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Von Christian Bunke 25.07.2011 / Wirtschaft

Bombardier-Fabrik droht Schließung

Tausende demonstrieren im britischen Derby für den Erhalt der dortigen Eisenbahnproduktion

Der Konzern Bombardier hat einen Großauftrag der britischen Regierung an den deutschen Konkurrenten Siemens verloren. Als Folge droht nun eine von Bombardier betriebene Eisenbahnfabrik im britischen Derby geschlossen zu werden. Bis zu 20 000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Derby ist eine Arbeiterstadt in den englischen East Midlands. Die East und West Midlands waren früher der Maschinenraum der britischen Schwerindustrie. Mittlerweile haben Jahrzehnte der Deindustrialisierung dem ein Ende bereitet. Gut bezahlte Arbeitsplätze gehören vielerorts der Vergangenheit an, es dominieren schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs.

In Derby steht Großbritanniens letzte Fabrik für Züge und Waggons. Sie gehört dem kanadischen multinationalen Konzern Bombardier. Nun ist diese Fabrik in ihrer Existenz bedroht. Die britische Regierung will einen 1.4 Milliarden Pfund schweren Auftrag, die Produktion neuer Züge für die Thameslink Verbindung zwischen Bedford und Brighton, an den deutschen Konzern Siemens vergeben.

Bombardier droht nun mit dem Abzug aus Derby. 1400 Jobs sind bereits bedroht. Sollte Bombardier schließen, droht Derby ein wirtschaftliches Desaster. Bis zu 20 000 Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Auf jede Stelle bei Bombardier kommen vier Personen, die für Zulieferbetriebe arbeiten. Diese würden als Folge der Bombardier-Schließung auch dichtmachen.

Vor einem Monat kam der konservative Premierminister David Cameron nach Derby. Er besuchte auch die Bombardier-Fabrik. Dort erklärte er, der private Sektor sei in der Lage, die durch sein Sparprogramm verursachten Stellenverluste auszugleichen. Viele Menschen in Derby fragen sich nun, wie das funktionieren soll, wenn die letzten Fabriken im Land schließen. Bob Crow, Generalsekretär der Transportarbeitergewerkschaft RMT, fasste die Lage so zusammen: »Das Land, das der Welt die Eisenbahnen gab, ist bald nicht mehr in der Lage, welche zu produzieren.«

Etwa 10 000 Menschen demonstrierten am Samstag in Derby gegen die Schließung. Dazu hatten die Gewerkschaften UNITE und RMT aufgerufen. Auf der Demonstration waren Arbeiter und deren Angehörige. Unter ihnen viele Jugendliche. »Ich hatte Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz bei Bombardier, nun soll der mir weggenommen werden. Deshalb bin ich hier«, sagte ein junger Demonstrant.

Gewerkschafter erklärten, dass dies die größte Gewerkschaftsdemonstration war, die Derby jemals erlebt hatte. Als der Marsch die Einkaufsstraße erreichte, applaudierten die Passanten. Verkäufer verließen ihre Geschäfte, die Pubs lehrten sich. Die Menschen zeigten Solidarität mit der Demonstration.

Die Bombardier-Belegschaft und die Menschen in Derby wollen für ihre Arbeitsplätze kämpfen. Das wird aber nicht einfach. Knapp unter 1000 der direkt bedrohten Arbeitsplätze sind temporäre Jobs, die von Agenturen vermittelt wurden. Prekäre Arbeitsverhältnisse sind auch in die Industrie eingedrungen. Viele Demonstrationsteilnehmer äußerten eine Unsicherheit, ob ein Streik etwas bringe, wenn die Firma mit Massenentlassungen droht.

Die Gewerkschaften haben angekündigt, es nicht bei einer Demonstration belassen zu wollen. UNITE-Generalsekretär Len McLuskey kündigte im Vorfeld der Demonstration die Möglichkeit einer Fabrikbesetzung an. Auf einer Veranstaltung des National Shop Stewards Network NSSN nach der Demonstration forderte unter anderem der RMT-Präsident Alex Gordon die Verstaatlichung des Unternehmens. Außerdem sind die Gewerkschaften brennend an der Frage interessiert, wohin die Gewinne geflossen sind, die Bombardier über die Jahre gemacht hat. Zu diesem Zweck fordert das NSSN die Öffnung der Bücher.

Die britische Medienlandschaft ignorierte die Demonstration in Derby. Der Regierung Cameron/Clegg wird dies schwerer fallen. Bereits jetzt gibt es Auseinandersetzungen im öffentlichen Sektor wegen der Sparpakete. In Southampton ist beispielsweise die Müllabfuhr im Vollstreik. Zudem hat der Abhörskandal das Prestige der Regierung schwer beschädigt. Nun rumort es in der Industrie. Langsam aber sicher scheint Großbritannien auf dem Weg nach Griechenland zu sein.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Ani-metaber, 24. Jul 2011 21:37

    Mein Tipp: Zurückschlagen.

    Da die eigene Automobilproduktion ohnehin wie nicht mehr vorhanden ist, allenfalls noch ein bisschen Japaner und Vauxhall, könnte man sich doch ohnehin zu einer Abkehr von der automobilen Gesellschaft, hin zu einem öffentlichen Transportsystem machen.
    Das müsste für so eine kleine Insel auch reichen.
    Und wenn dann keiner mehr BMW und Audi und Mercedes in Britannien bestellt.....?

    Vielleicht erst mal Bombadier abhauen lassen – ohne Ablöse - und dann selbst die Produktion fortsetzen...

    Ich hatte nämlich immer eine hohe Meinung von Englands Gewerkschaftlern.

    • Permalink

  • Rotspoon, 26. Jul 2011 16:32

    Marx findet in der 13. Feuerbachthese deutliche Worte:

    Es kommt nicht darauf an, Arbeitsplätze zu erhalten oder neue zu erfinden, sondern die Arbeitszeit zu verkürzen, denn das Reich der Freiheit beginnt jenseits der Lohnarbeit.
    In einer sehr versteckten Fußnote findet sich der Hinweis: Dem DGB ins Stammbuch.

    • Permalink

  • Rotspoon, 26. Jul 2011 16:37

    Bessere Zeiten?

    Waren die "Bessere(n) Zeiten der britischen Schwerindustrie: Lokomotive »Flying Scotsman« aus den 1920er Jahren" auch bessere Zeiten für das britische Proletariat?

    • Permalink

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