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Von Marion Pietrzok
24.11.2011

»Gefühlsduseliger Blödsinn«

»Der Gott des Gemetzels« von Roman Polanski

Der Hausarrest in der Schweiz war beendet, das Drehbuch geschrieben, Polanski nun frei, aber nicht unbedingt auf unsicheres Reisen erpicht, und so blieb er mit seinem neuen Film, in Frankreich gedreht, quasi zu Hause, und zwar doppelt: eine Wohnung ist der Schauplatz und (fast) weiter nichts. Auf engstem Raum wogen die Konflikte zwischen vier Personen, der Zuschauer ist in dankbarer Position, der Perspektive durchs Schlüsselloch, froh, nicht selbst vorgeführt zu werden. Wie schnell der Lack ab ist, das schön Zivilisierte des Miteinanders, das zeigt Yasmina Rezas »Gott des Gemetzels«, Theaterbesuchern bestens bekannt. Polanski hat gemeinsam mit der wohl meistgespielten Dramatikerin der Gegenwart das Stück für die Leinwand adaptiert, in Echtzeit spult er die Geschichte ab.

Zwei Elfjährige waren auf dem Spielplatz aneinandergeraten, ein Kind verlor dabei zwei Schneidezähne. Jetzt treffen sich die beiden Elternpaare im New Yorker Hochhausapartment des einen Ehepaars, um einen Bericht für die Versicherung zu verfassen. Kleine Differenzierungen im sozialen und intellektuellen Niveau, in der Sicht auf Opfer und Täter, im Grad der Toleranzfähigkeit bewirken, dass man sich in der Einschätzung des Vorgangs und der Notwendigkeit pädagogischer Maßnahmen nicht gleich einig ist. Doch werden anfangs noch die Meinungsverschiedenheiten mit sogenannter gutbürgerlicher Kultiviertheit ausgetragen, blättert die Tünche bald ab. Das Quartett verliert die Fassung. Man provoziert sich, greift sich gegenseitig an, attackiert sich frontal oder aus dem Hinterhalt, nimmt Anlauf zur Versöhnung, bis Höflichkeit doch wieder nur Verletzen und Hass wird. Der »Gott des Gemetzels« regiert. Das besonders Reizvolle für den Zuschauer: Es bilden sich Kampfparteien in unterschiedlichen Allianzen. Mal Paar gegen Paar, mal überkreuz, mal Männer gegen Frauen und umgekehrt. Ein Reigen unerwarteter Komplizenschaften. Zum Vorschein kommt: Angst hat alle Natur überformt, zeigt sich in Verklemmtheit, Vorurteilen, Aggression, Zynismus, hat gebaut an Lebenslügen und Enttäuschungen. Man sieht fasziniert dem Fassadensturz zu und fragt sich, warum man solch diebischen Spaß hat an der in unberechenbarer Dynamik ablaufenden Eskalation.

Die Lage ist zum Kotzen. Und das tut denn auch Kate Winslet als Investmentberaterin und überforderte Mutter Nancy, und zwar so wunderschön, wie es im Buche (im Stück) steht. Jodie Forster als Penelope, eine »politisch Korrekte«, engagiert für »die Neger« in Afrika, ist ebenfalls bestens in Form. Sie ist anfangs im Besitz eines unersetzlichen Kokoschka-Bandes, der schließlich unter eine Kaskade von Erbrochenem gerät und nun leider kein Ausweis von Kunstbeflissenheit mehr sein kann. Das Überzeugungszickige steht der Schmallippigen gut. Reizt natürlich Christoph Waltz alias Alan, den schmierig grienenden, per Handy dauertelefonierenden, zynischen Anwalt eines verbrecherischen Pharmakonzerns. John C. Reilly hat neben körperlicher Rundlichkeit, die scheinbar einen Sanguiniker beherbergt, als Michael in Wahrheit ein Temperament, das selbst vor Mord am eigenen Haustier nicht zurückschreckt und ob des »gefühlsduseligen Blödsinns« explodiert. Wer auch immer von den vier großen Schauspielern im Fokus steht, macht seine Sache perfekt.

Polanski hat punktgenau inszeniert. Und frei von der Beschränkung im Kammer-Spiel-Raum, obwohl brav am erzählerisch Vorgegebenen. Es ist nicht angebracht, den Regisseur für Letzteres zu kritisieren. Das Gegenteil von Konservatismus muss nicht Exotik sein. Waren aber die Eingangs- und die Schlussszene nötig, die aus der Ferne die Gruppe von Jungs auf dem Spielplatz zeigt, den »Vorfall« und dessen Ausgang? Vielleicht hat Polanski sie angestrickt, um den Hamster, eins der Streitobjekte, totgeglaubt, weil ausgesetzt auf nächtlicher Straße, zum Schluss ans Licht zu holen, zur Besänftigung der Tierschützer und zur Bekräftigung: Viel Lärm um nichts.

Es ist zusätzlich vergnüglich zu vergleichen, wie stücknah die Verfilmung ausgefallen ist, die bekannten Requisiten wieder vorzufinden wie Föhn (zum Trocknen der beschmutzten Bücherseiten und der Anzughose - Alan muss die »Hose runterlassen«), Alans Handy, das dann plötzlich seinen Tauchgang ins Blumenwasser absolviert (»Mein ganzes Leben steckt da drin!«), zerfledderter Tulpenstrauß (das Symbol der friedfertigen Begegnung und deren restlosester Vernichtung), die zu Boden geworfene Handtasche mit Lippenstift, Hautcreme und ähnlichem Wohlstandsmüll zum vermeintlichen Aufputzen des angeschlagenen Selbstwertgefühls. Dass das Stück als Film funktioniert und der Gefahr des Abgleitens ins Boulevard entgeht, ist Verdienst eines Meisterregisseurs, hier wie sonst ganz auf seiner hohen Höhe.

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