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Von René Heilig 23.11.2011 / Inland

Erstaunliches aus Erfurt

Statt Tourismus ist in Thüringen Terrorismus Tagesthema

»Das ist Thüringen«, hieß die Imagekampagne, die Ende August mit einem Budget von zwei Millionen Euro bundesweit gestartet worden war. Nun, seit Thüringen immer im Zusammenhang mit Nazi-Terrorismus genannt wird, hat Erfurt sie gestoppt. Statt Anzeigen zu schalten, geht man nun Anzeigen nach.

Kein Zweifel: Die Arbeitstage von Thomas Sippel als Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes sind gezählt. Seit 2000 führt er die Skandalbehörde. Nun muss er noch ein paar Akten über Mörder aus der Naziszene zusammenstellen, ein paar Antworten zum Versagen der Sicherheitsbehörden formulieren, um dann für alles mögliche Verantwortung zu übernehmen. Auch für eine krude Geheimdienststrategie, die lange vor seinem Amtsantritt ausgeheckt worden ist.

Man schrieb das Jahr 1994. Erstmals tauchten in Thüringen Klebezettel einer sogenannten Anti-Antifa »als neuartiges Bindeglied im neonazistischen Spektrum« auf. Sagte der Landesverfassungsschutz. Und der musste es schließlich wissen - wenn stimmt, was für viele Insider auf der Hand liegt: Erfurts Landesgeheimdienst hat das, was man ab 1995 »Thüringer Heimatschutz« (THS) nannte, gegründet.

Warum? Erstens, weil man eine selbst organisierte und mit vielen V-Leuten durchsetzte militante Nazigruppe besser im Blick hat als zehn kleine autonome Grüppchen. Zweitens, weil man mit Hilfe des natürlichen Vernetzungsbestrebens auch Einblicke in ähnliche Bewegungen jenseits der Landesgrenzen erhält. Und drittens, weil man so die Linke beschäftigen kann, wann und womit man will.

Jahrelang lief alles - folgt man der Logik des Verdachts gegen den Erfurter Verfassungsschutz - nach Plan. Die gebastelten Bomben blieben im Attrappenstadium oder waren Dank geringer TNT-Füllung fast harmlos. Zum geeigneten Zeitpunkt konnte man gefahrlos das Waffen- und Sprengstoffdepot des »Heimatschutzes« ausheben. Doch spätestens 1998 muss es Signale gegeben haben, dass die militanten Nazis sich vom Geheimdienst abnabelten. Auch die nun in Rede stehenden Terroristen - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe (und vermutlich auch andere) - lösten sich aus den Strukturen, deren V-Leute-Dichte öffentlich geworden war. Sie gingen in den Untergrund.

Inwieweit sie dabei hilfreiche verfassungsschutzgesicherte Kontakte nutzten, muss sich noch herausstellen. Sicher ist: Als das Landeskriminalamt die drei festnehmen wollte, wurden die Polizisten zurückgepfiffen. Das, so hieß es, sei Sache des Verfassungsschutzes. Der versuchte offenbar, seinen »Thüringer Heimatschutz« zu retten, indem er durch einen Mitbegründer des THS und Vize-NPD-Landeschef mitteilen ließ, das gesuchte Trio sei nie Mitglied der Vereinigung gewesen. Der Dementi-Mann hieß Tino Brandt und war von Anfang an Vertrauensperson des Thüringer Verfassungsschutzamtes. In der Folge bereinigte jemand den Panzerschrank des gefeuerten Verfassungsschutzchefs Roewer um genau jene Akten, die den rechten Rand der Gesellschaft und die darin platzierten V-Leute umfassten.

Und nun das: 13 Jahre nach dem Untertauchen des Trios, das inzwischen in beispielloser Weise gemordet und geraubt hat, werden dessen Verbrechen geklärt. Auf einem Schlag. Wie auf einem Silbertablett liefern die drei ihren Jägern Beweismittel über Beweismittel. Plötzlich schickt irgendwer vier Jahre alte Bekennervideos los. Die beiden Männer wählen plötzlich den (Frei?)Tod, die Wohnung des Trios in Zwickau fliegt fast zeitgleich spektakulär in die Luft, doch lässt sich noch so manch kamerataugliches Beweismittel - beispielsweise Tatwaffen - vorzeigen.

Das alles fühlt sich an, als hätte jemand auch die Aufklärung des Falles organisiert. Sippel war das gewiss nicht. Er taugt allenfalls noch als braves Beamtenopfer.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Kampf gegen Rechts

    Die Enttarnung des Zwickauer Nazitrios rückt den Kampf gegen rechts wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Die Politik erschwert die Arbeit der Initiativen gegen Rechtsextremismus, denn die Projekte haben mit Mittelkürzungen und der Extremismusklausel zu kämpfen.
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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 22. Nov 2011 22:42

    Ja!

    So wird es wohl gewesen sein

    • Permalink

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