Von Jürgen Amendt
29.10.2011

Eine Erfolgsgeschichte

50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei

Feridun Zaimoglu will nicht zu diesem Thema schreiben, sagt sein Verlag, als die nd-Redaktion anfragt. Vielleicht, weil er es leid ist, immer auf die gleichen Antworten zum gleichen Thema reduziert zu werden. Warum kommt niemand auf die Idee, den deutschen Schriftsteller Zaimoglu zur Finanzkrise und der Zukunft des Euro oder etwa zu Stuttgart 21 zu befragen? Es ist ein verständlicher, politischem Pflichtbewusststein geschuldeter, aber dennoch falscher Reflex: 50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei - lasst uns doch einen Türken fragen, was er dazu denkt! Was Zaimoglu zum Thema zu sagen hat, hat er schon gesagt. »Ich bestehe aber darauf, dass die Geschichte der Einwanderung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte ist. Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag.« (Feridun Zaimoglu in einem Interview mit Online-Plattform »Migazin - Migration in Germany«, November 2010, www.migazin.de)

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Auf dem Bauernhof meiner Urgroß- und Großeltern lebten in einem kleinen Anbau über dem Schweinestall ab Anfang des 20. Jahrhunderts in folgender zeitlicher Reihenfolge: verarmte Eheleute aus dem Hochspessart als Knecht und Magd, Ausgebombte aus Frankfurt am Main, eine Flüchtlingsfamilie aus dem Osten, eine sizilianische Großfamilie, Griechen, nacheinander mehrere türkische Familien, schließlich als letzter Bewohner der eineinhalb Zimmer kleinen Wohnung nach 1989 ein innerdeutscher Migrant aus Thüringen. Geschichte der Arbeitsmigration im Kleinen, zusammengepresst auf kaum 40 Quadratmeter.

Das Zusammenleben dieser Menschen war nicht immer einfach. Als in den 1970ern ein Ehepaar aus dem hintersten Anatolien mit ihren zwei Kindern einzog, von denen keines auch nur ein Wort Deutsch sprach, verscherzte es sich der Familienvater bei meinem Vater, weil er in gebrochenem Deutsch anbot, gemeinsam einen Pornofilm anzuschauen. Ibrahim, der Vorbewohner, kam dagegen noch Jahre danach ab und an mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn zu Besuch. Während mein Vater für Ibrahim den Brief an die Versicherung schrieb, tranken er und seine Frau mit meiner Mutter Kaffee. Deutsch hat aber auch er nie richtig gelernt.

Es gibt das verbreitete Missverständnis, Integration bestehe darin, dass sich Einwanderer in die Aufnahmegesellschaft einpassen und sich dabei so verändern, dass ihr Leben sozusagen kompatibel mit dem neuen Betriebssystem wird. Sie sollen nicht mehr als Fremde wahrnehmbar sein. Besser noch: sich unkenntlich machen. Doch Integration heißt eben auch, dass sich die Mehrheitsgesellschaft ändert, das Betriebsprogramm quasi umgeschrieben wird. Integration erfordert die Fähigkeit, Konflikte austragen zu können, sich dem Fremden zu stellen, es zu kritisieren, ohne den anderen zu beschämen. Warum tragen muslimische Frauen ein Kopftuch? Weil sie dazu von Männern in ihrer Familie gezwungen werden? Weil sie sich einer religiösen Norm unterwerfen? Tragen sie es aus freien Stücken und dies mit Stolz oder weil sie damit provozieren wollen? Warum grüßt der arabische Gaststudent Frauen nicht per Handschlag? Aus Missachtung Frauen gegenüber? Oder aus Unwissenheit, hiesige Gepflogenheiten betreffend?

