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Von Gunnar Decker 01.12.2011 / Kino & Film

Risse im (Selbst-)Bild

»Day is Done« von Thomas Imbach

Was geschähe, wenn man den ganzen Tag am Fenster säße, den Wolken und Flugzeugen nachblickte, niemals ans Telefon ginge, nur ab und zu Musik hörte und auf dem Anrufbeantworter sammeln sich derweil die immer fordernder klingenden Nachrichten? Vielleicht wäre man depressiv, vielleicht aber auch ein glücklicher Mensch.

Thomas Imbach hat mit »Day is Done« ein Langzeitexperiment gemacht, dem sich zu unterwerfen man gleichermaßen melancholisch und narzisstisch veranlagt sein sollte. Zwischen 1988 und 2003 sammelte er die Bänder seines Anrufbeantworters und zwischen 1995 und 2010 blickte er mit seiner 35-Millimeter-Kamera tagelang immer nur aus dem Fenster. Draußen liegt Zürich, wie man es nicht von Postkarten her kennt, eine eher industriell-herbe Szenerie. Ein Schornstein raucht Tag und Nacht - mit den Jahren aber verändert sich auch die Stadt draußen vor der Tür. Die Menschen wechseln sich in ihrer Rolle als Fußgänger ab - plötzlich ist doch alles anders geworden, das Kind, von dessen Geburt wir eben erst erfahren haben, ist schon halb erwachsen und dann ragt mitten im altbekannten Stadtbild ein Hochhaus in den Himmel, das jedes Mal neu die Erinnerung an eine Stadtlandschaft stört, die wir tief in uns tragen. Orte bleiben die Gleichen - und plötzlich erkennt man sie doch kaum wieder.

Lauter Umschlagpunkte: Ab jetzt wachsen wir innerlich nicht mehr mit, mit dem, was draußen passiert - wir bleiben zurück, allein, wir sterben den abgerissenen Häusern und verschrotteten Autos hinterher. Und da sind diese ständigen Stimmen im Raum, die herrisch nach Rückruf verlangen, es bereits für eine unentschuldbare Säumigkeit halten, hier und jetzt nicht erreichbar zu sein. Da sind aber auch Stimmen, die ganz froh klingen, schnell eine Nachricht hinterlassen zu können, ohne sich weiter in ein Gespräch verwickeln lassen zu müssen. Eine Symphonie aus lauter geschäftsmäßigen und sehr privaten, ja intimen Tönen. Das meiste erledigt sich mit der Zeit von selbst - wer aufhört zu reagieren, ist dem tätigen Zeitgeist immer der schlimmste Feind.

Manches aber, was im Strom der Nachrichten mitschwimmt, dringt durch die Zone der Unerreichbarkeit bis ins Elementare: der Tod des Vaters, die Geburt des Sohnes, die Trennung von der Frau. Das eine kommt plötzlich, ohne Vorankündigung, das andere hat sich längst schon angedeutet. Der Klang ist dem Ereignis vorausgeeilt.

Bilder und Stimmen. Wir sehen die Sprechenden nicht, es ist, als ob die Töne im Kopf selbst entstünden. Lauter Monologe. Nie eine Antwort. Dazu scheinbar zufällige Bilder von der Straße, die sich mit der Zeit als doch nicht zufällig erweisen. Wer zum Beispiel ist jene junge Frau, auf die die Kamera geradezu lauert? Alltag ist in diesem Stillleben für Kamera und Anrufbeantworter immer ein Panorama der Ungleichzeitigkeit. Es passieren Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Aber dann, wenn wir immer wieder hinsehen und hinhören, still auf unserem Platz am Fenster sitzend, bemerken wir, vielleicht erst nach Jahren, was hier doch zusammengehört. »Day is done« - der Tag ist vorüber? Welcher damit gemeint ist, wird erst nach und nach klar. Immer der heutige - in dem zugleich etwas vom »ewigen Tag« aufscheint.

Thomas Imbach hat einen höchst merkwürdigen, ja sogar befremdlichen Film gedreht, der einem nicht unbedingt gefallen muss. Aber er besitzt einen Vorzug, den er den meisten anderen voraus hat: seine Eindringlichkeit, in der die Monotonie schließlich kulminiert. Das Ewiggleiche wird auf unerklärliche Weise plötzlich zum Ereignis, das uns zu stören beginnt, gewohnte Selbst- und Weltbilder sabotiert. Nein, langweilig ist das hier nicht. Man vergisst »Day is Done« nicht so schnell in seiner ritualhaften Art, Bilder und Töne zu komponieren.

Der Schweizer Filmemacher arrangiert seinen Alltag auf der Grenze von Spielerischem und Dokumentarischem. Er bewohnt gleichsam seinen Film. Was entsteht, wirkt wie eine Collage, in der Innen und Außen ineinander übergehen. »Seelenlandschaften« habe er filmen wollen, so Imbach. Damit ist nicht etwas besonders Harmonisches gemeint: Im Gegenteil, lauter disparate Teile erzeugen in ihrem Zusammenklang einen Ausdruck moderner Großstadtexistenz. Imbach selbst spricht von einer »fiktiven Autobiografie« - ein Leben in der Möglichkeitsform, aber auch ein Leben, das in all seiner Freiheit beständig vor der Drohung der Beliebigkeit steht. Könnte dieses recht komfortable, um sich selbst kreisende Leben, ohne allzu große Bedrückungen wie Beglückungen, nicht auch das sein, was der Nachbar führt? Manchmal birgt das Alltäglichste, wo es mit aller Konsequenz auf seinen monotonen Kern gebracht wird, gerade das Ungewöhnlichste, das Schmerzhafteste und Schockierendste.

Imbach reproduziert mit minimalistischen Mitteln eine Ästhetik des Schreckens: unser täglich Leben heute.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • VHeller, 01. Dez 2011 13:46

    Schöner Artikel

    Dieser Film klingt interessant, ein bisschen verstörend und trotzdem ziemlich langweilig. Ansehen werde ich ihn mir trotzdem auf jeden Fall. Auch wenn es einem doch unheimlich vorkommt, woher der Mann die Zeit und den langen Atem hernimmt - es sit wohl doch noch diese Art längst vergessen geglaubter Kunst, für die sich der Künstler Zeit nimmt, ein halbes Leben lang.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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