Von Rainer Funke
20.07.2011

Bürgerkrach gegen Fluglärm

Protest: Montagskonvent in Friedrichshagen / Müggelsee soll verschont bleiben

Kundgebung gegen Flugrouten über den Müggelsee in Frie
Kundgebung gegen Flugrouten über den Müggelsee in Friedrichshagen

Auf dem Friedrichshagener Marktplatz war am Montagabend kaum mehr ein Stehplatz zu finden. Rund 2500 Menschen hatten sich eingefunden, wesentlich mehr als zu den vorherigen Montagsdemos gegen Flugrouten über dem Müggelsee. Auch aus anderen Köpenicker Ortsteilen und Anliegergemeinden waren zahlreiche Bürger gekommen. Vor den Ständen, an denen man gegen den geplanten »Lärmterror« unterschreiben konnte, hatten sich lange Schlangen gebildet. Eine junge Frau aus einer Bäckerei in der nahen Bölschestraße verteilte Fluglärmverbotsbrötchen. Was hat die Schrippe mit der Sache zu tun? »Sie soll unsere Solidarität deutlich machen«, so die Antwort.

Man konnte emotionsgeladene Debatten hören und empörte Spruchbänder lesen: »Vom Naherholungs- zum Lärmschmutz-Gebiet«, »Bei der Wahl gehen Sie baden, Herr Wowereit«, »Frau Künast, auch im Osten ist es grün«, sowie stilisierte Ortsschilder wie »Fluglärmgemeinde Woltersdorf«. In dieser aufgebrachten Atmosphäre hatten es Redner aus dem Regierungs- und Oppositionslager schwer. Pfiffe und Zwischenrufe wie »Märchenstunde« und »Abflug« begleiteten ihre Ansprachen.

Zuvor hatten Bürger und der Sprecherrat der Friedrichshagener Bürgerinitiative (FBI) ihre Forderungen vorgetragen: Bürgernaher Fakten-Check, zuverlässige Werte und Lärmkartierungen für alle Routenkorridore sowie die Einbeziehung bislang unberücksichtigter Vorschläge. Dazu striktes Nachtflugverbot, Rücknahme der neuen Planung Müggelsee, kein Drehkreuz mit 360 000 Flugbewegungen pro Jahr. »Am falschen Standort gibt es keine richtigen Routen, die Politik muss den Vorrang von Lärmschutz vor Flughafenkapazität anweisen – dies ist der Preis für eine Standortfehlplanung.«

Nahezu übereinstimmend bezeichneten die anwesenden Politiker am Mikrofon Schönefeld als den falschen Standort, weil zu nahe an der Großstadt. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Volker Ratzmann sprach von einem »grundsätzlichen Webfehler«. Er wies darauf hin, dass alle Gemeinden schützenswert seien, weshalb Lärmschutz als höchste Form des Naturschutzes vor allen wirtschaftlichen Interessen stehen müsse. Das Bundesumweltamt, das die Routen jetzt zu beurteilen hat, würde auch Alternativen prüfen. Christoph Meyer (FDP) meinte, bei den Müggelsee-Überflügen müsse nachgebessert werden. Ein Pfeifkonzert begleitete seinen Hinweis, der Konflikt möge keine neue Ost-West-Debatte auslösen.

Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (LINKE) wies darauf hin, dass Umweltsenatorin Katrin Lompscher (LINKE) mit dem Bundesumweltamt Fragen des Gewässerschutzes und des Lärmschutzes diskutieren werde. Forderungen nach einem anderen Standort hätten hingegen keine Chance. Vielmehr komme es darauf an, eine Routen-Lösung zu finden, die möglichst wenige Menschen belastet. Da gebe es Alternativen. Die zuständigen Gremien hätten einen einigermaßen akzeptablen Kompromiss für den Berliner Westen gefunden, keinen allerdings für Osten und Südosten. Dafür werde die LINKE sich einsetzen. Den betroffenen Bürgern aber riet er, weiter Druck zu machen.