Von Anouk Meyer
14.09.2011

Die Johanna vom Alexanderplatz

»Bamboule uffn Platz« – Theater mit Straßenjugendlichen und Behinderten

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Eigentlich soll es jetzt losgehen mit den Proben, doch Shirin fummelt noch an ihrem Bass herum: Das Instrument muss erst gestimmt werden. »Dann mach das auf der Bühne!« befiehlt Regisseurin Franziska Naumann-Gashi, sie will endlich loslegen. Zwei Durchläufe sind geplant, einer draußen und in Kostümen. Zur gestrigen Premiere musste sie schließlich stehen, die Inszenierung »Bamboule uffn Platz oder die 12 Raben« – ein Theaterstück gegen Gentrifizierung mit Jugendlichen vom Alexanderplatz und einigen mit Behinderungen.

Organisiert hat das Ganze die unermüdliche Franziska Naumann-Gashi vom Theater Göttliche Samen. 2007 gründete die Theaterpädagogin zusammen mit Kollege Andreas Uehlein das Projekt, um soziales und zugleich künstlerisch anspruchsvolles Theater zu machen, professionelle Bühnenleute und Menschen mit Beeinträchtigungen zusammenzubringen. Die Realität entpuppte sich als schwierig: »Jeden Sonntag mit solch einer Gruppe proben, ein Jahr lang – welcher Profi macht das schon mit?« Den einen oder anderen hat sie gefunden und inszeniert mittlerweile ihr viertes Bühnenstück, finanziert durch diverse Projekte und die Volksbühne.

Diesmal hat sie sich eine besondere Herausforderung ausgesucht, probt nun nicht nur mit Menschen mit Behinderungen, sondern zusätzlich mit Straßenjugendlichen vom Alexanderplatz und aus Hellersdorf. »Die meisten leiden unter seelischen Beeinträchtigungen, kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und haben Erfahrung mit Gewalt oder Psychopharmaka gemacht, sind traumatisiert oder depressiv«, gibt Franziska Naumann zu bedenken und meint damit: Auch das sind Menschen, die es in unserer auf Leistungsfähigkeit geeichten Gesellschaft nicht eben leicht haben. Nur zwei der Jugendlichen stammen aus »bürgerlichen« Verhältnissen, der Rest wohnt in betreuten Wohngemeinschaften.

»Franziskaos«, so der Künstlername der Pädagogin, hat die jungen Leute an ihren Treffpunkten auf dem Alex und in der Hellen Mitte besucht, hat sich seit März immer wieder ein, zwei Stunden dazugesetzt und »Party gemacht«, erzählt sie. Vor allem die Gothic-Szene mit ihren kreativen schwarzen Outfits faszinierte die 40-Jährige. »Die sind jung, nicht so ›anti‹ wie die Punks, dafür sehr fantasievoll; die meisten sehen in der Clique auf dem Platz ihre Familie.«

Hier suchte und fand sie ihre Darsteller für das Mitte-Stück – auch wenn es dauerte, bis sich das Ensemble formiert hatte. »Es gab viele Termine, wo nur einer oder zwei von 15 Leuten erschienen sind«, erzählt Naumann-Gashi. Doch Aufgeben kam für die hartnäckige Theaterfrau nicht in Frage, und mittlerweile ist sie begeistert von der Gruppendynamik.

Einige der 16- bis 20-Jährigen hat das Projekt so viel Halt gegeben, dass sie auch in Hellersdorf dabei sein werden. Darauf ist die Theaterpädagogin zu Recht stolz. Neben den zwölf Jugendlichen spielen fünf Menschen mit Behinderung mit, bei den Aufführungen sind außerdem Theatermacher Andreas Uehlein sowie zwei Musiker der Mittelalter-Rockband Cultus Ferox dabei.

Die Probe im Saal des Weinmeisterhauses lässt den Charme der Inszenierung durchaus erahnen, auch wenn das Stück unter freiem Himmel ganz anders wirken wird. Im Saal fehlt Platz, und genau darum geht es in dem Stück: um das Recht der Jugendlichen, den öffentlichen Raum zu nutzen, zusammen auf dem Alexanderplatz oder in Hellersdorf abzuhängen, auch wenn es vielen Erwachsenen nicht gefällt.

Im Stück wird der Platz an einen Investor verkauft, doch eine kleine Clique junger Leute protestiert. Drei Mädchen nehmen die Rolle der Johanna von Orléans ein und wollen den Platz zurückerobern; Realität und Märchen ringen miteinander. Das Stück endet mit einem kraftvollen Feuer-Tanz zu dröhnendem Dudelsack und Schlagzeug – bis zu 100 Jugendlichen sollen dazukommen und mittanzen, hofft Franziska Naumann.

Um Gentrifizierung geht es auch bei der Inszenierung in Hellersdorf, und auch hier sollen sich die jungen Leute aktiv beteiligen, eigene Ideen einbringen: »So verändert Theater am ehesten«, ist sich Franziska Naumann-Gashi sicher. Allerdings sei »in Hellersdorf alles etwas anders, deshalb dauert der Probenprozess länger«, Premiere ist erst im April 2012. Eine Collage aus beiden Stücken soll im Mai 2012 in der Volksbühne aufgeführt werden. Foto: Marcus Lieberenz

14.9.,18 Uhr, Alexanderplatz vor dem »Kaufhof«, 21.10., Haus der Kulturen der Welt, 17.,19.4.2012, Fritz-Lang-Platz, Hellersdorf

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