Von René Heilig
13.10.2011

»Chevrolet« aus Teheran?

Die US-Regierung wirft Iran vor, ein Attentat auf den saudi-arabischen Botschafter in den USA geplant zu haben. Teheran dementiert vehement, Washington setzte eine weltweite Terrorwarnung ab. Alte Spannungen werden aktiviert, neue Konfrontationen drohen.

Eine Story wie aus einem Agentenfilm: Die Regierenden in Teheran schickten zwei Revolutionsgardisten aus, um einen Anschlag auf den saudi-arabischen Botschafter in den USA, Adel al-Jubeir, zu organisieren. Die Bombe sollte in einem Nobelrestaurant in Washington explodieren. Für das Attentat heuerte man ein Mitglied der mexikanischen Drogenbande »Los Zetas« an. Doch der »Killer« war Agent der US-Drogenbehörde DEA und ließ die Anschlagspläne, die unter dem Codenamen »Chevrolet« liefen, auffliegen.

»Auch wenn es sich liest wie ein Hollywood-Drehbuch, die Folgen wären äußerst real gewesen«, sagte FBI-Direktor Robert Mueller bei einer Pressekonferenz mit Justizminister Eric Holder und dem New Yorker Bezirksstaatsanwalt Preet Bharara. Letzterer erhob am Dienstag formal Anklage gegen zwei mutmaßliche Verschwörer: den 56-jährigen US-Bürger mit iranischem Pass, Manssor Arbabsiar, und den Angehörigen der iranischen Spezialeinheit Al-Kuds, Gholam Schakuri. Auch weitere ranghohe Mitglieder der Eliteeinheit in Teheran seien eingeweiht gewesen. Arbabsiar ist in Haft, Schakuri in Iran.

Der angebliche Auftragskiller habe pro forma vier Helfer und 1,5 Millionen Dollar verlangt und gewarnt, es sei mit dem Tod vieler Unbeteiligter zu rechnen, wenn der Botschafter in seinem Lieblingsrestaurant, in dem auch US-Politiker verkehren, getötet werden sollte. »Wenn Hunderte mit ihm sterben, scheiß drauf«, habe Arbabsiar gesagt und betont: Seine Auftraggeber wollten, dass der Botschafter stirbt.

Auch wenn das ausgewählte Opfer unbehelligt blieb, die Folgen für die internationale Politik sind tatsächlich äußerst real. US-Präsident Barack Obama warf Iran einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Iran müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Die USA und viele ihrer westlichen Verbündeten verdächtigen die Islamische Republik, Atomwaffen herstellen zu wollen. Zudem wurde in den vergangenen Monaten immer öfter darüber spekuliert, dass Iran und Saudi-Arabien ihren Kampf um die Führungsrolle in der Region verstärken.

Die US-Regierung rief alle Bürger zu erhöhter Wachsamkeit auf. Nach dem aufgedeckten Komplott gebe es Hinweise auf einen »aggressiveren Fokus der iranischen Regierung bei terroristischen Aktivitäten«. Außenministerin Hillary Clinton drängt auf die Verschärfung der bereits gegen Iran verhängten Sanktionen und hofft, dass noch zögerliche Staaten nun mitmachen.

Trotz bunter Berichte in US-Medien sind zahlreiche Fragen, die eine Verstrickung der Regierung von Ahmadinedschad belegen, ungeklärt. US-Senator Dick Durbin behauptete überdies, dass auch die israelische Botschaft in Washington angegriffen werden sollte. Andere sagen, die israelische Botschaft in Argentinien sei bedroht gewesen. Und warum erst jetzt der Zugriff? Die Verabredungen zum Auftragsmord hatten im Mai begonnen, im August waren 100 000 Dollar überwiesen worden. Eine Erklärung für das Zögern: Das FBI wartete mit den Enthüllungen, bis zwei in Iran inhaftierte US-»Wanderer« gegen Kaution freigelassen wurden.

Nicht nur Irans Führung dementiert die Attentatspläne. Auch der Iran-Experte Alireza Nader von der US-Denkfabrik Rand Corporation vermisst in der »Washington Post« ein Motiv. Stimmt die Anklage jedoch, so hätte man es mit einem Strategiewechsel der iranischen Führung und ihrer Geheimdienste zu tun. Bislang haben sie die USA - wenn überhaupt - nur indirekt attackiert. Seite 3