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Der Autor ist Medienredakteur dieser Zeitung.
Foto: ND/Burkhard Lange
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Guido Strack ist vom Fach. Als Beamter – u.a. bei der EU – hat er selbst früher als so genannter Whistleblower brisante Informationen, die sein Arbeitgeber unter Verschluss halten wollte, an die Öffentlichkeit weitergegeben. In einem Interview mit der Tageszeitung »taz« hat er jetzt Nachahmern empfohlen, die Finger von Enthüllungs-Plattformen wie WikiLeaks zu lassen. Diese Seiten hätten, so Strack, »ein systematisches Problem«. Die »rein technische Absicherung der Anonymität« sei bei WikiLeaks – und nicht nur dort – nicht mehr gewährleistet.
Die Enthüllungs-Maschine des WikiLeaks-Gründers Julian Assange ist in Verruf geraten, weil durch ein Leck Hunderttausende von US-Regierungsdokumenten öffentlich zugänglich wurden, samt Namen und Quellen. Für Whistleblower, die sich an WikiLeaks gewandt hatten im Vertrauen darauf, dass ihre Klarnamen anonym bleiben, kann das unter Umständen schwerwiegende Folgen haben: Enttarnten Informanten in diktatorisch regierten Staaten droht Verfolgung und Lebensgefahr.
Wie es zu dem Datenleck kommen konnte, darüber gibt es verschiedene Versionen. WikiLeaks macht einen Journalisten des britischen »Guardian« verantwortlich, der ein Passwort veröffentlicht hat, mit dem man Zugang zu einer Seite mit den Original-Dokumenten erhält. Der Gescholtene wiederum sagt, er sei davon ausgegangen, dass es sich um ein temporäres Passwort gehandelt habe und die entsprechende Seite schon längst aus dem Netz genommen worden sei. Angegriffen wird von WikiLeaks auch der Ex-Mitarbeiter der Plattform, Daniel Domscheit-Berg, der dabei ist, eine alternative Enthüllungs-Plattform namens OpenLeaks im Netz zu installieren. Der WikiLeaks-Aussteiger hatte gegenüber der Wochenzeitung »Freitag« über die freie Verfügbarkeit der Dokumente und der Klarnamen von Informanten berichtet. Julian Assange warf Domscheit-Berg daraufhin »ein gesteigertes Maß an Niedertracht« vor.
Es ist noch nicht lange her, da wurden Julian Assange und WikiLeaks als Heilsbringer einer schönen neuen Internet-Welt gefeiert, in der die Schwarmintelligenz den politisch Mächtigen und den wirtschaftlichen Eliten auf die Finger klopft. Das jetzt bekannt gewordene Datenleck bei WikiLeaks entzaubert diesen Mythos. Nicht nur die Oligarchien in Regierungen und Konzernen müssen durch die demokratische Öffentlichkeit überwacht werden – auch die, die sie überwachen, brauchen ein Kontrollsystem.
Whistleblower gibt es in dieser Form noch nicht lange. Während früher Informanten sich an die Medien wandten und diese dann unter ihrem Namen die Öffentlichkeit über Missstände in der Politik oder in Verwaltungen aufklärten, wird diese »Vermittlungsinstanz« heutzutage dank diverser Plattformen im Internet überflüssig; anonym und damit ohne Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit, können sich viele als kleiner Bob Woodward (Journalist, der den »Watergate«-Skandal aufdeckte) wähnen.
Was Populisten vom Schlage Assange attraktiv macht, ist die verführerische Annahme, hier ziehe ein idealistischer Ritter für das Gute gegen einen bösen, korrumpierten Apparat zu Felde. Es ist ein bisschen wie beim viel gescholtenen Rechtsstaat. Im Zweifelsfall erweist sich der Rechtsstaat mit all seinen Vorschriften und Kontrollinstanzen, abwägenden Staatsanwälten und Ausgleich suchenden Richtern als verlässlicherer Garant für die Demokratie als die laut polternden Populisten. Guido Strack empfahl Whistleblowern im »taz«-Interview den Gang zum »vertrauenswürdigen Journalisten«. Das sei aussichtsreicher, als brisantes Material an eine Plattform zu schicken. »Denn da hat man überhaupt keine Kontrolle mehr, keine Transparenz, was damit passieren wird.«
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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