06.07.2011

Bis 2050 soll komplett auf Erneuerbare umgestellt sein

Deutsche Bahn prüft alternative Wege der Stromversorgung

Hans-Jürgen Witschke ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Bahntochter DB Energie, Vorstandsmitglied im Forum für Zukunftsenergien, Vorstandsmitglied im VIK und Mitglied des Aufsichtsrates der Leipziger Strombörse eex. Nick Reimer sprach mit ihm über die Energiewende bei der Deutschen Bahn.
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ND: Herr Witschke, die Bahn will ihre Stromversorgung komplett auf Erneuerbare Energien umzustellen. Wie genau sieht der Plan aus?
Witschke: Wir wollen den gesellschaftlichen Konsens zur Energiewende mit einem Zweistufenplan unterstützen. Zunächst will die Bahn im Jahr 2020 mindestens 30 Prozent Strom aus regenerativen Quellen einsetzen. »Mindestens« bedeutet: Wenn die Regierung ihren Plan umsetzt, bis 2020 die Erneuerbaren auf 35 Prozent auszubauen, wollen auch wir diesen Wert erreichen. Nach dem Zwischenschritt 2020 soll die Stromversorgung der Bahn bis 2050 komplett auf Erneuerbare umgestellt werden.

Wie soll der Plan konkret umgesetzt werden?
Es gibt drei verschiedene Wege, dieses Ziel zu erreichen: Erstens, wir decken uns mit mit den gesetzlich zugelassenen Grünstromzertifikaten ein, so wie es andere Wettbewerber machen. Der zweite Weg ist die physische Einspeisung ins Öffentliche Netz: Wir schließen Lieferverträge mit Grünstromproduzenten, notwendig sind dann Umspannwerke, um den Strom aus dem öffentlichen 50-Hertz-Netz umzuwandeln und in das 16,7 Herz-Netz der Deutschen Bahn einzuspeisen. Als dritte Möglichkeit können regenerative Kraftwerke selbst direkt an das 16,7 Hertz-Netz der DB Energie angeschlossen werden.

Wieso hat die Bahn ein technisch anderes Stromnetz?
Das hat historische Gründe: Anfang des letzten Jahrhunderts war es nicht möglich, Elektroloks mit der Stromfrequenz von 50 Hertz zu betreiben, die in den öffentlichen Netzen Regel ist. So haben sich grenzüberschreitend 16,7 Hertz-Netze gebildet. Das wieder zu ändern wäre enorm teuer.

Zurück zu den Varianten: Welche präferieren Sie?
Wir müssen sehr genau das Dreieck »Wirtschaftlichkeit«, »Verfügbarkeit«, »Umweltnutzen« austarieren. In der ersten Variante ist beispielsweise der Umweltnutzen geringer, weil die Zertifikate nicht automatisch zu Investitionen in Neuanlagen – also die Energiewende – führen. Die Analysephase ist bei der DB Energie abgeschlossen, vermutlich wird nicht eine Variante, sondern eine Mixtur aus diesen umgesetzt. Darüber zu entscheiden, ist die Herausforderung, der wir uns mit dem Vorstand der Bahn jetzt stellen müssen.

Klar ist, die Energiewende kostet die Verbraucher Geld. Wie teuer wird Bahnfahren in der Zukunft?
Die Bahn hat bereits heute CO2-freie Angebote im Portfolio, etwa das Geschäftsticket »Umwelt Plus« oder im Güterverkehr »Eco Plus«. Es ist richtig, dass diese Angebote teurer sind, aber umgelegt auf Ticketpreise und Frachtmargen sind die Mehrkosten überschaubar. Selbstverständlich müssen wir sehen, wie sich solche Produkte auf dem Markt verkaufen. Für mich ist aber schwer vorstellbar, dass angesichts des Konsenses in der Gesellschaft die Energiewende bei der Bahn an der Zahlungswilligkeit der Kunden scheitert.

Die Deutsche Bahn ist mit 16 Terrawattstunden der größte Stromverbraucher Deutschlands – und in der Hand des Staates. Der fördert gerade Elektromobilität mit etlichen Milliarden. Erwarten Sie eigentlich als Staatsunternehmen Unterstützung aus Berlin?
Ganz klar »Nein«! Der Staat hat die Aufgabe, Bahninfrastruktur zu fördern, aber nicht auf dem Strommarkt zu agieren. Das müssen die Unternehmen schon selbst tun. Indirekt wünschen wir uns aber, das die enorme Belastung der Bahn durch Energiesteuern und Abgaben reduziert wird.

Aktuell hat die Bahn 19 Prozent Grünstrom in ihren Netzen. Gibt es überhaupt genügend Grünstrom am Markt, wie die Bahn braucht?
Der Spielraum wird immer enger. Nach der Wirtschaftskrise war der Grünstrom-Markt sehr liquide, aber nach Fukushima ist die Nachfrage ungeheuer angestiegen.

Bleibt die Möglichkeit, selbst Grünstrom herzustellen und dann zu nutzen. Das ist beispielsweise steuerlich günstig, beim Eigenverbrauch entfallen etwa die Konzessionsabgabe oder Netzgebühren. Wird die Bahn zum Stromkonzern?
Tatsächlich kann es nach unserer Analyse unter bestimmten Rahmenbedingungen sinnvoll sein, eignen Grünstrom ins eigene Netz einzuspeisen. Die Stromproduktion gehört aber nicht zum Kerngeschäft der Deutschen Bahn, weshalb wir das lieber anderen überlassen sollten.

Dennoch baut die Deutsche Bahn mit E.on das umstrittene Kohlekraftwerk in Datteln, das mindestens 40 Jahre am Netz bleibt. Ein Kohlekraftwerk im Portfolio und 100 Prozent Erneuerbare bis 2050 als Plan: Wie passt das zusammen?
Sehr gut sogar: Unser Liefervertrag mit E.on wird im Jahr 2050 ausgelaufen sein. Wir haben im Ruhrgebiet einen Leistungsschwerpunkt, der Bedarf liegt dort bei 400 Megawatt. Das ist mit Erneuerbaren mittelfristig nicht zu decken, also mussten wir handeln. Im Übrigen muss allen klar sein, dass wir für den Übergang nicht ohne fossile Kraftwerke auskommen: Wer 30 Prozent Strom im Jahr 2020 aus erneuerbaren Quellen nutzen will, muss sich auch Gedanken machen, wo die anderen 70 Prozent herkommen.

Sie haben gesagt: Die Analysephase ist abgeschlossen. Wann fällt die Entscheidung?
Die Bahn muss diesen Weg sehr genau prüfen, es geht hier um weitreichende Entscheidungen. So wichtig die Energiewende ist: Wir dürfen die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn gegenüber anderen Verkehrsträgern nicht schwächen – zumal die Bahn das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ist. Ich glaube, der Vorstand wird noch vor dem 4. Quartal entscheiden.

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