Von Hendrik Lasch, Zwickau
28.11.2011

Zwickau geht auf Distanz

1500 Menschen bei Kundgebung für Opfer des braunen Terrors / Proteste auch in Leipzig und Berlin

In Zwickau haben, wie in anderen Orten am Wochenende, viele Menschen ihre Empörung über die Morde einer braunen Terrorzelle kundgetan. Zugleich betont die Stadt, sie sei keine »Keimzelle« rechter Gewalt.

Von der Wohnung des Terrortrios bleibt nur Leere: Bagger haben den Unterschlupf , von dem aus die drei Aktivisten des »Nationalsozialistischen Untergrunds« jahrelang unentdeckt zu ihren Gewalttaten aufbrachen, sauber abgerissen. Dem Haus in der Frühlingsstraße 23 in Zwickau fehlt eine halbe Etage.

Aus den Augen aber heißt nicht aus dem Sinn; die Verstümmelung des Hauses erinnert erst recht an das Unglaubliche, das hier seinen Ausgang nahm. Ähnlich schwer dürfte es der Stadt fallen, den Makel loszuwerden, der seit dem 11. November auf ihr lastet, dem Tag, als hier die Tatwaffe einer furchtbaren Mordserie gefunden wurde.

Noch schütteln sie in Zwickau ungläubig die Köpfe. »Wir sind die Automobil- und Schumann-Stadt«, sagt Oberbürgermeisterin Pia Findeiß. Die SPD-Frau steht auf dem Georgenmarkt vor 1500 Bürgern. Zwickau: Dieser Name soll an den Maler Max Pechstein denken lassen und die Torwartlegende Jürgen Croy. Davon aber redet in den Nachrichten keiner. Dort heißt es: »Zwickauer Terrorzelle«.

Die Zwickauer sind auf den Georgenplatz gekommen, um an die mindestens zehn Opfer der braunen Gewalt zu denken; ihre Namen werden verlesen, bevor eine Schweigeminute den Platz in Stille hüllt. Die Bürger, viele mit Kerzen in den Händen, versuchen aber auch zu verstehen, was da passiert ist in ihrer Stadt. »Viele denken: Hätte der Kelch nicht an uns vorbeigehen können!?«, sagt Sabine Zimmermann, die Regionalchefin des DGB: »Warum gerade hier?«

Zimmermann, die Linksabgeordnete im Bundestag ist, gibt ein paar Antworten. Die Region habe ein »massives Problem« mit Nazis, sagt sie. Ein Beispiel ist Peter Klose, Ex-Landtagsabgeordneter der NPD, der Mitglieder aus der Kameradschaftsszene in seinem Wahlkreisbüro beschäftigt hatte - und sich doch erdreistet, zur Kundgebung zu erscheinen, bis er des Platzes verwiesen wird. Allerdings lasse sich »der Rechtsextremismus nicht lokal begrenzen«, fügt Zimmermann hinzu. Meint wohl: Das Problem heißt nicht nur Zwickau.

Ähnlich äußert sich Markus Ulbig, der sächsische Innenminister. Zwar gehe es bei der Kundgebung weniger um das Image als um ein Zeichen, wonach die Antwort auf die Gewalt »mehr Demokratie und Toleranz« sei. Der CDU-Politiker sagte aber auch: »Zwickau ist nicht Keimzelle des Rechtsterrorismus. Die Mörder stehen nicht für diese Stadt.« Es sind Sätze, auf die sie gewartet haben in Zwickau, die aber spät kommen, klagt Findeiß. Es hätten »weder Vertreter der Bundes- noch der Staatsregierung gefragt: Braucht ihr Hilfe?«, sagt sie. Ministerpräsident Tillich sei zu einem Firmenbesuch in der Stadt gewesen - und habe geschwiegen.

Nicht mehr schweigen wollen indes Bürger in Zwickau und anderen Orten. In Leipzig demonstrierten bis zu 1000 Menschen gegen einen in einem NPD-Büro geplanten Vortrag von Karl-Heinz Hofmann, dem heute in Sachsen lebenden Ex-Chef der »Wehrsportgruppe Hofmann«. Der Vortrag wurde indes kurzfristig abgesagt. Die NPD habe angesichts der Mobilisierung wohl »kalte Füße bekommen«, sagte Mitinitiatorin Juliane Nagel. Leipzigs OB Burkhard Jung (SPD) erklärte bei der Demo, er »ertrage es nicht«, dass die NPD ein Büro in der Stadt habe; die Partei solle verboten werden.

Eine Protestdemonstration gab es am Wochenende auch in Berlin; dabei kam es in Kreuzberg aber zu Ausschreitungen, bei denen Steine und Böller flogen. Es gab Verletzte, auch in den Reihen der Polizei.

Zu den Ermittlungen zum Terrortrio tauchen derweil neue Einzelheiten auf. Der »Focus« meldet, Thüringer Zielfahnder hätten die drei bereits 2001 in Sachsen aufgespürt. Das belege ein Polizeifoto. Unklar ist, warum kein Zugriff erfolgte. Die in U-Haft sitzende Beate Zschäpe war Medienberichten zufolge an den Neonazi-Morden nicht beteiligt. Derlei Erkenntnisse gebe es nicht, wird BKA-Chef Zierke zitiert. Derweil äußern sich Ermittler besorgt über den Verblieb von Sprengstoff, der 1991 aus einem Thüringer Bundeswehrdepot gestohlen wurde. Aus einem Teil baute das Terrortrio zwei 1998 in Jena gefundene Rohrbomben; 38 Kilo blieben bisher verschollen.