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Von Rolf Verleger 23.07.2011 / Debatte

Kauft nicht bei Lieberman …

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Prof. Dr. Rolf Verleger, Jahrgang 1951, ist Psychologe. Er war Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein. Wegen seiner Kritik an Israel verlor er beide Ämter.

... kauft bei Uri Avnery! Nicht bei Ehud Barak, aber bei Jitzchak Rabin. Nicht bei Golda Meir, aber bei Nahum Goldmann. Nicht bei Mosche Dayan, aber bei Martin Buber. Nicht bei Zipi Livni, aber bei Felicia Langer. Nicht bei David Ben-Gurion, aber bei Mosche Scharett. Nicht bei Wladimir Jabotinsky, aber bei Chaim Weizmann. Nicht bei Menachem Begin, aber bei Hannah Arendt. Nicht bei Benjamin Netanjahu, aber bei Daniel Barenboim. Allgemein gesagt: Unterstützt nicht den skrupellosen Nationalismus! Sondern unterstützt die Juden, die sich einsetzen für einen Ausgleich Israels mit seinen arabischen Nachbarstaaten und für die Emanzipation der Palästinenser von ihren israelischen Besatzern!

Wenn Deutsche sich so positionieren – und in der Tat ist dies laut Umfragen die Mehrheitsmeinung in der EU und auch in Deutschland –, dann rufen die jüdischen Nationalisten: »Das ist Antisemitismus! Man gönnt dem ›jüdischen Volk‹ nicht seinen Nationalstaat!«

Aber kann man den Spieß nicht auch umdrehen? Ist nicht Unterstützung der Nationalisten Ausdruck von Antisemitismus? Denn ist es etwa judenfreundlich, dass deutsche Politik von rechts bis links Israel mit seiner Vertreibung und Drangsalierung der Palästinenser gewähren lässt, obwohl dies den Zorn der ganzen Welt auf das Judentum lenkt? Ist es judenfreundlich, dass deutsche Politik somit 70 Jahre nach der Ausrottung des deutschen Judentums nun auch noch das geistige Erbe des deutsch-jüdischen Humanismus eines Moses Mendelsohn, eines Martin Buber, eines Leo Baeck für unwichtig erklärt?

In Wahrheit geht es aber nicht um Antisemitismus, sondern um Recht und Unrecht. Häufig hört man: »Wir als Deutsche können uns nicht einmischen, Sie verstehen schon ...« Aber tatsächlich haben sich Deutschland und Europa längst eingemischt! Das Zarenreich und das mörderische Nazi-Deutschland haben Europas jüdische Minderheit vertrieben, und ein Teil davon hat sich dann eben in Großbritanniens »Mandatsgebiet« Palästina, mitten in Arabien, angesiedelt. Und deswegen schlägt die Art und Weise, wie Israel die Bevölkerung Palästinas behandelt, auf Europa zurück: Zu Recht machen uns Araber und mit ihnen die Dritte Welt für die israelischen Ungerechtigkeiten mitverantwortlich.

Deutsche Politiker sagen dies auch – allerdings erst dann, sobald sie nicht mehr im Amt sind. Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und 24 andere europäische Ex-Politiker haben am 2.12.2010 an die EU-Spitzen geschrieben und das klargemacht, wofür ich hier mit »Kauft nicht bei Lieberman!« plädiere (dem israelischen Außenminister, der in den besetzten Gebieten wohnt): Die EU solle »ein Ende machen mit dem Import von Siedlungsprodukten, die im Widerspruch zu EU-Richtlinien als israelisch vermarktet werden. Wir halten es für schlicht unerklärlich, dass solche Produkte immer noch Handelsprivilegien … genießen.« Denn »wie jeder andere Staat sollte Israel für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden.«

Wie jedes Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, ob groß oder klein, braucht Israel Struktur, Sicherheit, Regeln und Grenzen. Die anerkannten Grenzen Israels sind von 1948. Außerhalb dieser Grenzen ist besetztes Gebiet. Das ist nicht Israel. Auf Waren von dort darf nicht »Israel« stehen. Um Israel zur Einhaltung dieser Regeln zu bringen, sollten daher Waren nicht gekauft werden, bei denen Zweifel über ihre Herkunft bestehen. Es ist an Israel, die Herkunft klar auszuzeichnen und damit einen solchen Boykott, der Recht, Gesetz und EU-Beschlüsse umsetzt, unnötig zu machen.

