11.11.2011

Aus acht mach vier

Letzte Chance auf die Fußball-EM 2012: Die Außenseiter kämpfen heute in den Relegationshinspielen um eine gute Ausgangsposition

Bosnien - Portugal
Edin Dzeko träumt vom ersten Auftritt auf der ganz großen Fußballbühne, für Cristiano Ronaldo ist die Reise zur EM 2012 in Polen und der Ukraine dagegen schon beschlossene Sache. »Wir haben eine große Mannschaft mit großen Spielern. Ich bin sicher: Wir fahren zur EM«, tönte der Portugiese und heizte die Stimmung vor dem ersten Play-off-Duell mit Bosnien-Herzegowina heute in Zenica zusätzlich an.

Portugals Nationaltrainer Paulo Bento sieht das demonstrativ zur Schau gestellte Selbstbewusstsein seiner erfahrenen Mannschaft mit Skepsis. »Ich predige seit Langem, dass in den Play-offs alles möglich ist. Jede Mannschaft hat eine 50-prozentige Chance. Wir müssen uns auf die hitzige Atmosphäre und die speziellen Platzbedingungen einstellen, das ist schwierig genug«, sagte Bento, der vor seiner brisantesten Aufgabe steht, seit er im September 2010 das Amt von Carlos Queiroz übernahm.

»Es wird eine Schlacht«, prophezeite Portugals Helder Postiga, der die Atmosphäre des Hexenkessels aus den WM-Play-offs im November 2009 (jeweils 1:0 für Portugal) noch in bester Erinnerung hat.

»Das wird ein schweres Stück Arbeit. Wir werden natürlich alles geben, obwohl ich schon der Meinung bin, dass auch ein Ronaldo bei einer EURO dabei sein müsste«, verriet der bosnische Bundesligalegionär Vedad Ibisevic von 1899 Hoffenheim. Da ist Bosniens Nationaltrainer Safet Susic ganz anderer Meinung: »Ich sehe keinen Grund, warum Edin Dzeko einen geringeren Unterhaltungswert bei der EM haben soll als Cristiano Ronaldo.« SID


Türkei - Kroatien
Als immer mehr Lahmacun, Köfte und andere türkische Leckereien ins Hotel geschmuggelt wurden, platzte Guus Hiddink der Kragen. Der Niederländer verbot seinen Spielern, anlässlich des muslimischen Opferfestes von Verwandten besucht und verköstigt zu werden. Hiddink hasst jede Form der Ablenkung vor einer wichtigen Partie, und heute steht in Istanbul gegen Kroation für den Trainer viel auf dem Spiel: die EM-Qualifikation mit der Türkei und nicht zuletzt sein Job am Bosporus.

»Es wird nicht einfach, denn Kroatien hat viel Qualität, aber wir werden unser Ziel erreichen«, sagte Hiddink. Und trotz aller üblichen Kritik am Trainer spielt sogar die Presse mit. Unter den türkischen Journalisten gibt es ein Abkommen, auf Berichte zu verzichten, die der Moral der Mannschaft schaden könnten. Die Schlagzeile der Zeitung Sabah dürfte in Hiddinks Ohren dennoch wie eine Drohung klingen: »Trainer, Ihr 15. Spiel sollte eine Erfolgsgeschichte werden ...«. Dem ehemaligen Bundesligaprofi Hamit Altintop schwant Böses: »Ich will mir gar nicht vorstellen, was in der Türkei alles los ist, wenn wir nicht weiterkommen.«

Das Play-off-Duell ist gleichzeitig eine Revanche für das Viertelfinale der EM 2008, in dem die Kroaten unglücklich in der Verlängerung gescheitert waren. »Vor drei Jahren haben wir in Wien geweint, diesmal soll unser Gegner das erleben«, sagte der ehemalige Bundesligaspieler Josip Simunic. Doch wie Hiddink steht auch Kroatiens Nationaltrainer Slaven Bilic unter Erfolgszwang. SID


Tschechien - Montenegro
Sehr selbstbewusst geht der Außenseiter aus Montenegro in die Entscheidungsspiele gegen Tschechien. »Für uns heißt es: jetzt oder nie. Wir müssen für diese beiden Spiele so bereit sein, als wären es die letzten unserer Karriere«, sagte Stürmerstar Mirko Vucinic von Juventus Turin, »wir haben vorn die Fähigkeiten, den Tschechen in der Abwehr eine Menge Probleme zu machen.« Und Trainer Branko Brnovic kündigte vor der Partie in Prag an: »Wir werden dort auf Sieg spielen. Die Chancen stehen bei 50:50.«

Neben ihrer schärfsten Waffe Vucinic setzt die jüngste Nationalmannschaft Europas - Montenegro ist erst seit 2006 unabhängig - auf Teamgeist und Herz. »Wir haben diese Phase erreicht, weil wir als Mannschaft auftreten, nicht als Einzelpersonen«, sagte Vucinic. Mit eiserner Defensive kassierte Montenegro nur sieben Gegentore in der Gruppe G und landeten vor den von Ottmar Hitzfeld trainierten Schweizern.

Besondere Unterstützung erhält Montenegro übrigens aus Deutschland. Neben 3000 einheimischen Fans reist auch die Mannschaft der Spielvereinigung Greuther Fürth aus der 2. Bundesliga geschlossen nach Prag, um ihrem Klubkollegen Milorad Pekovic die Daumen zu drücken. »Wir wollen nun auch den letzten Schritt gehen«, sagte Mittelfeldmann Pekovic, »das wäre eine Sensation.«

Beim Gegner könnte ein Bundesligalegionär in den Blickpunkt rücken. Für Stammtorhüter Petr Cech, dessen Einsatz wegen eines Nasenbeinbruchs fraglich ist, könnte HSV-Keeper Jaroslav Drobný ins Tor des Vize-Europameisters von 1996 rücken. SID/dpa


Estland - Irland
Die estnischen No-Names wie Alo Bärengrub, Enar Jääger, Tarmo Rüütli oder Konstantin Wassiljew kämpfen heute gegen Irland mit Startrainer Giovanni Trapattoni um die Chance ihres Lebens. »Wir brauchen ein Resultat, das uns alle Chancen für das Rückspiel offen lässt«, sagte Estlands Trainer Rüütli, der einen Gegentreffer unbedingt vermeiden will. Trapattoni zollte seinem Gegner vor dem ungleichen Duell Respekt. »Wir sollten sie nicht unterschätzen. Estland hat Qualität und mentale Stärke«, sagte er.

Ihr Potenzial bewiesen die Kicker aus dem Baltikum in der Gruppenphase, als sie Serbien und Slowenien hinter sich ließen. Nur Italien war stärker. »Noch nie haben wir ähnlich effizient und attraktiv gespielt«, sagte Verbandspräsident Aivar Pohlakdas.

Der Erfolg machte die Fußballer ähnlich populär wie die heimischen Skilangläufer. 9692 Fans werden ihre Lieblinge in der Le Coq Arena nach vorne brüllen. Mehr passen nicht rein. Als am 13. Oktober der Vorverkauf für das Spiel begann, standen aber 30 000 Anhänger Schlange. Innerhalb von 15 Minuten waren alle Karten vergriffen. Allein das Erreichen der Play-offs wurde in Estland schon als Sensation gewertet.

Die Hoffnungen der euphorisierten Landsleute ruhen auf Konstantin Wassiljew. Der Mittelfeldspieler ist so etwas wie der Star aus einem Sammelsurium von Spielern, die fernab der großen, glitzernden Fußballwelt ihr Geld verdienen - in China, Aserbaidshan oder Zypern. Wassiljew spielt für Amkar Perm in Russland und war mit fünf Toren und zwei Vorlagen bester Scorer für Estland in der Qualifikation. SID

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