Von Stefan Kühner
08.12.2011

Mit »Doi Moi« begann Vietnams Aufschwung

Bemerkenswerte Erfolge und Widersprüche einer 25-jährigen Entwicklung

»Doi Moi« (Erneuerung) wurde in Vietnam genannt, was anderswo »Perestroika« hieß. Von Letzterer ist kaum noch die Rede, »Doi Moi« dagegen wird jetzt 25 Jahre alt.
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Der tägliche Verkehrsstau in Hanoi

Vietnams südliche Meropole Ho-Chi-Minh-Stadt hat eine neue Attraktion: den Thu-Thiem-Tunnel. Vor knapp drei Wochen eröffnet, unterquert der 1,5 Kilometer lange sechsspurige Straßentunnel den Saigon-Fluss und verbindet das alte Zentrum Saigons mit neuen Stadtteilen. Er kann täglich 45 000 Autos und 15 000 Motorräder aufnehmen. Die Polizei sieht sich inzwischen gezwungen, Strafmandate an Raser, Drängler und Gaffer zu verteilen. Letztere halten im Tunnel an, um Videoaufnahmen zu machen.

Das Infrastrukturprojekt ist nur eines von vielen im Lande. Ob Brücken, Straßen und Tunnel oder Hotels, Fabrikanlagen und Wohnviertel - gebaut wird in Vietnam nahezu überall.

Das sah vor 25 Jahren noch völlig anders aus. Vietnam gehörte auch ein Jahrzehnt nach dem Ende des Krieges und nach der Wiedervereinigung von Nord und Süd zu den ärmsten Staaten der Welt. Die Kriegsfolgen waren noch allgegenwärtig, Teile der Bevölkerung litten Hunger, Vietnam musste Reis importieren. An Fleisch und Fisch war für viele nicht zu denken. Von etlichen Staaten des Westens wurde die Sozialistische Republik politisch und kulturell boykottiert.

In dieser Situation trat im Dezember 1986 der 6. Parteitag der KP Vietnams zusammen und zog schonungslos Bilanz. Konstatiert wurde, dass »wichtige Produktionskennziffern« der vorangegangenen beiden Fünfjahrpläne nicht erfüllt wurden, und erklärte es zum obersten Ziel, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern sicherzustellen.

Der Weg zu diesem Ziel wurde kurz mit »Doi Moi« beschrieben, zu Deutsch Erneuerung. Zunächst wurden die Planvorgaben für landwirtschaftliche Genossenschaften abgeschafft. Bauern konnten Land zur eigenen Bewirtschaftung übernehmen, doch wurde der Boden nicht privatisiert, sondern durch Nutznießungsverträge mit 15 Jahren Laufzeit überragen. Die bäuerliche Landwirtschaft und der Handel blühten auf. Bereits 1989 konnte Vietnam wieder Reis exportieren. Heute gehört es zu den fünf führenden Reis exportierenden Ländern der Welt. Ähnliche Spitzenwerte erreichte Vietnam bei Pfeffer, Cashewnüssen und Pangasius-Fisch. Außerdem hat der südostasiatische Staat in den vergangenen 15 Jahren zur zweitgrößten Kaffeeexportnation entwickelt. Initiiert wurde der Kaffeeanbau übrigens durch die Entwicklungshilfe der DDR.

Die Beschlüsse vom Dezember 1986, maßgeblich dem damaligen Generalsekretär des ZK der KPV Nguyen Van Linh (1915-1998) zugeschrieben, führten zum Übergang der zuvor streng bürokratischen Planwirtschaft zu einem marktorientierten, die Initiative des Einzelnen stimulierenden Wirtschaftssystem, in Vietnam sozialistische Marktwirtschaft genannt. Sie ist geprägt vom Nebeneinander privater einheimischer Firmen, international agierender Unternehmen und staatlicher Betriebe. Als nach 1990 der Handel mit den ehemaligen Verbündeten, den sozialistischen Staaten, innerhalb kürzester Zeit zusammenbrach, musste sich das Land vollends auf die Spielregeln der globalen Ökonomie einlassen. Bereiche wie die Energiewirtschaft, das Pressewesen, Telekommunikation, Teile des Schiffbaus, Erdölgewinnung, Bergbau und die Eisenbahn bleiben jedoch in Staatseigentum. Auch Grund und Boden sind bisher der privaten Spekulation entzogen. Für den Bau von Häusern, Büros und Fabrikationsanlagen können lediglich Nutzungsverträge - über Zeiträume bis zu 99 Jahren - abgeschlossen werden.

Dieser Kurs sicherte der Wirtschaft des Landes eine bemerkenswerte Entwicklung. Auch für 2011 wird ein Wachstum von 6 Prozent erwartet, das nach Angaben von Ministerpräsident Nguyen Tan Dung im kommenden Jahr gehalten werden soll.

Ungeachtet dessen verläuft die Entwicklung nicht ohne Widersprüche. Vietnam wurde aufgrund der geringen Löhne schnell zur »Fabrik« für den Weltmarkt. Nicht nur bei Schuhen und Textilien bauen europäische - auch deutsche - und US-amerikanische Unternehmen auf Billigproduktion in Vietnam. Jüngstes Beispiel dafür: Der finnischen Nokia-Konzern schließt derzeit sein mit Staatshilfe errichtetes Werk in Rumänien und verhandelt nun mit Vietnam über Steuervergünstigungen und andere Gefälligkeiten.

Für die Bevölkerung Vietnams hat die sozialistische Marktwirtschaft unbestritten Vorteile gebracht. Wer das Land etwa im Jahr 1986 bereist hat, wird es heute kaum wiedererkennen. Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt ersticken geradezu im Verkehr von Millionen Mopeds und Motorrädern. Die meisten Häuser sind aus Stein - früher ein Zeichen außergewöhnlichen Reichtuns - und haben Zugang zu fließendem Wasser und sanitären Anlagen. Die Energieversorgung ist stabil. Das Warenangebot ist riesig, die Lust am Leben und auf Unterhaltung ebenso.

Die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ist zwischen 1993 und 2011 offiziell von 58 auf 14 Prozent gesunken. Das jährliche Durchschnittseinkommen wuchs von umgerechnet 120 Dollar im Jahr 1986 auf gegenwärtig 1600 Dollar. Was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Schere zwischen Armen und Reichen sich weiter öffnet. Die KPV unternimmt jedoch gerade in diesem Punkt besondere Anstrengungen. So beschloss der 11.Parteitag im Januar dieses Jahres, die Armutsquote jährlich um 2 Prozentpunkte u senken und das Prokopfeinkommen auf 2000 Dollar im Jahr zu steigern, das Gesundheitssystem zu verbessern und den Bildungsstand zu erhöhen, damit Vietnam den Herausforderungen der Zukunft gerecht wird.

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