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Von Silvia Ottow 04.11.2011 / Wirtschaft

Ausgebrannt

Burn-out: Das Erschöpfungssyndrom zwischen Krankheit und Modediagnose

Das Burn-out-Syndrom ist in aller Munde. Es trifft den Fußballtrainer, die Cafébesitzerin, den Manager, die Journalistin und den Politiker. Völlig klar, sagen die einen und führen Arbeitsverdichtung, Stress und persönlichen Frust zu einem Ursachenbündel zusammen. Eine erfundene Krankheit sei das, meinen andere.
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Für Christina B. sind die Berufspläne gescheitert, die Gesundheit ist ruiniert.

Da ist es wieder, dieses Gefühl, selbst die einfachsten Dinge des Lebens nicht mehr meistern zu können: Christina B. steht an der Bushaltestelle, um zu ihrem Arbeitsplatz zu fahren, aber es kommt kein Bus, denn es hat einen Unfall gegeben. Die 58-jährige Berlinerin bekommt erst Herzklopfen und später Kopfschmerzen. Schließlich wird ihr übel. Aus der Arbeit in einem Infopunkt in einem Dörfchen im Osten Berlins wird an diesem Tag nichts. Burn-out heißt die Krankheit, an der sie nach Auskunft ihrer Ärztin leidet. Bis zu dieser Diagnose kannte die Patientin das nur vom Hörensagen. Sie musste sich erst einmal im Internet sachkundig machen, was damit eigentlich gemeint ist.

Knapp 59 Millionen Einträge findet der Computer zum Stichwort Burn-out. Bevor man sich zu seriösen Informationen vorarbeiten kann, wirbt in der Topposition das HumanFlow Stress & Kurzentrum im Balance Hotel im Schwarzwald um Kundschaft. Hier können Ausgebrannte wie vor über 100 Jahren der Dichter Hermann Hesse schwache Nerven auf Vordermann bringen. Laut Infomaterial soll Hesse seinen damaligen Aufenthalt bei Dr. Fraenkel »eine raffiniert humane Kur« genannt haben. »Ahnte der Dichter damals schon etwas?!«, heißt es im Infotext beziehungsvoll. Wir erfahren nicht, was Hesse, der nach psychischen Problemen und einem Selbstmordversuch allerhand von den Störfällen des Lebens geahnt haben dürfte, damals bezahlte. Heute kostet eine Woche Coaching mit Therapie und Halbpension schlappe 2288,20 Euro, Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse unwahrscheinlich. Im Wesentlichen findet man im Netz Hilfsangebote, Ganzheitstherapien, Selbsttests, Gesprächsforen, Spezialkliniken, Selbsthilfegruppen. Sogar Computerspiele tragen den Namen Burn-out. Bei denen geht es darum, mit einem Burn-out-Fahrzeug möglichst viel Schaden anzurichten.

Bei Christina B. hat das Dilemma auch mit Fahrzeugen zu tun. Als sie vor Jahren ihren Job als Schulsekretärin aufgibt, um mit ihrem Mann ein Fuhrunternehmen zu eröffnen, sollte ihr Leben eine andere Wendung bekommen. Drei Jahre hält die Firma, dann ist die Frau wieder auf Arbeitssuche. Ihre Beziehung geht in die Brüche. Mit zwei Mitarbeitern und Geld vom Jobcenter eröffnet sie ein Café am Helene-Weigel-Platz im Stadtteil Marzahn. Von acht bis 16 Uhr arbeitet sie hier. Davor kauft sie ein, putzt danach, um bis Mitternacht zu Hause über Abrechnungen zu sitzen. Doch Umsatzsteuer, Miete, Steuerberater fordern ihren Obolus, ein Angestellter lässt sie im Stich, eine Operation zwingt sie ins Krankenhaus. Aus dem Spaß an der Selbstständigkeit wird die Angst, es nicht zu schaffen. Die Angst gewinnt. Nach Wirbelsäulenbeschwerden und Schlafstörungen bekommt Christina B. die Diagnose Burn-out. Drei Wochen verbringt sie in einer Rehaklinik. Ein Therapeut überzeugt sie, regelmäßig Psychopharmaka einzunehmen. »Ich habe bis dahin nie Tabletten schlucken müssen«, sagt die niedergeschlagene Frau leise. »Und sie sind mir gar nicht bekommen.« Quer über ihrer Stirn haben sich tiefe Falten eingegraben, zu tief für ihr Alter.

Burn-out scheint zur Zeit fast so häufig zu sein wie ein Infekt, obgleich man danach im renommierten Klinischen Wörterbuch aus dem Springer Medizinverlag vergeblich sucht. Ist das Syndrom auch ansteckend?

Der Begriff stammt aus den USA, wo er in den 1970er Jahren die Erschöpfung von Pflegekräften als Ausgebranntsein charakterisierte. Graham Greene hatte bereits 1960 seinem Buch über einen desillusionierten Architekten, der in den Dschungel zog, den Titel »A Burnt-Out Case« - »Ein ausgebrannter Fall« - gegeben. Es folgen Schriften des Psychoanalytikers Herbert Freudenberger, der angeblich gesagt haben soll, er habe die nur verfasst, um seinen Kindern die Ausbildung zu sichern. Beschrieben wird Burn-out als Zustand totaler Erschöpfung - zwischen 130 und 170 Symptome zählen teils selbst ernannte Brandexperten. Im »Pschyrembel Sozialmedizin« liest sich das Beschwerdebild von mindestens dreimonatiger Dauer so: Unfähigkeit zu entspannen, allgemeines Schwächegefühl, Muskelschmerzen, Schwindel, Spannungskopfschmerzen, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Magen-Darm-Beschwerden. Verlässliche Daten über seine Häufigkeit stünden nicht zur Verfügung.

