Nein, so richtig zu packen ist er nicht, dieser Karl May, und literarhistorisch einzuordnen schon gar nicht. Setzen die einen seit Mays frühen Veröffentlichungen alles daran, diesen Schmutz-und-Schund-Autor zu diskreditieren, schätzen die anderen, nicht zuletzt immer wieder auch berühmte Schriftstellerkollegen, May als großartigen Erzähler. Auch wenn sich knapp hundert Jahre nach Mays Tod die Anzeichen dafür mehren, wie der May-Biograf Helmut Schmiedt am Ende seines Buches mutmaßt, dass der sächsische Erzähler endlich in den Rang eines deutschen Klassikers aufrückt, sehr viel spannender zu beobachten ist das »Phänomen« Karl May selbst.
Denn dieser Autor, der einmal als der erste Popstar der deutschen Literatur bezeichnet worden ist, bleibt zutiefst widersprüchlich. Ein besonderes Verdienst der Biografie von Schmiedt, der stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft ist und sich seit Jahren als exzellenter Experte präsentiert hat, ist die Engführung von biografischer Beschäftigung mit Werkanalysen.
Gewiss ist Karl Mays Leben längst schon noch bis in die hintersten Winkel ausgeleuchtet und jüngst erst mit einer 5-bändigen Chronik bedacht worden, worauf sich Schmiedt neben Karl Mays eigner »Selberlebensbeschreibung« unter dem Titel »Mein Leben und Streben« (1910) bezieht. Doch Schmiedts Buch besticht nicht zuletzt dadurch, dass er narrative Elemente und positivistische Faktentreue kombiniert und einen weiten Horizont abmisst.
Einige nüchterne Zahlen sprechen Bände: »Ein Jahr nach Mays Tod belief sich die deutsche Gesamtauflage auf 1,6 Millionen Exemplare, steigerte sich bis 1938 auf 7,2 Millionen und erreichte 1973, einem Prospekt des Karl-May-Verlages zufolge, 46 Millionen; für das Ende des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend gibt der Karl-May-Verlag eine Auflage von etwas über 80 Millionen Exemplaren an und vermutet eine deutschsprachige Gesamtaufla-ge … von etwa 100 Millionen.«
Es lassen sich, grob gesagt,drei Entwicklungsstadien in Karl Mays Leben ausmachen: Da ist zunächst der Sohn aus bitter-ärmlichen Verhältnissen, dem es trotzdem gelingt, eine Ausbildung zum Hilfslehrer anzutreten, der dann auf kriminelle Abwege gerät, wobei es sich um zum Teil lächerliche Bagatellvergehen (wie etwa den Diebstahl von Kerzen oder in Felix Krullscher Manier um Hochstapelei und Amtsanmaßung) handelt, die ihm jedoch mehrere Gefängnisstrafen bescheren. Und dann entwickelt sich durch eine glückliche Fügung - die Anstellung als Soldschreiber beim Kolportage-Verleger Münchmeyer - rasch der Schriftsteller May, der seit 1879 unermüdlich Abenteuer- und Reisegeschichten herausgibt und schließlich die Legende des Selbsterlebten verbreitet.
Mit entsprechenden Maßlosigkeiten dahinter: So spreche und schreibe er »französisch, englisch, italienisch, spanisch, griechisch, lateinisch, hebräisch, rumänisch, arabisch 6 Dialekte, persisch, kurdisch 2 Dialekte, chinesisch 2 Dialekte, malayisch, Namaqua, einige Sunda-Idiome, Suaheli, Hindostanisch, türkisch und die Indianersprachen der Sioux, Apachen, Komantschen, Snakes, Uthas, Kiowas nebst dem Ketschumany 3 südamerikanische Dialekte. Lappländisch will ich nicht mitzählen.«
Einerseits ist May ein glühender Bismarck-Verehrer und ein seit frühen Tagen sich zu König, Gott und Vaterland Bekennender, andererseits ist er auch immer wieder der Antimilitarist, Aufklärer, Humanist - also rundum ein Autor des tiefen 19. Jahrhunderts, an dem beides ablesbar ist: die Verstricktheit in stereotype Vorurteile und auch jenes »Perspektivenlicht der Hoffnung«, von dem Ernst Bloch gesprochen und im Blick auf Karl May gesagt hat, dass bei diesem »ein sehnsüchtiges Spießbürgertum … den Muff seiner Zeit« durchstoßen habe.
Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck München. 368 Seiten., gebunden., mit zahlreichen Abbildungen, 22,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 21.05.2012
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