Von Hermannus Pfeiffer
15.09.2011

Börsen setzen Banken aufs Spiel

Drei Jahre nach der Lehman-Pleite wachsen wieder die Sorgen um die Stabilität des Finanzsektors

Die Unsicherheit ist zurück: Wie nach der Lehman-Pleite misstrauen die Börsianer den Banken – diese trauen sich selbst nicht mehr über den Weg.

Die Akteure an den Börsen spielen verrückt. Im Mittelpunkt stehen momentan französische Banken. In wenigen Wochen ging der Aktienkurs der BNP Paribas von über 50 auf rund 25 Euro in den Keller. Dabei hat die Großbank seit der Finanzkrise ihr Eigenkapital auf 57 Milliarden Euro verdoppelt und allein im ersten Halbjahr 7,4 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern eingefahren – weit mehr als Griechenland-Anleihen in den Büchern stehen. Zu Panikreaktionen besteht also eigentlich kein Grund. Trotzdem geht es in der Finanzbranche fast schon so hysterisch zu wie vor drei Jahren, als Lehman Brothers überraschend Pleite ging.

Die US-Regierung unter George W. Bush ließ im Herbst 2008, nachdem man zuvor drei Geldgiganten mit Milliardenhilfen gestützt hatte, wider Erwarten die viertgrößte amerikanische Investmentbank untergehen. Der politische Druck war hoch, nicht noch mehr Banken zu retten und das bis dahin Prinzip »too big to fail« (»zu groß, um zu fallen«) aufzugeben. Am 15. September meldete Lehman Brothers Insolvenz an – die Wirkung war verheerender als erwartet: Die Pleite der für das globale Geldsystem eher zweitrangigen Investmentbank erschütterte das gegenseitige Vertrauen der Banken weltweit und brachte den Interbankenmarkt zum Erliegen, auf dem sich die Finanzinstitute gegenseitig Geld leihen. Es folgte ein Absturz der Realwirtschaft.

»Negative Kursexzesse«

Eine solche Überreaktion der Finanzbranche droht nun wieder. An den Börsen fallen die Bankaktien, auch der Deutsche-Bank-Kurs hat sich halbiert. Für Rainer Stöttner, Professor an der Universität Kassel, sind das »negative Kursexzesse«. Nicht der Absturz der Kurse an sich, sondern deren Maßlosigkeit, sei »ein Indiz für psychopathisches Treiben«. Rationale Erklärungsversuche seien entsprechend unbefriedigend.

Auch wenn Panik übertrieben ist – es drückt schon der Schuh. Noch immer spüren die Institute die Auswirkungen der großen Finanzkrise, die eigentlich schon ein Jahr vor der Lehman-Pleite ausgebrochen war. In Deutschland werden gewichtige Spieler wie Commerzbank oder Hypo Real Estate (HRE) weiterhin vom Staat gestützt. Und die US-Aufsichtsbehörde FHFA klagt wegen fragwürdiger Hypothekenanleihen gegen internationale Großbanken – milliardenschwere Schadensersatzzahlungen drohen. Hinzu kommen als weitere Folge der Finanzkrise Risiken aus den Staatsschuldenkrisen in den USA, Japan und Europa sowie Kreditblasen wie in Spanien und Osteuropa. Vor allem österreichische Geldinstitute haben mehr als einer Million Ungarn Hypothekendarlehen in Franken und Euro verkauft. Die meisten Kreditnehmer können wegen des Tieffluges des Forint ihre Raten nicht leisten.

Von Moody's herabgestuft

Beim Börsenabsturz in diesen Tagen waren Banken vor allem deshalb die Hauptdarsteller, weil sie Milliarden in den Euro-Krisenländern investiert haben. Ein Sturz Griechenlands würde reale Verluste mit sich bringen. Betroffen wären neben der Europäischen Zentralbank (EZB) vor allem einige französische Geschäftsbanken. Am Mittwoch senkte die Ratingagentur Moody's daher die Bonität von Société Générale und Crédit Agricole – auf das Niveau der Deutschen Bank –, was die allgemeine Unruhe noch verstärkte.

Die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Französin Christine Lagarde, hatte kürzlich Banker und Politiker mit der Warnung verärgert: Europas Banken bräuchten mehr Kapital. Anfänglich war von 200 Milliarden Euro die Rede, später wurde abgeschwächt.

Was allerdings wie zu Lehman-Zeiten vor allem fehlt, ist das Vertrauen der Akteure untereinander. Keine Bank weiß genau, welche Risiken die andere möglicherweise verbirgt. Doch dies ist im Finanzgeschäft nicht ungewöhnlich und wird sonst ignoriert, da Ungewissheit nicht kalkulierbar ist. »Etwas, das man gar nicht kennt, ist schwer einzuschätzen«, sagt Professor Stöttner und mahnt daher zur Besonnenheit.

Europas Banken nehmen sich dies aber nicht zu Herzen und parken derweil immer mehr Geld bei der EZB, statt es zu verleihen. Über 30 Milliarden Euro gingen allein in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main ein.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken