Von Mirko Knoche
22.07.2011

Heilmittel noch nicht gefunden

Zu wenig Gewerkschaftsmitglieder, fehlende Tarifbindung, sinkende Löhne – die Symptome sind klar, es mangelt an Gegenstrategien

Warum verdienen Arbeiter und Angestellte in Deutschland immer weniger Geld? Zwar gab es 2010 eine Reallohnsteigerung von einem Prozent, während in den anderen EU-Mitgliedsstaaten die Löhne abzüglich der Inflation stagnierten. Doch das war einzig dem deutschen Exportboom geschuldet, der zu Lasten der europäischen Nachbarstaaten und ihrer Handelsbilanzen ging. Tatsächlich sank das reale Lohnniveau in der Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren um vier Prozent. Und das, obwohl die Tariflöhne inflationsbereinigt um fast sieben Prozent stiegen, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung ermittelte .

Nur noch 52 Prozent der Lohnabhängigen werden in Deutschland nach Tarif bezahlt. Das erklärt die große Spanne zwischen Tarif- und Effektivlöhnen. Im Exportsektor ist dagegen eine paradoxe Situation entstanden: In der Chemie- und Metallindustrie stiegen die Löhne so weit an, dass auch die Produktivitätserhöhung ausbezahlt wurde. Das deutsche Lohn- und Preisdumping entsteht somit nicht in den Exportbranchen, sondern durch billige Vorprodukte und industrierelevante Dienstleistungen – also im Niedriglohnsektor.

Erfolge nur in der Abwehr

Die Gewerkschaften in der Bundesrepublik haben gegenüber anderen EU-Ländern zwei Nachteile. Erstens ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad sehr niedrig. Und zweitens sind allgemeinverbindliche Tarifverträge mit einem Anteil von nur 1,5 Prozent die absolute Ausnahme.

Zum Vergleich: In Schweden, wo 91 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert sind, gibt es eine Tarifbindung von 69 Prozent. In Frankreich sind zwar nur acht Prozent der Arbeiter und Angestellten Mitglied in einer der vielen Richtungsgewerkschaften, dennoch arbeiten sogar 90 Prozent zu tariflichen Bedingungen. Der Grund: Der französische Staat erklärt 90 Prozent der Gehaltsabkommen für allgemeingültig.

Der relative Wohlstand der westdeutschen Arbeiter bis zur Wiedervereinigung beruhte im Wesentlichen auf starken Gewerkschaften und der grundgesetzlichen Tarifautonomie. Die veränderten Kräfteverhältnisse haben den Organisationsgrad von 36 Prozent im Jahr 1991 auf 19 Prozent 2010 sinken lassen. Dabei ist der Mitgliederverlust durch die steigende Massenarbeitslosigkeit gar nicht einberechnet.

Ein Negativbeispiel lieferte im laufenden Jahr die Druckindustrie. Einst eine Bastion der kämpferischen Arbeiterbewegung, hat sie 2011 einen der schlechtesten Tarifabschlüsse erzielt. Zu erwarten sind in den kommenden drei Jahren deutliche Reallohnverluste. Die Gewerkschaft ver.di bewertet das Ergebnis dennoch positiv. Es sei ein »Erfolg im Abwehrkampf«, so Bundestarifsekretär Siegfried Heim gegenüber ND.

Stabilisierung von oben

Die Unternehmer wollten die 35-Stunden-Woche in der Druckindustrie auf bis zu 40 Arbeitsstunden ausweiten. Das konnte mit »durchschnittlich zehn Streiktagen pro Beschäftigtem« verhindert werden, sagte Heim. Grund für die Defensivposition der Drucker seien Strukturwandel und Tarifflucht.

Einen Ausweg sehen die WSI-Forscher in Organizing-Projekten. In der Vergangenheit habe diese Art der Mitgliederwerbung zu vielversprechenden Resultaten geführt. Diese »Stabilisierung von unten« werde jedoch nicht ausreichen. Die sogenannten Hartz-Reformen hätten die Arbeitswelt zersplittert und die Macht der Gewerkschaften geschwächt. Deshalb sei zugleich eine »Stabilisierung von oben« notwendig. Das Arbeitnehmerentsendegesetz müsse auf alle Branchen ausgeweitet werden. In allgemeinverbindlichen Lösungen sollten nicht nur Mindestlöhne, sondern die kompletten Lohntabellen geregelt werden, verlangt das gewerkschaftsnahe Institut.

Dafür müssten die DGB-Organisationen allerdings wirksamen Druck auf die Politik ausüben. In der Vergangenheit verbuchten sie dabei zumeist Fehlschläge. Umsetzbare Strategien sind also weiter Mangelware.

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