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Von Bov Bjerg 24.09.2011 / Debatte

Smarte Streber mit Skorbut

Preußischer Landtag, erste Sitzung des neu gewählten Abgeordnetenhauses. Neben dem altgedienten grünen Abgeordneten nimmt ein Pirat Platz und klappt seinen Laptop auf. Der Grüne beobachtet mit Interesse, wie der Rechner hochfährt. Dann fragt er freundlich: »Damit kann man stricken?«
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Bov Bjerg ist Schriftsteller, Blogger und Kabarettist. Sein Roman »Deadline« erschien im Mitteldeutschen Verlag. Bei den Piraten ist er schon ausgetreten, als sie noch in kleinen finnischen Clubs spielten.

Am Tag danach präsentiert die Presse die Piraten als ein Volk von Außerirdischen, das in der Wahlnacht überraschend die Erde erreicht hat. Ein kauziges, technisch hoch entwickeltes Völkchen! Mit dem man jetzt womöglich diplomatische Beziehungen aufnehmen muss!

Tausende von Zeitungsartikeln. Und dann geschieht ein Wunder: Die Artikel bleiben ohne Resonanz bei Piraten und Anhängern. Wo sind plötzlich all die chronisch eingeschnappten Fanboys, denen seit Jahren jedes ironische Komma Anlass ist, ihre Kinderstube, in der sie oft noch sitzen, völlig zu vergessen und eine Serie wütender Ausrufezeichen und Einsen in die Tastatur zu hämmern? Es ist ja nicht lange her, da drohte sogar und ausgerechnet der Pressesprecher der Piratenpartei einer linken Wochenzeitung wegen eines satirischen Beitrags mit der Justiz.

Und nun? Die Journalisten finden nichts zu meckern. Die Piraten finden nichts zu meckern. Eia, popeia.

Einzig die letzte lebende Wilmersdorfer Witwe, Malte Lehming vom »Tagesspiegel«, fuchtelt aufgebracht mit dem zerfledderten Regenschirm und piekst ins Wespennest. Man möge die Piraten, bevor man sie ernst nimmt, doch bitteschön erst ordentlich domestizieren. Holla, das gibt ein Brummen und ein Stechen in den Kommentaren! Die Anzeigenabteilung freut sich über jeden Klick.

Dabei könnte der Mann schiefer nicht gewickelt sein. Die Piraten domestizieren sich ganz freiwillig – und die Unterwerfung macht ihnen Freude.

Andreas Baum, der adrette Spitzenkandidat, weiß nicht, wie viel Schulden Berlin hat? Kann passieren. Fürs nächste Mal stricken ihm die Kollegen eben ein Progrämmchen aufs iPhone. Wie spritzig!

Christopher Lauer, auch er demnächst Abgeordneter, demonstriert bei Anne Will lächelnd seine wichtigste politische Botschaft: Eloquenz. Ist doch mal was anderes!

Bei so viel telegener, frecher Bravheit quietscht die Unterhaltungsindustrie, Abt. Politikberichterstattung, vor Vergnügen. Wie wär's mit einem Programm, das zeigt, wie rasch das Vermögen der oberen Zehntausend sich vermehrt? Nein, das müssen wir nicht wissen. Das wird doch gar nicht abgefragt.

Nach der Wahl zeigt sich erst recht: Die Piraten sind, wie es sich für ordentliche Streber gehört, dem Lehrplan immer einen Schritt voraus.

Christopher Lauer betont, den Piraten sei angesichts des Wahlergebnisses »bewusst geworden, was das für eine Verantwortung bedeutet«. Und der Landesvorsitzende Gerhard Anger betont: »Wir freuen uns darauf, jetzt Verantwortung zu übernehmen.« Und der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz betont, die Piraten seien in der Lage, »eine seriöse Politik zu machen«. Und Gerwald Claus-Brunner, der Mann im Blaumann, betont: »Seriöse Politik!«

Von außen scheinen T-Shirt und Kapuzenpulli ihre Tracht, sogar mal ein Blaumann, doch im Kopf trägt der Pirat schon jetzt am liebsten Krawatte. Um bloß niemandem Angst zu machen, springt er gleich als Bettvorleger. Kein Tiger weit und breit.

Das Programm? Was der alleinstehende junge, weiße Mann halt gern unterm Weihnachtsbaum hätte: U-Bahn und Internet sollen für lau sein und Raubkopien nicht verboten. Nicht zu vergessen, Seite 21 des Berliner Wahlprogramms: Schulobst für alle! Ach, das uralte Problem des Seefahrers: Skorbut!

Das Wichtigste sind den Piraten Transparenz und direkte Demokratie, gern auch technisch auf dem neuesten Stand, mit Internet. Sie wollen nichts Bestimmtes, Hauptsache, »der Bürger« (Andreas Baum) stimmt darüber ab. In diesem Punkt erweisen sich Piraten als echte Liberale: Sie brauchen in Sachfragen weder Ahnung noch Meinung zu haben. Der Markt, ach nee, »der Bürger« wird's schon richten.

In der Welt der Technokraten gibt es keine unterschiedlichen, gar widersprechenden Interessen, sondern nur objektive, also logisch und technisch richtige Lösungen. Wovon man nicht programmieren kann, darüber soll man schweigen.

Die Piraten sind eine Partei von System-Administratoren. In Berlin beginnen jetzt ein paar von ihnen die staatlich geförderte Fortbildung zum Schweinesystemadministrator. Sie werden helfen, die Verwaltung ein wenig zu modernisieren und effizienter zu machen.

Piraten sind, mit dieser Selbsteinschätzung liegen sie richtig, weder rechts noch links. Ob sie aber »vorn« sind? Eher unten. Sie krabbeln unterm Schreibtisch rum und sorgen dafür, dass die Rechner richtig zusammengesteckt sind – den Content müssen andere liefern.

Streitfrage: Was haben wir eigentlich von der Piratenpartei zu erwarten?

Mit einem solchen Erfolg bei der Berliner Landtagswahl hat sie nicht gerechnet: 8,9 Prozent bekam die Piratenpartei. Sie gewann 16 000 Stimmen von den Grünen, 13 000 von der SPD, 12 000 von der LINKEN. Überdies konnte die Partei 21 000 Nichtwähler dazu bewegen, ihre Stimmen den Piraten zu geben. Wie ist das zu erklären? Und ist die junge Gruppierung, die 2006 in Deutschland gegründet wurde, tatsächlich eine fortschrittliche, linksliberale Partei? Oder handelt es sich bei ihr um eine – zusätzlich zu den Liberalen und den Grünen – »dritte FDP«, die ihren Wählern Frechheit nur suggeriert und dere...

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 24. Sep 2011 21:14

    Ein Ehemaliger

    ist immer nur mit größter Vorsicht zu genießen. Es gibt Ehemalige, die sind aus guten Gründen gegangen. Diese guten Gründe können sie auch öffentlich benennen. So einer scheint mir der Bov nicht zu sein. Es schwingt da Häme mit.

    • Permalink

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