Von Esther Redolfi
12.11.2011

Dies ist mein Traum

Als Ökofeministin wird man nicht geboren, man wird dazu gemacht

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Esther Redolfi, geb. 1972, Philosophin und Essayistin aus Südtirol. Hat in Trient (Italien) Philosophie studiert. Derzeit Doktorandin an der Leopold-Franzens- Universität in Innsbruck (Österreich).

Ich bin nicht als Ökofeministin geboren worden. Aber der atomare Zwischenfall von Fukushima hat in mir, wie in den meisten von uns, die Erinnerung an das Tscher- nobyl-Desaster geweckt. Der auf der internationalen Bewertungsskala als katastrophaler Unfall eingestufte »Zwischenfall« im Kernkraftwerk in der Nähe von Prypjat in der Ukraine ereignete sich am 26. April 1986. Die Folgen sind bis heute nicht abzuschätzen. Die Worte des Atomphysikers Bentley Glass klingen in diesem Zusammenhang fast wie eine Prophezeiung: »Die so genannte ›friedliche Nutzung‹ der Atomenergie wird der Menschheit noch weit größeren Schaden bringen, als ihn die ›militärische Nutzung‹ bis heute schon gebracht hat.« Damals ist das für unmöglich Gehaltene eingetroffen: der Super-GAU.

Maria Mies, eine international geachtete Soziologin, die bereits zahlreiche Werke mit feministischen, ökologischen und entwicklunspolitischen Inhalten veröffentlichte, hat kurz nach dem Tschernobyl-GAU das Buch »Tschernobyl hat unser Leben verändert. Vom Atomausstieg der Frauen« veröffentlicht. In diesem Werk hat sie Beiträge von Frauen gesammelt, die sich für einen Atomausstieg stark machen. Die Soziologin ist davon überzeugt, dass die Atomkatastrophe Frauen mehr als Männer betroffen macht. Man muss keine Feministin bzw. Ökofeministin sein, um sich darüber bewusst zu werden, dass es das weibliche Geschlecht ist, das im Alltag unmittelbarer als das männliche von der Katastrophe betroffen ist. Denn den Frauen werden die Folgen der atomaren Verseuchung prompt aufgebürdet: das Besorgen von Konserven und Trockenmilch, die Kinder im Haus zu halten und das Zähmen der verärgerten Männer, die all diese Vorkehrungen schlicht lächerlich finden. Das Leben zu erhalten und zu schützen bedeutet nach Tschernobyl - wie in Kriegszeiten - mehr Arbeit und Verantwortung für die Frauen, denn sie sind es, die in erster Person für die Erhaltung des Lebens, in Kiew wie auch hier, gerade stehen müssen. Sie - nicht der Staat oder die Wissenschaftler - müssen täglich mit Schuldgefühlen kämpfen. Frauen, mehr noch als Männer, können nicht in die Normalität zurückkehren, weil es diese für sie nicht mehr gibt.

In diesem Zusammenhang bringt Mies den Begriff »Ökofeminismus« ins Spiel. Ihres Erachtens wäre die Ökologiebewegung ohne die Frauen in Deutschland nicht in die Gänge gekommen.

Ökofeminismus setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, die einer Klärung bedürfen. Die deutsche Soziologin Ute Gerhard definiert den Feminismus - der zumeist zur Bezeichnung der sozialen Bewegungen von Frauen gebraucht wird - als eine politische Theorie, die die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse im Blick hat bzw. einen grundlegenden Wandel der sozialen Ordnung anstrebt. Während der Biologe Ernst Haeckel bereits 1866 für die Definition des Begriffes Ökologie, als die Wissenschaft der Beziehungen des Organismus zur Außenwelt, sorgte. Der erste Versuch, das von Feminismus und Ökologie angestrebte Ziel, politische und nicht individuelle Lösungen für Umweltschutzprobleme und für die Frauenfrage zu finden, ereignete sich 1974 am Institut für Soziale Ökologie in Vermont in den Vereinigten Staaten.


Tatsache ist, dass wir mitten im Warenreichtum im Mangel leben, wie im Krieg. Der Mangel ist nicht nur psychischer Natur - zum Beispiel ein Gefühl von Leere und Verzweiflung -, er ist buchstäblich ein materieller Mangel am Lebensnotwendigen: an gesundem Essen, an unverseuchter Milch, an Orten, wo man sich unbesorgt aufhalten kann, ohne Angst vor einer möglichen Verseuchung zu haben.


Grundsätzlich vertreten Ökofeministinnen die Meinung, dass Frauen von der Umweltzerstörung noch stärker betroffen sind als Männer. In diesem Zusammenhang spielt der Begriff der »Subsistenz« eine Schlüsselrolle. Sowohl die indische Umweltschützerin und Feministin Vandana Shiva als auch Maria Mies sind davon überzeugt, dass eine Subsistenzwirtschaft eine Lösung darstellt, um aus der Sackgasse der Industrie- bzw. Konsumgesellschaft zu entkommen. Fakt ist, dass diese Wirtschaftsform den Schwerpunkt auf die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse setzt. Die Natur soll respektiert und nicht aus reiner Profitgier ausgebeutet werden. Um eine andere bzw. verbesserte Beziehung zu den natürlichen Ressourcen in die Wege zu leiten, ist es unabdingbar, Gegenseitigkeit, Verantwortung und Respekt in Geld- und Warenbeziehungen einfließen zu lassen. Die Subsistenzsicherheit wird nach Shiva und Mies nicht durch ein Bankkonto oder durch Sozialleistungen herbeigeführt, sondern beruht auf dem Prinzip der Mitverantwortung und des Vertrauens in die Gemeinschaft.

Mies' Appell an die Männer, dass sie wie die Frauen damit beginnen sollen, Verantwortung für das Leben auf der Erde zu übernehmen, ist unmissverständlich, denn erst wenn sie mit den Frauen die unbezahlte Subsistenzarbeit teilen werden (im Haushalt, mit den Kindern, mit den Alten und Kranken sowie die ökologische Arbeit zur Heilung der Erde), werden sie keine Lust und Zeit für ihre zerstörerischen Kriegsspiele mehr haben.

Tatsächlich hat sich im Laufe der ersten ökofeministischen Konferenz, die im März 1980 in Amherst in den USA stattfand, gezeigt, dass es vorwiegend Frauen sind, die gegen die Vernichtung bzw. die Gefährdung ihres Lebensraumes rebellieren. Dies ist aller Wahrscheinlichkeit nach darauf zurückzuführen, dass es nach der Katastrophe von Tschernobyl vorwiegend Frauen aus den betroffenen Ländern waren, die nach Trockenmilch, Jodtabletten, Konserven anstehen mussten. Deren Protest wurde ausgelöst aus Angst, einem Gefühl des Ausgeliefertseins und Misstrauen gegenüber den verharmlosenden Pressemitteilungen.

Was aber haben wir Menschen, Frauen wie Männer, daraus gelernt? Erinnern wir uns nicht mehr daran, wie wir uns damals, nach der Bekanntmachung der atomaren Katastrophe von Tschernobyl, gefühlt haben?

Wie es das Schicksal will, befand sich der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl zum Zeitpunkt der ukrainischen Reaktorkatastrophe in Tokio. Und heute, 25 Jahre später, sieht sich die aktuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Katastrophe aus Deutschland kommentiert, mit nahezu denselben schrecklichen Tatsachen konfrontiert.

Der Schiffsarzt Peter Bamm hat einmal gesagt, dass es eine Kunst ist, aus fremden Fehlern zu lernen, da die meisten nicht einmal aus den eigenen lernen. In der Tat ist es uns, wie es der erneute schwere Reaktorunfall gezeigt hat, weder gelungen, aus unseren, noch aus fremden Fehlern zu lernen. So ist es an der Zeit, dies zur Kenntnis zu nehmen und es erneut zu versuchen.

Der Grundgedanke des Ökofeminismus - mag man nun eine überzeugte Ökofeministin sein oder nicht - bietet meiner Meinung nach einen guten Ansatz, um den Umweltschutzgedanken erneut aufblühen zu lassen. Aber wir sollten uns auch immer vor Augen halten, dass nichts von nichts kommt! In diesem Fall bedeutet dies, dass wir uns ein für allemal dafür entscheiden müssen, ob wir das Leben oder den Lebensstandard wollen. Da wir nun mal in einer Welt mit begrenzten Ressourcen leben, ist der ausbeuterische Lebensstandard, den die Mehrheit von uns führt, mit einer heilen und gerechten Welt nicht in Einklang zu bringen.

Mies hält es für eine moderne Lebenslüge, dass die heutige Gesellschaft in der Lage sei, dem Menschen gleichzeitig das Leben und einen andauernd steigenden Lebensstandard zu garantieren. Wir haben im Glauben, wir könnten immer mehr Waren, Komfort und Reichtum ansammeln und gleichzeitig ein glückliches und friedliches Dasein in einer heilen und unverseuchten Natur führen, unser »Leben« geopfert. Aber schon Tschernobyl hat uns unmissverständlich gezeigt, dass beides zusammen nicht geht. Tatsache ist, dass wir mitten im Warenreichtum im Mangel leben, wie im Krieg. Der Mangel ist nicht nur psychischer Natur - zum Beispiel ein Gefühl von Leere und Verzweiflung -, er ist buchstäblich ein materieller Mangel am Lebensnotwendigen: an gesundem Essen, an unverseuchter Milch, an Orten, wo man sich unbesorgt aufhalten kann, ohne Angst vor einer möglichen Verseuchung zu haben.

An dieser Stelle sollten wir uns alle fragen, ob uns dieser scheinbar ach so unverzichtbare Luxus, der von der modernen Gesellschaft so hoch gepriesen wird und sich Lebensstandard nennt, wichtiger ist als das Leben selbst und ob dieser Konsum es uns wert ist, unsere Freiheit dafür zu opfern. Man sollte sich von Zeit zu Zeit fragen, ob man sich von der Konsumgesellschaft, die einen förmlich dazu drängt, sich gänzlich von der Natur, von der wir abhängen und mit der wir im Einklang leben sollten, zu distanzieren, fremdbestimmen lassen sollten. In dem Augenblick, in dem uns dies auffällt, indem es uns bewusst wird, dass wir von diesem Sog der Unverantwortlichkeit und des Konsumismus mitgerissen werden, sollten wir uns dezidiert dazu entscheiden, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich habe - wie Alice Schwarzer, deren Engagement und Hartnäckigkeit ich nach wie vor bewundere - einen besonderen Traum, nämlich: Ich bin eine Frau. Ich spaziere an einem sonnigen Nachmittag durch Wiesen und Wälder. Ich entdecke am Wegesrand frische leckere Waldbeeren, die ich ohne Furcht um meine Gesundheit essen darf. Ich lege mich auf einer unverseuchten Wiese nieder. Ich schaue in den blauen Himmel und beobachte, wie die Wolken ziehen. Ich freu mich auf einen erfrischenden unsauren Regen, der Wiesen und Wälder zum Duften bringt. Bevor ich nach Hause schlendere, sammle ich unverstrahlte Pilze, die ich schmackhaft zu einem Abendessen zubereiten kann. Bevor ich mich zur Ruhe setze, genieße ich die Gewissheit, dass auch die zukünftigen Generationen dies erleben werden.

Victor Hugo hat einmal gesagt, dass ein Traum unerlässlich ist, wenn man die Zukunft gestalten will. Dies ist meiner.