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Von Anna Maldini, Rom 30.08.2011 / Panorama

»Es sind tolle Menschen«

Im italienischen Pessina Cremonese steht der größte Sikh-Tempel Europas

Mitten in der Poebene, dort wo die ausländerfeindliche Lega Nord ihre Stammwähler hat, steht seit einigen Tagen ein Sinnbild dafür, dass das Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen sehr wohl funktionieren kann. In Pessina Cremonese, zwischen Mantua und Cremona, wurde der größte Sikh-Tempel Europas eingeweiht. Und alle sind sich einig: Ohne diese indische Volks- und Religionsgemeinschaft wäre diese Gegend sehr viel ärmer und würde es typisch italienische Produkte wie den Parmesan-Käse vielleicht gar nicht mehr geben.

Die Einweihung des großen Tempels mit seinen fast 3000 Quadratmetern Fläche und 15 Metern Höhe war äußerst feierlich: Aus einem Hubschrauber wurden Tonnen von Rosenblättern geworfen und etwa 10 000 Menschen setzten zum ersten Mal den Fuß in dieses Gebäude, das Kulturzentrum, Restaurant und Tempel in einem ist. Ganz fertig ist der Bau noch nicht: es fehlen die fünf goldenen Kuppeln, für die hat das Geld nicht gereicht. Aber auch so ist der Tempel – der größte in Europa – schon teuer genug gewesen: knapp zwei Millionen Euro, von denen 700 000 von den Anhängern der Religionsgemeinschaft gesammelt wurden, während 1,3 Millionen ein Kredit sind, den die lokale Landwirtschaftsbank genehmigt hat.

Das ist ein weiteres Zeichen für das gute Verhältnis zwischen den Italienern und den etwa 50 000 Sikh, die in der Poebene leben und arbeiten. Die ersten kamen in den 80ern: Es waren vor allem Tierpfleger in einem Wanderzirkus, die dann in der lokalen Landwirtschaft Fuß fassten. Und Landwirtschaft bedeutet in der Gegend entlang dem Fluss Po in erster Linie Käseherstellung und Parmesan. Die Bauern sind sich einig: So gute Melker und Tierhüter haben sie noch nie gehabt! Zwar sind Kühe für Sikh nicht heilig, aber sie haben trotzdem ein besonders gutes Verhältnis zu den Tieren, was ihnen bald den Beinamen »Kuhflüsterer« eingebracht hat.

Die ersten Inder haben dann ihre Familien nachgeholt. Inzwischen lebt hier eine zweite Generation, die versucht, gleichermaßen beiden Kulturen gerecht zu werden. Die Kinder besuchen höhere Schulen, viele träumen von einer Karriere als Computerspezialist oder Ingenieur. Ihren indischen Vornamen haben die meisten italienische hinzugefügt, weil sie den Italienern keine Zungenbrecher zumuten wollen. So entwickelte sich mit der Zeit eine große Gemeinschaft, die sich nicht nur gut integriert hat, sondern von den Italienern zum Teil bewundert wird. Man schätzt nicht nur ihre Zuverlässigkeit und ihren Arbeitseifer, sondern auch ihre Gastfreundschaft und die Zuwendung, die sie allen Lebewesen entgegen bringen.

So ist dem Sikh-Tempel in Pessina Cremonese auch ein großes Restaurant angeschlossen, wo jeder Mensch (aber auch jedes Tier) umsonst essen kann – egal woher er kommt. Fleischspeisen sucht man hier allerdings vergeblich, da die Sikh Vegetarier sind, keinen Alkohol trinken und nicht rauchen. Für diese indische Gemeinschaft aus dem Punjab sind alle Menschen gleich und verdienen den gleichen Respekt. Für den Bau ihres Tempels haben sie italienische Baufirmen beauftragt (»Wir müssen der lokalen Wirtschaft doch unter die Arme greifen«) und der italienische Architekt Giorgio Mantovani hat die Arbeiten geleitet. Auch er hat nur freundliche Worte: »Es sind tolle Menschen und wir müssen ihnen dankbar sein.«

Ähnlich sieht das Dalido Malaggi, linker Bürgermeister des Dorfes, wo unter dem Ortschild steht: »Gemeinde ohne Rassenvorurteile«. Hier wohnen knapp 700 Menschen, von denen über 100 Ausländer sind. Aber das Wort »Ausländer« mag der Bürgermeister nicht. »Diejenigen, die wir Ausländer nennen, sind genauso zur Welt gekommen wie wir. Die wirkliche Freiheit ist die Überwindung aller Vorurteile!« In Norditalien, wo die Lega Nord keinen Tag verstreichen lässt, ohne die zu beschimpfen und zu beleidigen, die irgendwie »anders« sind, sind solche Worte schon fast ein kleines Wunder.

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