Am Samstag war es wieder so weit: Neben dem CSD fand auch der transgeniale CSD (tCSD) statt – er richtet sich gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, aber auch gegen Rassismus und Heteronormativität. Rund 2000 Menschen zogen unter dem Motto »Queer ist nicht zählbar, nicht zähmbar« von der Friedrichstraße bis zum Heinrichplatz. Das diesjährige Motto richtet sich gegen die Volkszählung, die Merkmale wie Herkunft, Bildung oder Geschlecht erhebt. »Wir wollen weder uns noch andere auf diese Daten herunter gebrochen sehen!«, setzen die VeranstalterInnen dagegen.
Eine Pause legte die Parade am Oranienplatz ein. Von Lautsprecherwagen und einem Traktor schallten Reden oder laute Musik. Dutzende tanzten wild hinter den Anlagen. Seit für den tCSD ein Verbot von Nationalsymbolen ausgesprochen wurde, ist die rosa Tuntenfahne – silberner Stöckelschuh auf schwarzem Stern – die einzige Fahne, die weht. Dafür gab es eine Menge Plakate. »Lesbisch oder Migrant_in? Nein!« war da zu lesen, »Du bist nicht allein« oder »Fight against Homosexual killing in the Middle-East«. Auch sonst war viel zu sehen: Echte Bärte und welche zum Ankleben, behaarte Beine in Strapsen, flache und dicke Bäuche über Miniröcken, aufwendige Paillettenkostüme und einfache Straßenklamotten, Blumenfeen und andere Unkategorisierbare. Von einem Wagen lächelte Audrey Hepburn mit Schnauzer.
Durch Judith Butlers spektakulären Auftritt auf dem CSD im vergangenen Jahr bekamen die tCSD-AktivistInnen Rückenwind. Mit der Begründung Rassismus mache auch vor dem CSD nicht halt, empfahl die Queer-Theoretikerin die alternative Parade. Tatsächlich bemühen sich die OrganisatorInnen neben der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität auch andere Themen im Blick zu behalten: Rassismus, soziale Verdrängung, Armut, Militarismus.
Das Motto und auch die Redebeiträge auf dem Heinrichplatz zeigten dies deutlich. Auch die Reichweite des tCSD scheint sich vergrößert zu haben – kaum jemand auf der Bühne sprach ohne Akzent. VertreterInnen von LesMigras (lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*) sprachen, von GLADT (Gays and Lesbians aus der Türkei), von der Migrationsabteilung der Deutschen Aidshilfe und vom Schwarzen Kanal. Eine Vertreterin von Women in Exile kritisierte die Unterbringung von Frauen in Flüchtlingsunterkünften: »Das Gesetz schränkt unsere Bewegungsfreiheit ein, wir werden ständig kontrolliert, unsere Kinder dürfen nur bis 16 zur Schule gehen«, sagte sie und bekam viel Applaus. Zwischen den politischen Reden lockerte sich das Publikum mit »Radical Aerobic« auf. Dann trat der Künstler Sabuah Salaam auf die Bühne. Seine Bauchtanzperformance, die auf einen Normkörper verzichtet, war formvollendet – das Publikum johlte begeistert. Auf weniger Begeisterung stieß indes ein Beitrag palästinensischer Queer-AktivistInnen. In ihm wurde zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und ein »Pinkwashing israelischer Verbrechen« kritisiert. Die folgende, als »Queer Burlesque« angekündigte Performance schlug in dieselbe Kerbe. Eine Frau entkleidete sich zu Britney Spears »Piece of me« vollkommen – bis auf ein Kopftuch. Auf dem bloßen Bauch: die Landkarte von Nahost. In der Oranienstraße ging indes die Party mit diversen Bands, dem »Ratten-Chor« und der Perkussionsgruppe »Sudo&Gmorrah« weiter.
Der tCSD findet seit 1998 statt. Er versteht sich als Alternative zum kommerziellen und zunehmend unpolitischen CSD.
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