Von Katharina Dockhorn
23.06.2011

An einem hellerlichten Tag

40 Jahre »Polizeiruf 110«: Verbotene Folge wird heute erstmals im Fernsehen gezeigt

An einem hellerlichten Tag« betitelten die Autoren Dorothea Kleine und Heinz Seibert ihren »Polizeiruf 110«, der im Herbst 1974 gedreht wurde und heute erstmals in RBB und MDR ausgestrahlt wird. In der 40-jährigen Geschichte der beliebten Sendereihe, die auf Forderung von Erich Honecker als Pendant zum westdeutschen »Tatort« im Fernsehen der DDR etabliert wurde und schnell zu einem Quotengaranten wurde, ist es die einzige Folge, die im Panzerschrank verschwand. Das Filmmaterial und alle Unterlagen sollten auf Anweisung des Ministeriums des Innern und der SED-Führung vernichtet werden. Doch wie alle Verbotsfilme haben sie im Staatlichen Filmarchiv der DDR überlebt. 1990 erhält Regisseur Heinz Seibert die erlösende Nachricht. Doch dann verschwindet das Material erneut unter mysteriösen Umständen.

Erst 2009 wird im Deutschen Rundfunkarchiv in Babelsberg, das das Erbe des DDR-Fernsehens betreut, eine stumme Kopie des Rohschnitts gefunden. Wenig später tauchte bei gezielten Recherchen bei den damals an der Produktion Beteiligten das Drehbuch wieder auf. Dieser Fund machte eine Rekonstruktion möglich, bei der heutige »Polizeiruf«-Kommissare den mittlerweile verstorbenen oder zurückgezogen lebenden Schauspielern des Originals die Stimme liehen. Oliver Stritzel übernahm Peter Borgelt, Jacki Schwarz spricht Stanislaw Niemyska und Anneke Kim Sarnau Sigrid Göhler-Reusse. Andreas Schmidt-Schaller, heute bei der »Soko Leipzig« des ZDF, liegt über Jürgen Frohriep.

Die Geschichte der Folge beginnt mit dem Wiedersehen von Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt) mit einer Jugendfreundin (Wieslawa Niemyska). Als wenig später deren 10-jähriger Sohn ermordet aufgefunden wird, enden die Parallelen zu Dürrenmatts berühmtem Roman »Es geschah am helllichten Tag«. Zwar widerstrebend, letztlich aber einsichtig, beugt sich Fuchs den Befehlen seines Vorgesetzten Major Wegner (Stanislaw Niemyska) und hält sich aus den Ermittlungen heraus.

Der solide, von Heinz Siebert inszenierte Kriminalfall selbst war nicht der Grund für die Aufregung und das Verbot, das den Regisseur, der neben Helmut Krätzig zu den »Vätern« des »Polizeirufs« gehörte, ins berufliche Abseits führte. Seine Entstehungsgeschichte führte zu der außergewöhnlichen Entscheidung. Inspiriert wurde das Buch wie viele »Polizeirufe« von einem wahren Fall. 1969 bis 1971 waren in der Nähe von Eberswalde drei Jungen sexuell missbraucht und anschließend bestialisch ermordet worden. Die systematische Befragung von Schülern führte die Kripo auf die Spur des Mitropa-Gehilfen Erwin Hagedorn, der die Taten schon im ersten Verhör gestand. 1972 wurde er zum Tode verurteilt und erschossen. Zuvor hatte er seine Taten in einem Lehrfilm des DDR-Innenministeriums mit einem Pappmesser und den Kindern der Kriminalisten nachgestellt und umfassend seine Motive erläutert. Dieser Film wurde auch in der für den »Polizeiruf 110« zuständigen Redaktion des DDR-Fernsehens gezeigt. »Es war ein schauerliches Erlebnis, zu beobachten, wie Hagedorn sich regelrecht freispielte, mit welchem Eifer er dabei war, wie er auf Genauigkeit achtete, sich an unbedeutende Details erinnerte und darauf bestand, sie präzise darzustellen,« erinnert sich Heinz Seibert 2008 in einem Radio-Feature. Die Anwesenden seien erschüttert gewesen, erinnert sich Dramaturg Eberhard Görner.

Die Macher wollten über Pädophilie aufklären und Eltern und Gesellschaft ermahnen, auf Kinder aufzupassen. Die Geschichte war von ihnen sehr verfremdet worden. Der Fernseh-Täter ist älter und sein Motiv wurde verändert.

Was die Beteiligten aber nicht beeinflussen konnten, war das politische Umfeld. Der westdeutsche Autor Friedhelm Werremeier, der die Vorlage für den ersten »Tatort« mit dem Titel »Taxi nach Leipzig« verfasst hatte, erfuhr zufällig von dem in der DDR ansonsten streng geheim gehaltenen Verbrechen während eines Urlaubs in Bulgarien. Er erkannte rasch, dass Hagedorn bei seinen ersten Taten noch minderjährig war und die Todesstrafe nicht hätte verhängt werden dürfen. Das war auch eine unübersehbare Parallele zu dem pädophilen Serienmörder Jürgen Bartsch, der 1962 bis 1966 vier Jungen in der Nähe von Wuppertal ermordet hatte. Das Gericht verhängte gegen den zur Tatzeit ebenfalls noch Minderjährigen eine lebenslange Haftstrafe. Das hatte Werremeier 1968 öffentlich gemacht. Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul bestätigt ihm wenig später die Mordfälle in Eberswalde, bestreitet aber das Todesurteil. Werremeier gelangt 1974 durch die Macht seiner Geldscheine doch an die geheimen Gerichts-Akten. Der Stasi blieb sein Wühlen natürlich nicht verborgen. Die DDR bekam kalte Füße und das Ministerium des Innern signalisierte den ahnungslosen Filmemachern, dass die Geschichte des »Polizeiruf« geändert werden müsse. »Das Opfer sollte Bootsmotoren klauen und dabei erschlagen werden. Gegen Mord hatte man nichts. Aber nicht ein Sexualdelikt, erzählt Heinz Seibert. »Wir haben es nicht verstanden. Und wir haben uns auch ablehnend verhalten müssen, weil zu dem Zeitpunkt eine Änderung des Buches gar nicht mehr möglich gewesen wäre.«

Ebenso wenig lässt sich Werremeier von der Stasi erpressen. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1975 in »Der Fall Heckenrose«. Der von der DDR-Obrigkeit befürchtete Skandal bleibt aus, nach einigen Schlagzeilen verpuffte die Aufregung. Der »Polizeiruf 110« blieb trotzdem im Giftschrank. Seibert gerät ins Abseits. »Es gab kein Berufsverbot. Man hat nur nichts mehr zu tun bekommen. Es war einfach keine Arbeit mehr da«, erinnert sich Seibert an seine Lage. »Es trat das ein, worüber Stefan Heym einmal schrieb: ›Ich bekam die Isolation zu spüren, eine Isolation, wie sie außerhalb des real existierenden Sozialismus kaum vorstellbar ist.‹ Ich weiß nun um die gefährliche Strahlung, die ein von einem offiziellen Bannfluch getroffenes Individuum ausströmt. Ich habe erfahren, wie man mit solchen in politische Ungnade gefallenen ›Individuen‹ umgeht.«

Jetzt ist er endgültig rehabilitiert. Sein berührender Film ist unter dem Titel »Im Alter von ...« endlich auf dem Bildschirm.

MDR, 20.15 Uhr, RBB, 27. Juni, 22.30 Uhr