Die Antworten können nur die Betroffenen selbst geben, und man muss sie fragen, ihnen den Raum geben, sich zu erklären. Vielleicht wird irgendwann eine Muslima mit Kopftuch das »heute-journal« im ZDF moderieren. Ein abwegiger Gedanke? Zur Zeit sicherlich. Noch vor 20 Jahren war der Gedanke abwegig, dass eine Frau wie Dunja Hayali, eine offen lesbisch lebende, tätowierte Journalistin, deren Eltern aus Irak stammen, im ZDF die Nachrichten ansagt. Toleranz, auch das ein weit verbreitetes Missverständnis, bedeutet nicht, andere Denkweisen, religiöse sowie kulturelle Tradition für gut zu befinden, sondern die Bereitschaft, sie ertragen zu können.

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Hartnäckig wird die Geschichte der Türken in Deutschland unter dem Blickwinkel von anhaltender Ausgrenzung, Diskriminierung, Benachteiligung wahrgenommen. Das ist aber nur ein Teil der Realität. Der andere ist: Immer mehr Deutsch-Türken der dritten Generation machen Abitur und studieren. Dass Migration so sehr unter negativen Vorzeichen gesehen wird, hat damit zu tun, dass in der Regel das gebildete Bürgertum über das Thema redet. Die »Integrationskämpfe« haben die eingeborenen Deutschen aus dem Arbeitermilieu und dem Kleinbürgertum ausgetragen. Die Patentante meiner Frau gab nach Schichtende dem türkischen Nachbarkind schon Nachhilfeunterricht, als es noch keine ehrenamtlich in spendenabzugsfähigen Bildungsvereinen tätigen Arztgattinnen als Lesepatinnen in den Schulen gab.

Die Kinder von Lehrern, Akademikern, Unternehmern, Beamten und höheren Angestellten wurden so gut wie nie mit den Kindern der türkischen Arbeitsmigranten konfrontiert. Und wenn es in der Grundschule doch dann und wann zum Kontakt kam, brach der spätestens nach der vierten Klasse ab. Die Lehrertochter ging aufs Gymnasium, der Sohn des Schichtarbeiters auf die Hauptschule. Sicher: Der Kinderarzt der Familie kommt heute vielleicht aus der Türkei, im Klavierunterricht lernt die eigene Tochter gemeinsam mit der des türkischstämmigen Rechtsanwalts, doch über das Leben des Gemüsehändlers, der Putzfrau, des Bauarbeiters weiß man nur aus den Medien. Die Begriffe »Integration« oder »Einwanderungsgesellschaft« werden in diesem Milieu bis heute meist theoretisch diskutiert. Politisch korrekt spricht man von Migranten, nicht von »Ausländern«. Für meine Großmutter waren ihre türkischen Mieter immer »Ausländer«, die Miete blieb aber stabil und fair.

Und so begegnet man sich nicht auf Augenhöhe. Der ehemalige »Spiegel«-Redakteur Reinhard Mohr schrieb im Berliner »Tagesspiegel« über den Umgang der Deutschen mit den Türken. So stand es sinngemäß in der Einleitung des Artikels. Richtigerweise hätte da stehen müssen: »Über den Umgang des deutschen Bildungsbürgertums mit der türkischen Unterschicht«. Gleich zu Beginn gesteht sich Mohr einen Irrtum ein. Mitte der 1990er Jahre habe er am Flughafen in Frankfurt am Main einem jungen türkischstämmigen Feuerwehrmann gelauscht, der »perfekt auf original Frankfurterisch« parlierte. »In diesem Augenblick war mir klar: Das war's mit der Integration. Problem gelöst, Thema erledigt. Toll.« Heute, knapp 15 Jahre später, revidiert Mohr seine Ansicht am Ende des Artikels grundlegend und fragt mit Blick auf die deutsche Fußballnationalelf besorgt: »Warum aber gilt dann Mesut Özil bei deutsch-türkischen Jugendlichen als ›Verräter‹, nur weil er sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hat?«

Was aber sagt eine solche Reaktion über die Einbindung dieser Jugendlichen in diese Gesellschaft? Wenig. Um diese Frage beantworten zu können, sind andere Dinge wichtiger: Haben diese Jugendlichen Arbeit, eine Perspektive? Wenn diese Frage mit Ja beantwortet werden kann, dann hat sich das Thema Inte-gration wirklich erledigt.

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