktivistinnen und Aktivisten aus der drei Autostunden entfernten Provinzhauptstadt Tlapa unterstützen das Projekt, denn auch für sanitäre Anlagen fehlen in Mini Numa die finanziellen Mittel. Sie besorgen Geld und sind dabei, wenn es ums Ausgraben der Gruben geht. »Schon vor zwei Jahren haben sie uns geholfen, damit ein Arzt ins Dorf kommt«, erinnert sich Montealegre. »Bis nach Tlapa mussten wir damals zum nächsten Doktor fahren.« Mehrere Kinder waren gestorben, weil sie nicht rechtzeitig behandelt wurden. Also forderten die Dorfbewohner eine Gesundheitsstation. Doch die Regierung reagiert nicht, und so kümmerten sich die Menschenrechtsaktivisten. Heute gibt es unten an der Straße ein kleines Haus, einige Medikamente und ein Arzt stehen zur Verfügung.

»Der Staat hinterlässt eine Lücke, und die müssen wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort ausfüllen«, erklärt Tlachinollan-Leiter Abel Barrera Hernández. Vor 17 Jahren gründete der 51-Jährige mit einer Handvoll Mitstreiter das Menschenrechtszentrum. Von Anfang an hatte der Theologe und Anthropologe die soziale Situation der indigenen Bevölkerung im Blick. Schließlich stellen die rund 17 Prozent Indigenen den ärmsten Teil der Bevölkerung Guerreros. Viele ihrer Häuser haben keinen festen Boden, vier Fünftel sind Analphabeten, fast die Hälfte ist unterernährt. »In La Montaña zu leben«, resümiert Barrera, »heißt, mit Hunger zu leben, krank geboren und immer von Krankheiten begleitet zu werden.«

Schon lange gilt die Region als rebellisch. In den 70er Jahren kämpften Lehrer für ihre Rechte, in den Bergen agierten die Guerilleros der »Partei der Armen«. Doch damals habe der Klassenkampf im Vordergrund gestanden, erinnert sich Barrera. »Indigene wurden nicht als politische Subjekte betrachtet.« Das änderte sich 1994 mit dem Aufstand der Zapatistas. Die Rebellion im fernen Bundesstaat Chiapas brachte auch in Guerrero Forderungen nach indigenen Rechten auf die politische Tagesordnung, und mit Tlachinollan entstand im Herzen von Tlapa, zwölf Busstunden von Mexiko-Stadt entfernt, das »Haus der Armen«, wie die Indigenen das vierstöckige Gebäude nennen.

Bereits am frühen Morgen sitzen im Wartesaal des Zentrums zahlreiche Männer, Frauen und Kinder, oft haben sie stundenlange Wege hinter sich. Von den 25 Juristen, Sozialarbeitern und Aktivisten erhoffen sie sich Ratschläge bei Landstreitigkeiten, Hilfe bei Problemen der ausgewanderten Angehörigen oder Unterstützung bei Behördengängen. Immer wieder klagen sie über Angriffe durch Soldaten, Polizisten oder Kaziken, wie die örtlichen Machthaber genannt werden. Seit Präsident Felipe Calderón Zigtausende Soldaten gegen die Drogenmafia mobilisiert habe, hätten die Übergriffe immens zugenommen, klagt Barrera. Selbst die staatliche Menschenrechtsstelle spreche von »Folter, Vergewaltigungen und Morden an der Zivilbevölkerung, ausgeführt von Uniformierten«. Der so genannte Drogenkrieg sei zu einem Krieg gegen die Armen geworden und habe die Region militarisiert, resümiert der Tlachinollan-Leiter.

Gewalt bleibt meist straflos

Auch Valentina Rosendo Cantú ist zum Opfer der Soldaten geworden. Nur wenige Meter von ihrem Haus in der 200-Seelen-Gemeinde Barranca Bejuco entfernt haben zwei Uniformierte die 17-Jährige vergewaltigt. Das war im Februar 2002. Damals begann für die indigene Frau eine Odyssee, die bis heute anhält. Sie wollte, dass ihre Peiniger strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Doch kein Polizist, kein Richter, kein Staatsanwalt interessierte sich für ihre Geschichte. »Sie haben sich lustig gemacht, weil ich noch nicht Spanisch, sondern nur das indigene Me`Phaa sprechen konnte.«

Immer wieder seien die Soldaten ins Dorf gekommen. »Sie wollten mich zwingen, die Anzeige zurückzunehmen und drohten, dass die Regierung allen Bewohnern die Sozialleistungen streichen würde.« Nachbarn stellten sich gegen ihre Familie, der Vater begann zu trinken. Zudem ließ ihr Mann sie wegen der Vergewaltigung mit dem gerade geborenen Kind sitzen. Also nahm Valentina Rosendo ihre Tochter und flüchtete. Zunächst in die Landeshauptstadt Chilpancinco, von dort zog sie weiter in eine Metropole, deren Anonymität ihr derzeit einen gewissen Schutz bietet.

Doch aufgegeben hat sie nie, und mit den Menschenrechtlern von Tlachinollan fand sie Verbündete. »Wir haben an jede Tür geklopft, um Gerechtigkeit zu erlangen«, sagt die 26-Jährige. Ihre Stimme klingt weder verbittert noch enttäuscht. Sehr sachlich spricht sie über diese Jahre, und in perfektem Spanisch. Bis vor den Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica waren sie gezogen. Dort hatte Valentina Rosendo endlich Erfolg: Im vergangenen August gaben ihr die Richter recht. »Nun muss die mexikanische Regierung dafür sorgen, dass Valentina rehabilitiert wird«, erklärt Anwalt Santiago Aguirre, der sie juristisch begleitet

Dass die Verantwortlichen in Mexiko-Stadt bis heute mit allen Mitteln das Urteil umgeben, wundert Abel Barrera wenig. »Die unterschreiben jeden internationalen Vertrag, den man ihnen unter die Nase hält, doch halten tun sie sich an nichts.« Zufrieden ist der 51-Jährige trotzdem. Der wirkliche Erfolg sei, dass eine indigene Frau ihre Stimme erhoben und sich gegen ihre Peiniger gestellt habe. »Genau das ist unser Ziel«, erklärt Barrera: »Dass die Leute Verantwortung übernehmen und mit uns ihre Menschenrechte einklagen.«

Wer sich wehrt, lebt gefährlich

Für seinen Einsatz erhält der Mexikaner den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland, gemeinsam mit Valentina Rosendo wird er ihn am Freitag in Berlin entgegennehmen. Das bringt ein wenig Schutz. Denn wer sich gegen die Mafia der Kaziken, Kriminellen, Politiker und Soldaten auflehnt, lebt gefährlich. In der Kleinstadt Ayutla musste Tlachinollan 2009 eine Außenstelle schließen, nachdem Kollegen verhaftet und ein Mitarbeiter einer nahe stehenden Organisation ermordet worden waren.

Es sei also wichtig, dass Amnesty sie im Blick habe, erklärt Abel Barrera. Die Anerkennung nimmt er jedoch mit gemischten Gefühlen an. »Diesen Preis haben eigentlich diejenigen verdient, die Folter und Misshandlung erleiden mussten. Jene, die auf dem Boden die Nacht verbringen und hungrig einschlafen müssen. Sie sind die Helden der Menschenrechtsarbeit«, sagt er mit einer Bescheidenheit, wie man sie sonst in Mexiko vor allem von den zapatistischen Rebellen kennt.

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