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Von Hendrik Lasch, Dresden 30.11.2011 / Inland

Ausfall als Hauptfach

Lehrermangel in Sachsen hat gravierende Folgen

In Sachsens Schulen fallen viel mehr Stunden aus, als der Kultusminister einräumt. Davon ist die Opposition überzeugt. Dass Lehrer fehlen, sagt sogar ein CDU-Abgeordneter offen.

Der Winter ist nicht nur der ärgste Feind der Bahn, sondern offenbar auch der Schule. Schneechaos ist jedenfalls nach Ansicht von Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) ein Hauptgrund dafür, dass im vorigen Schuljahr 3,9 Prozent der Stunden an Sachsens Schulen ausfielen - 0,9 Prozentpunkte mehr als im Jahr davor. Der zweite Grund war ein Lehrerstreik. Insgesamt ist die Lage aber, glaubt man Wöller, nicht beunruhigend.

Das bezweifeln viele Eltern, und Oppositionspolitiker halten Zahlen des Ministeriums für geschönt. »Die Statistik ist gefälscht«, sagt gar die Linksabgeordnete Cornelia Falken und zählt Fälle auf, die dort nicht auftauchen. Nicht als Ausfall wird es gewertet, wenn Viertklässler eine Woche lang in einer ersten Klasse sitzen müssen, weil ihr Lehrer krank ist; wenn Schüler ohne Betreuung Arbeitsblätter ausfüllen; wenn zwei Klassen gleichzeitig von nur einem Lehrer betreut werden; wenn Kinder im Englischunterricht von einer Absolventin unterrichtet werden, die zwar über ein BWL-Diplom verfügt, aber keine pädagogische Ausbildung hat. Vorgaben des Ministeriums zufolge, kritisiert Falken, werden derlei Situationen bei der Erfassung des Ausfalls ausgeklammert.

Bayern als Beispiel

Nach Angaben von Minister Wöller sind in Sachsens Schulen im vorigen Schuljahr 774 000 Unterrichtsstunden ohne Ersatz weggefallen. Die Grünen-Abgeordnete Annekathrin Giegengack ließ sich unlängst auflisten, in welchen Schulen zeitweise mehr als zehn Prozent der Stunden gestrichen werden mussten. Die eng bedruckte Liste ist 16 Seiten lang. An Gymnasien gelingt es immerhin noch, 65 Prozent der von Ausfall bedrohten Stunden zu vertreten. An Grundschulen dagegen fallen Fächer wie Englisch, Ethik oder Musik meist gänzlich aus, wenn der Fachlehrer fehlt.

Nicht nur Wöllers Zahlen, auch die von ihm angeführten Gründe für den Ausfall werden angezweifelt. In Bayern, wo die Ausfallquote bei nur 1,9 Prozent liegt, habe der Winter nicht für nennenswerte Zuwächse gesorgt, sagt Falken; und der Streik im Februar und März sei »höchstens für zehn Prozent des Ausfalls verantwortlich«, sagt die Gewerkschafterin. Thomas Colditz, Abgeordneter der regierenden CDU, erklärte kürzlich im Landtag, es gebe ernste Probleme am Schuljahresbeginn, »und das liegt nicht am Schneefall im Erzgebirge«.

LINKE will Fälle erfassen

Colditz hatte zuletzt in einem Interview die wirklichen Gründe benannt und dabei in für einen Koalitionsabgeordneten fast unerhörter Offenheit auch den Minister kritisiert. Dafür wurde er in der Fraktion dem Vernehmen nach gerüffelt wurde. Colditz verwies auf einen Lehrermangel, der sich deutlich verschärfen wird, wenn immer mehr Lehrer in Rente gehen. Im Landtag sprach er von einem »Wetterleuchten für ein Unwetter, auf das wir zusteuern, wenn nicht gehandelt wird«.

Während die Opposition sich in ihren langjährigen Warnungen bestätigt fühlt, vermag Wöller kein ernstes Problem zu erkennen. Seine Zahlen zufolge können Gymnasien den Unterricht zu 216 Prozent absichern, die Mittelschulen zu 204 Prozent - sprich: bei Krankheit eines Lehrers sollte genügend Personal für eine Vertretung vorhanden sein. Falken bezweifelt das: »Es gibt keinen Puffer.«

In dem Fall wie bei der statistischen Erfassung des Unterrichtsausfalls stehen Oppositionspolitiker freilich vor einem Problem: Über belastbare Zahlen verfügt nur das Ministerium. Die LINKE startet deshalb jetzt eine Umfrage unter Schülern. Sie sollen im Internet oder auf Postkarten über den Ausfall an ihren Schulen berichten, um so verlässlichere Angaben zusammentragen zu helfen.

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