Wer dies zu rabiat findet, sei daran erinnert, dass die deutsche Regierung mit einer Gnadenlosigkeit sondergleichen seit fünf Jahren einen Boykott gegen die 2006 gewählte palästinensische Administration durchzieht. Man mag für »Kauft nicht bei Hamas« Gründe finden – obwohl Hamas nicht nur Täter, sondern vielmehr auch Opfer in diesem Konflikt ist –, für »Kauft nicht bei Lieberman« sind die Gründe besser: Was Israel den Palästinensern antut, tut es mit Billigung des Westens. Dies ist unser westliches Unrecht. Grund genug für uns Europäer, um klarzumachen: Dies soll sich ändern!

Langfristig: Bomben auf Gaza haben den Konflikt nicht beendet, und das werden auch nicht Bomben auf Teheran oder Tel-Aviv. Aber der Beginn eines möglichen Lösungswegs ist, dass Israel die Palästinenser um Verzeihung für Vertreibung und Enteignung von 1948 bittet. Auf diesen Weg sollte die Zivilgesellschaft unsere Politiker führen. Ein Boykott israelischer Waren aus den besetzten Gebieten ist dafür ein guter Anfang.

Streitfrage: Boykott israelischer Waren - legitim oder unerhört?

Der Palästina-Konflikt – kaum ein Thema sorgt in der deutschen Linken für mehr Aufregung. Ein Boykott gegen israelischer Produkte ist besonders umstritten. Boykott-Befürworter wollen auf die Besatzung der palästinensischen Gebiete hinzuweisen. So auch die Kampagne Boykott, Desinvestment und Sanktionen (BDS). Für sie ist Israel ein Staat, der an das südafrikanische Apartheids-Regime erinnert. Dagegen führen die Gegner ins Feld, die Aufrufe erinnern an die Parole »Kauft nicht bei Juden!« der Nazis. Gerade für Deutsche müsse ein Boykott ein Tabu bleiben. In Israel selbst stehen Bo...

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Ani-metaber, 24. Jul 2011 13:05

    Alle Achtung Herr Verleger,

    ich stelle mir vor, welchen Anfeindungen Sie aufgrund ihrer Haltung ausgesetzt sind. Dürfte so ähnlich aussehen, wie bei Frau Hecht-Galinski.

    „.. israelische(r) Außenminister, der in den besetzten Gebieten wohnt...“

    Wenn „Israel“ im Spiel ist, dann werden unrechtmäßige Beschränkungen der Reisefreiheit hingenommen, selbst dann, wenn es die eigenen Bürger betrifft,
    Ich habe schon einmal darauf hingewiesen, dass diese bundesdeutsche Regierung dafür eintreten könnte, Menschen, die sich völkerrechtswidrig in den besetzten Gebieten niedergelassen haben, die Einreise in die EU zu verwehren – macht sie aber nicht, so dass man selbst tätig werden muss, wenn man nicht mitschuldig werden will.

    Auch von Seiten der BRD wurde versucht, nach dem Wahlsieg der Hamas Unruhe in den Gazastreifen zu tragen, indem man die Gehaltsauszahlungen an die im Polizeidienst und in anderen Bereichen der Selbstverwaltung Tätigen unterband.
    Wie viele Familien damit ihr Einkommen verloren, im schon damals unter Einfuhrbeschränkungen und israelischen Zerstörungen leidenden Gazastreifen, war für die deutsche Bundesregierung kein Thema.
    Damit lief man bewusst Gefahr, bewaffnete Kräfte gegen die Hamas aufzubringen und Aufstandssituationen heraufzubeschwören – direkte Einmischung also.
    Dies und der Versuch Israels und der USA, Hamasgegner im Gazastreifen zu bewaffnen, ließ der Hamasführung nach herkömmlichen Denken (sind ja nun wirklich keine ausgesprochenen Pazifisten) nicht viel anderes übrig, als die weitgehende Übernahme der Selbstverwaltungsmacht.
    Konnte sie natürlich nur soweit, wie dies bei der weiterhin von Israel ausgeübten Oberhoheit über den Gazastreifen möglich war.

    Leider, auch in der Partei „Die Linke“ gibt es Kräfte, die die kritiklose Meldungsübernahme israelischer Propaganda genauso wie die Diffamierung seiner Kritiker betreiben,

    • Permalink

  • toniweiler, 24. Jul 2011 20:44

    araber haben sofort nach gründung israel vernichten wollen.

    sofort nach gründung und immer wieder später woll(t)en die araber die juden vertreiben.
    wenn sie die juden in die hand bekämen,würden sie nicht so human mit ihnen umgehen,wie umgekehrt.

    • Permalink

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