Von Jan Keetman, Istanbul
25.11.2011

Erdogan entschuldigt sich für Massaker 1937/38

Türkischer Regierungschef zielt jedoch vor allem auf die Oppositionspartei CHP

Erstmals hat sich ein türkischer Ministerpräsident für ein Massaker an Kurden entschuldigt. Am Mittwoch legte Recep Tayyip Erdogan Dokumente vor, die bestätigen, dass die Regierung 1937-38 von Massakern der Armee in Dersim wusste.

»Wenn es nötig ist, wenn es das in der Literatur gibt, dass der Staat sich entschuldigt, so entschuldige ich mich«, sagte Erdogan am Mittwoch vor Mitgliedern seiner religiös-konservativen Partei AKP in Ankara. Es handle sich um »eines der tragischsten und schmerzhaftesten Ereignisse unserer neueren Geschichte«.

Im Rahmen der Türkisierungspolitik Kemal Atatürks hatte die damalige Provinz Dersim im Osten der Türkei, bewohnt von alewitischen Kurden, Ende der 30er Jahre per Gesetz den türkischen Namen Tunceli erhalten. Ein angeblicher Aufstand der Kurden, vermutlich vom Militär provoziert, lieferte den Vorwand für Luft- und Bodenangriffe, massenhafte Exekutionen und die Deportation der Überlebenden. In einem von Erdogan vorgelegten Dokument aus dem Jahre 1939 wird die Zahl der Getöteten mit 13 800 angegeben. Andere Quellen sprechen von Zehntausenden Toten.

Erdogan dient die Entschuldigung allerdings weniger dazu, die türkische Geschichte aufzuarbeiten, als dazu, die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP) und deren Führer Kemal Kilicdaroglu vorzuführen. Kilicdaroglu stammt selbst aus Dersim, seine Familie war von den Massakern der Jahre 1937 und 1938 betroffen. Er unternahm bisher jedoch nur zaghafte Versuche, das Thema Dersim in seiner Partei anzusprechen. Denn es war die CHP, von Atatürk gegründet, die seinerzeit regierte. Ihr langjähriger Führer Ismet Inönü, mehrfach Regierungschef der Türkei und Nachfolger Atatürks als Präsident, war schon wiederholt Ziel von Erdogans Hohn und Spott. Den von vielen Türken noch immer verehrten Republiksgründer selbst verschonte der Ministerpräsident dagegen bisher. Auch Atatürks Adoptivtochter Sabiha Gökcen ist noch nicht in Erdogans Visier. Sie hatte als Pilotin an den Bombardements in Dersim teilgenommen, doch ein Istanbuler Flughafen trägt noch immer ihren Namen.

Aber niemand garantiert der CHP, dass Erdogan seine Zurückhaltung gegenüber Atatürk wahrt. In der Türkischen Republik ist indes so ziemlich alles auf Atatürk gegründet, wer ihn in Frage stellt, der kann alles in Frage stellen. Also argumentierte Kilicdaroglu in Sachen Dersim so wie Erdogan in der Armenierfrage: Man solle die Geschichte doch den Historikern überlassen. Als Erdogan sich jetzt entschuldigte und die CHP aufforderte, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, verlor Kilicdaroglu die Fassung: Er warf Erdogan vor, Hass und Zwietracht zu säen. Der Regierungschef solle dringend einen Psychologen aufsuchen.

Das öffentliche Echo ist allerdings mehr auf Erdogans Seite. So meinte Murat Yetkin, Ankara-Korrespondent der Zeitung »Radikal«, man könne zwar über Erdogans Motive für die Entschuldigung streiten, zweifellos aber habe die türkische Politik damit eine »psychologische Schwelle« überschritten. Yetkin hält jedoch weitere Schritte für erforderlich, darunter auch die von Erdogan bisher verweigerte Anerkennung eines Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

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