Die Missstände in der industriellen Fleischproduktion haben dramatische Auswirkungen nicht nur für die Tiere selbst, sondern auch auf Umwelt und Konsumenten. Diese Debatte wird inzwischen nicht mehr nur von radikalen Tierschützern geführt, sie ist durch viele Skandale in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dennoch produzieren bundesweit nur 175 Landwirte nach den Neuland-Richtlinien für artgerechte Tierhaltung, insgesamt stagniert die ökologische Fleischerzeugung.
Gleichzeitig versuchen die großen Mastbetriebe - insbesondere bei Geflügel -, international die »Kostenführerschaft« zu erreichen. In der Folge werden immer größere Anlagen errichtet und es kommen eigentlich verbotene Antibiotika zum Einsatz, da die Riesenbestände sonst selbst in ihrer kurzen Lebenszeit nicht halbwegs gesund gehalten werden können.
»Qualzucht und Turbomast« nennt es die Fernsehköchin Sarah Wiener, die gerne Fleisch schmackhaft zubereiten will, der Fleischindustrie auf der Tagung aber vorwarf, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören. Wieners Kommentar zu den Kreisläufen in der Massentierhaltung: »Tiere sind keine Schrauben, deren Reste man einschmelzen kann, um neue Schrauben zu erhalten.«
Die massive Steigerung der Fleischproduktion in den OECD-Staaten macht hierzulande einen Konsum von 65 Kilogramm pro Jahr und Kopf der Bevölkerung möglich. Die laufende Intensivierung in der Tierhaltung, so BUND-Vorsitzender Hubert Weiger, sei aber nur mit billigen Futtermitteln aus Südamerika zu leisten. So wurden 2009 schon 72 Prozent des in Deutschland eingesetzten Eiweißfutters importiert, das waren mehr als fünf Millionen Tonnen Soja. 65 Prozent dieser Importe stammen aus Argentinien und Brasilien und rauben dort Flächen für den Lebensmittelanbau und zerstören Regenwälder. Weiger verwies auf die mehrfache Umweltschädigung auch in Deutschland: Die Weser werde südlich von Bremen auch deshalb ausgebaut, damit die großen Schiffsladungen direkt zu den Futtermittelfabriken gelangen können. Damit die Transportkosten weiter gering bleiben, spielen besonders die küstennahen Standorte eine immer größere Rolle. Neue Großanlagen würden zugelassen, obwohl wegen zu hoher Antibiotika-Belastungen in Niedersachsen schon Ställe leerstehen müssten. Weiger geht davon aus, dass angesichts größerer Anlagen und Schlachthöfe Hygiene, Fleischbeschau und Kontrolle der Gülleausbringung nur auf dem Papier stehen. Der Naturschützer plädierte dringend dafür, die Tierhaltung wieder an die Fläche zu binden. Auch müsste für die Agrarindustrie das Verursacherprinzip gelten: Die Betriebe hätten für die Folgeschäden wie Ammoniak- und Staubemissionen oder Antibiotika-Rückstände im Trinkwasser aufzukommen. »Dann wäre Fleisch auch nicht mehr billiger als Gemüse.« Heute würden die Folgekosten auf die Allgemeinheit abgewälzt, schlimmer noch, die intensive Fleischproduktion werde subventioniert. 2008 und 2009 wurde in Deutschland der Neubau von Schweine- und Geflügelställen mit 165 Millionen Euro gefördert. Hinzu kamen Direktzahlungen für Futterflächen und Marktmaßnahmen von annähernd einer Milliarde Euro pro Jahr.
Die Rolle der Futtermittelimporte kritisierte auch Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Ohne diese würde Europa keine Fleischüberschüsse erzielen und könnte sich nur knapp selbst ernähren. Politik, Industrie und Handelsketten könnten aber beeinflusst werden. Das habe das Verbot der Hühner-Käfighaltung und die Ablehnung der Gentechnik bewiesen. Auch Weiger zeigte sich überzeugt, dass weniger Fleisch gekauft würde, wäre auf den Packungen von den Haltungsbedingungen die Rede, und plädierte für eine saubere Kennzeichnung.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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