Kein Wunder, denn es gibt kein Burn-out im weltweiten Diagnoseklassifikations- und Verschlüsselungssystem der Medizin, dem Ärzte laut Gesetz verpflichtet sind. Erschöpfung wird unter Z 73 abgerechnet, dieser Code umfasst »Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung«. Dass diese unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen mit ihren unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, mit Hungerlöhnen und Arbeitsverdichtung bei jenen, die einen Job haben, eher größer werden, ist unstrittig. Die Allgemeinmedizinerin Martina Skwirblies, die im Prenzlauer Berg in Berlin ihre Arztpraxis betreibt, bestätigt diesen Trend. Sie findet es wichtig, psychische Probleme rechtzeitig zu erkennen und etwas dagegen zu tun, damit sie sich nicht verfestigen. Dass sich allerhand selbst ernannte Heiler an so einen Trend »heften«, kann sie sich gut vorstellen, denn es geht in diesem Gesundheitssystem auch immer um ein Geschäft.

Ihr Café muss Christina B. aufgeben, seitdem hat sie Schulden. Die Reha kann ihre gesundheitlichen Probleme nicht lösen, es kommen sogar noch neue in Form eines Diabetes dazu. Christina B. isst nicht mehr und erträgt kaum die Gerüche in ihrer Wohnung. Eines Tages ruft sie den Notarzt. Nach neuem Klinikaufenthalt, regelmäßiger Psychotherapie und dem Umzug in eine andere Wohnung ist sie jetzt wieder in der Lage, sechs Stunden am Tag in einem Infocenter zu arbeiten. Sie beantragt dennoch die Erwerbsunfähigkeitsrente.

2010 stellten nach Angaben der Rentenversicherung 71 000 Menschen einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente wegen seelischer Erkrankungen. Durchschnittlich waren sie zu Beginn der Rente 48,3 Jahre alt, kein gutes Zeichen für eine Gesellschaft, die sich die Rente mit 67 auf die Fahnen geschrieben hat. Als die Techniker Krankenkasse kürzlich ihre Versicherten nach deren Belastung fragte, antworteten 40 Prozent, ihr Leben sei nicht stressiger als früher. Es werde nur mehr darüber gesprochen. Die meisten allerdings fanden es anstrengender, vor allem im Job, wegen finanzieller Sorgen, ständiger Erreichbarkeit und Familienproblemen. Doch hat es Stress nicht immer gegeben? Muss er zwangsläufig zu Krankheiten und Symptomen führen, die sich verselbstständigen?

Der Mediziner, Journalist und Buchautor Werner Bartens zählt Burn-out wie Alzheimer, Cellulite oder Zappelbeine zu den erfundenen Krankheiten: »Solange die Medizin weiterhin fast ausschließlich nach den Kriterien von Markt und Wachstum bemessen und bezahlt wird, steigen nicht nur die Ausgaben unaufhörlich weiter, sondern es sind auch ständig neue Krankheiten und Diagnosen nötig. Das liegt in der Logik eines Medizinwirtschaftssystems, das permanent auf neue Angebote und eine Stimulation der Nachfrage angewiesen ist.«

Für Menschen, die sich aus den verschiedensten Gründen erschöpft und außerstande fühlen, Anforderungen ihrer Umwelt zu erfüllen, ist es womöglich tröstlich, einen Namen für ihre Beschwerden zu haben. Zudem wird Burn-out von der Gesellschaft eher akzeptiert als etwa eine Depression. Es signalisiert: Hier hat jemand gerackert bis zum Umfallen.

Auf die Gespräche in der neuen Selbsthilfegruppe für Burn-out-Betroffene, die sich gerade in Berlin-Marzahn gegründet hat, freut sich Christina B. Sie habe ja außer mit ihrer Therapeutin mit niemandem über ihre Probleme reden können. Wer könnte die schon verstehen? Die Familie wolle sie nicht belasten, die sei ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte mehr Hilfe für Betroffene geben, meint sie. Mit Sätzen wie »Reiß dich mal ein bisschen zusammen« sei ihnen nicht gedient.

In großen Städten schießen Burn-out-Selbsthilfegruppen gerade wie Pilze aus dem Boden. So gründete die Polizei, deren Gewerkschaft ein Viertel aller Polizisten für krank hält, eine Burn-out-Akademie in einem Burn-out-Helpcenter mit eigener Ausbildung für Burn-out-Lotsen.

Ob die inflationäre Verwendung des Begriffs und die massenhafte Einrichtung von Burn-out-Centern für Menschen wie Christina B. hilfreich sind oder ob sie lediglich einem Trend folgen und mehr den Betreibern nutzen, ist dabei noch offen.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Szletal81, 04. Nov 2011 10:19

    Die Leere oder das Vakuum

    oder jetzt auch burn-out-Syndrom gab es schon immer.
    Nur war es nicht so wichtig, wenn es einen von der alten Generation erwischte.

    Man trat dann einfach ab von Bühne des Lebens.

    • Permalink

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