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Von Horst Isola 27.08.2011 / Debatte

Bühne für religiöse Propaganda

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Horst Isola, 1939 geboren, war Landesvorsitzender der SPD in Bremen und ist ein Sprecher des Arbeitskreises »Laizisten in der SPD«.

Die geplante Rede des Papstes im deutschen Bundestag stellt offensichtlich einen Teil einer groß angelegten Propaganda- und Mobilisierungskampagne des Vatikans gegen eine nach Auffassung der katholischen Kirche »dramatisch zunehmende Christianophobie« in Europa und der westlichen Welt dar. »Starker und aggressiver« Säkularismus und Laizismus sowie ein stetig wachsendes anti-klerikales Denken beunruhigen – nicht nur – die katholische Kirche in einem Ausmaß, dass sich der Papst bereits gezwungen sah, eine neue Behörde im Vatikan einzurichten, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Mit dem neu geschaffenen Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung sollen die Missionierungsbestrebungen in Europa verstärkt werden. Der Kampfbegriff »Christianophobie« (Christenfeindlichkeit) soll der Öffentlichkeit suggerieren, dass die katholische Kirche zu Unrecht religionskritischen Äußerungen und Meinungen ausgesetzt sei. Mit diesem Kunstgriff will sie sich in eine Opferrolle begeben und vor allem die tausendfachen Verbrechen von katholischen Priestern an Kindern und Jugendlichen vergessen machen. Das ging inzwischen so weit, dass der persönliche Prediger des Papstes, Pater Cantalamessa, sich dazu verstieg, die Kritik an der katholischen Kirche wegen dieser Verbrechen und deren Verschleierung mit der Judenverfolgung in der Nazizeit zu vergleichen.

Bewirkt hat diese »Reconquista light« bislang nicht viel. Die katholische Kirche steckt nach wie vor in einer tiefen Krise, wie die Massenaustritte belegen. Zugleich wächst rasant die Zahl der Konfessionsfreien, nur noch 27 Prozent der Menschen glauben in Deutschland an Gott oder ein Höheres Wesen. Diese zunehmende Säkularisierung sowie das Erstarken eines Laizismus (Trennung von Kirche und Staat) treibt nicht nur die Kirchen, sondern auch Teile der Politik um.

Insbesondere CDU und SPD versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen, wenn es um die Anbiederung bei den Kirchen geht. Die CDU schwadroniert bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von der »christlich-jüdischen Werteordnung« und die Bundeskanzlerin entblödet sich nicht zu behaupten, dass, wer das »christliche Menschenbild« nicht akzeptiere, »bei uns fehl am Platze ist«. Dass damit über 40 Prozent der Bevölkerung (Konfessionslose, Atheisten, Agnostiker, Andersgläubige) ausgegrenzt werden, wird in Kauf genommen. Und die SPD, die immerhin ihre Wurzeln in den Ideen der Aufklärung hat, versucht laizistische Bestrebungen in den eigenen Reihen mittels Satzungsrecht abzuwürgen aus Angst vor einem Konflikt mit den beiden großen Kirchen.

Ein gefährlicher Trend tut sich auf: Je mehr die etablierten Kirchen und die Parteien an Vertrauen bei den Bürgern verlieren, desto mehr suchen sie ihr Heil in der Verquickung von Religion und Politik. Diese Klerikalisierung des politischen Diskurses soll nun ihren vorläufigen Höhepunkt in dem Papstbesuch und seinem Auftritt im Bundestag finden. Damit wird einem ausgewiesenen Nicht-Demokraten Gelegenheit gegeben, den Bundestag als Bühne der religiösen Propaganda zu missbrauchen.

Mit dem Papst tritt der Repräsentant einer autokratischen Wahlmonarchie auf, die weder die für Demokratien übliche Gewaltenteilung kennt noch die demokratische Legitimation durch den Volkswillen. Bis heute hat der Vatikan – neben Belarus – nicht die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Ich frage: Wollen die Abgeordneten einem Mann Beifall zollen, der erst kürzlich wieder verkündet hat, dass sich die Menschenrechte und die Demokratie dem (katholischen) Glauben unterzuordnen hätten, der Homosexuelle verunglimpft und die gleichberechtigte Stellung der Frau in der Gesellschaft ablehnt? Wollen sie dem Vertreter einer Religion, die in ihrer Geschichte eine nahezu beispiellose Blutspur hinterlassen und Andersdenkende unbarmherzig verfolgt hat, andächtig lauschen? Dem Vertreter einer Kirche, die heute noch mitverantwortlich ist für Leiden und Tod von Millionen Menschen, vor allem in Afrika, durch eine verklemmte Sexualmoral, indem sie die Benutzung von Kondomen verteufelt?

Ich denke nein. Der deutsche Bundestag darf nicht für Missionierung und Neuevangelisierung instrumentalisiert werden. Durch den Protest gegen den Papstauftritt muss deutlich werden, dass die Trennung von Kirche und Staat eine unverzichtbare Voraussetzung für den liberalen und demokratischen Rechtsstaat ist. Religion ist Privatsache! Sie hat im politischen Raum nichts zu suchen. Andernfalls wird sie zur Bedrohung der Demokratie, wie das Beispiel USA zeigt.

Streitfrage: Sollte Papst Benedikt XVI. vor dem Bundestag sprechen?

»Wir sind Papst!« titelte Deutschlands größtes Boulevardblatt nach der Wahl von Josef Ratzinger zum Papst vor etwas mehr als sechs Jahren. Im September kommt Benedikt XVI. zum Staatsbesuch in sein Heimatland. Geplant ist, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche im Berliner Olympiastadion mit zehntausenden Gläubigen die Heilige Messe feiert. Außerdem soll er vor dem Bundestag eine Rede halten. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen. Schließlich ist Benedikt auch Oberhaupt des Vatikan-staates und vor ihm sprachen schon andere Staatsmänner im Parlament.Doch die Rede sorgt im Vorfe...

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5 Kommentare zu diesem Artikel

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  • UweLehnert, 27. Aug 2011 13:33

    Deutschland ein Kirchenstaat?

    Die Kirche setzt offenbar gar nicht mehr so sehr auf die Wirksamkeit einer großen Mitgliedschaft. Sie sucht vielmehr ihren Einfluss in der Politik weiter auszubauen, wo sie ja längst ihre Bataillone in den Parteien in Stellung gebracht hat. Man beobachte nur, wie rigide die Bemühungen abgebügelt werden, innerhalb der Parteien für den Laizismus zu werben. Im Fernsehen besitzt die Kirche in Sachen Weltanschauung längst das Meinungsmonopol, dafür sorgt schon die Alleinvertretung in religiösen oder weltanschaulichen Fragen, den sie sich über die Rundfunk- und Fernsehräte gesichert hat. Fast alle relevanten Posten im Fernsehen werden von sich betont zum Christentum bekennenden Vertretern besetzt.
    Wir sind längst ein Staat mit kirchenstaatähnlichen Zügen: z.B. theologische Fakultäten als Pfarrer ausbildende Institutionen an staatlichen Universitäten; Mitspracherecht der Kirche bei der Besetzung sog. Konkordats-Lehrstühle; Religion als ordentliches und benotetes Schulfach in eigentlich weltanschaulich neutralen Schulen, wobei die Religionslehrer vom Staat finanziert werden; beamtete Pfarrer in Bundeswehr und Strafvollzug; Bezahlung von Bischöfen und Kardinälen samt Nebenkosten aus allgemeinen Steuermitteln; staatliche Zuschüsse zu den Kirchentagen in teilweise zweistelliger Millionenhöhe aus Steuermitteln; Kirchensteuereinzug durch die staatlichen Finanzämter; jahrelang erfolgter zwangsweiser und nicht rückerstattungsfähiger Kirchensteuerabzug beim Arbeitslosengeld, auch wenn keine Kirchenmitgliedschaft vorliegt; kirchliches Arbeitsrecht mit signifikant weniger Rechten für den Arbeitnehmer und Zwangsmitgliedschaft in der Kirche über staatlichem Arbeitsrecht stehend; nicht kündbare Verträge zwischen Staat und Kirche, die der Kirche Einfluss und Finanzmittel in Milliardenhöhe sichern; aktuell der Versuch, die Präimplantationsdiagnostik mit religiösen Gründen für alle Bürger, auch die betont nichtreligiös eingestellten, gesetzlich zu verbieten. (www.uwelehnert.de)

    • Permalink

  • UweLehnert, 28. Aug 2011 08:15

    Erklärung

    Liebe Mitleser,
    entschuldigen Sie das viermalige Erscheinen meines Kommentars. Das ist weder Absicht noch Versehenn meinerseits, irgendein Programm muss hier von allein selbstständig gehandelt haben. Mein diesbezüglicher Hinweis an den Administrator blieb ohne Reaktion.
    MfG. U.L.

    • Permalink

  • Ani-metaber, 28. Aug 2011 10:11

    Nur am Rande - der Papst

    Mich interessiert dabei viel mehr, was denn nun wieder sein wird, wenn verschiedene Leute es nicht für angemessen halten, sich von den Sitzen zu erheben, wenn der „Heilige Vater sich ans Rednerpult begibt oder seine Rede beendet.

    Wird’s dann auch entrüstete Empörer geben, moralische Moralisierer, heuchelnde Heuchler, pauende Pauer, wie bei dem bestens als Anwärter für einen Kriegsverbrecherprozess durch seine Handlungen ausgestatteten Simon Peres (Persky)?

    Nun gut, die Linke will das jetzt ja intern sein lassen und sich auf das Wesentliche konzentrieren, ich werde also dann nicht aus ihren Reihen heraus hören, man habe sich für einen angemessenen und gehörigen Umgang mit einem Staatsoberhaupt bequemen.

    Ja und sind Fragen an den Staatsgast oder Zwischenrufe wirklich nicht möglich?

    • Permalink

  • Rotspoon, 28. Aug 2011 10:31

    Höhere Gewalt?

    Vielleicht hat der pontifex eingegriffen!

    • Permalink

  • Rotspoon, 28. Aug 2011 10:33

    Sie formiert sich

    Die juropien tiparti

    • Permalink

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