Von Alexandra Exter
23.06.2011

Aufklärer mit der Kamera

»The Bang Bang Club« von Steven Silver

Sie sind Südafrikaner, sie sind weiß, und sie sind Fotoreporter, Kriegsberichterstatter eigentlich, nur dass offiziell gar kein Krieg herrscht. Trotzdem gab es reichlich Mord, Totschlag, aufgehetzte Mobs und menschenverachtende Gräueltaten zu fotografieren im Südafrika zu Ende des Apartheid-Regimes, als die weiße Regierung zwecks Erhaltung des rassistischen Status quo die Inkatha-Partei der Zulus gegen Mandelas ANC mit seiner Xhosa-Mehrheit aufhetzte. Zwei der vier Fotografen, um die es in »The Bang Bang Club« geht, sollten später Pulitzer-Preise gewinnen für ihre gefährliche Arbeit, zwei von ihnen die physische und psychische Gefährdung nicht überleben, die der tägliche Aufenthalt zwischen menschlicher Missgunst, brennenden Reifen und säbelnden Macheten mit sich bringt.

Greg Marinovich (Ryan Philippe), João Silva (Neels van Jaarsveld), Kevin Carter (Taylor Kitsch) und Ken Oosterbroek (Frank Rautenbach) waren Fotoreporter einer führenden Tageszeitung in Johannesburg, und sie haben ihren Job offenbar genossen: den täglichen Adrenalinkick, der höchste Hochs beschert, den Suff, die Drogen, die Frauen, den Ruhm. Die Befriedigung, mit ihren schließlich von der internationalen Presse aufgegriffenen Fotos – vor allem den Fotos, die in Südafrika dem vorauseilenden politischen Gehorsam der Verleger zum Opfer fielen und gar nicht erst gedruckt wurden – zur Änderung der Zustände beitragen zu können. Die Selbstzweifel, die von einem Job herrührten, der im Zusehen besteht, nicht im Verhindern, blieben lange im Schatten.

Steven Silvers Film über die vier Fotografen beschränkt sich zeitlich und räumlich auf einen bloßen Abschnitt ihrer Lebensgeschichten. Vorlage war ein Buch, das Silva und Marinovich über die gemeinsame Zeit schrieben. Der politische Hintergrund wird angerissen, ansonsten vorausgesetzt. Nicht die konkrete Zeitgeschichte, sondern die ethischen Fragen, die ein Beruf aufwirft, der viel mit Wegsehen und Abdrücken zu tun hat, in dem es um die aufklärende Nachwirkung eines Bildes geht, nicht um das Verhindern von Gräueln im Moment ihres Geschehens, sind der eigentliche Kern des Films.

Darf man eine Auszeichnung dafür annehmen, dass man einen Lynchmord dokumentierte, der vielleicht nur der Kamera wegen stattfand? Dass man ein verdurstendes Kind fotografierte, statt ihm Wasser zu bringen? Wiegt die mögliche Rettung vieler weiterer Kinder in Folge des preisgekrönten Bildes diese eklatante Verletzung der einfachsten Menschenpflicht tatsächlich auf? Und nicht zuletzt: darf man sich eingestehen, dass man das absehbar nahende Ende der Apartheid fürchtet, weil mit der Apartheid das eigene Arbeitsfeld verschwindet? Aber andererseits: darf man sich selbst täuschen und die Wahrheit ausblenden?

Zu Anfang von »The Bang Bang Club« ist Marinovich der Neue im ebenso inoffiziellen wie eingeschworenen Club der alten Hasen, dann schießt er todesmutig, tollkühn, ehrlich entsetzt von der Lynchjustiz Schwarzer an Schwarzen ein paar wirklich sensationelle Bilder. Muss danach erst mal abtauchen, weil derartig detailfreudige Fotos politisch nicht erwünscht sind. Bekommt den Pulitzer-Preis zugesprochen und hat dank der daraus folgenden internationalen Aufmerksamkeit erst mal Rückendeckung und neuen beruflichen Spielraum.

Dann aber beginnen internationale Medien zu berichten – nicht mehr so sehr über die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Land, sondern eher (oder jedenfalls auch) über die unerschrockenen Männer, die der Welt die Bilder dazu liefern. Ein zweiter aus dem »Club« gewinnt den Pulitzer, und nun kommen die Nachahmer, die Mitläufer, die heldenverehrende Menge der Mittelmäßigen. Bald tritt man sich gegenseitig auf die Füße an den Brennpunkten, und der ohnehin gefahrvolle Job wird noch gefährlicher durch die Meute der Fotografen, die sich an die Fersen der gefeierten Stars heften. Kriegsberichterstatter, das ist kein Beruf, in dem man alt wird.

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