Sehr geehrte Frau Bundesministerin,
mit Förderung des BMFSFJ hat die in München ansässige Zeitbild Stiftung ein Unterrichtsmaterial für Schulen »Demokratie stärken / Linksextremismus verhindern« herausgegeben, für das Sie ein Geleitwort an die Lehrerinnen und Lehrer verfasst haben. Das Magazin soll, so schreiben Sie, die Unterrichtskräfte wie auch deren Schülerinnen und Schüler »für das Thema Linksextremismus sensibilisieren«, es soll »zu diesem komplexen Thema informieren und eine Grundlage für eine lebhafte und kritische Diskussion in der Schule liefern«.
Ohne mich hier mit der Gesamtheit dieses Magazins und einigen durchaus verwunderlichen - man könnte auch sagen: abwegigen - Aspekten darin zu befassen (wie die Abbildung des SPD-Gründervaters Ferdinand Lassalle zwischen einem Anarchismus-Symbol, einem Lenin-Engels-Marx-Banner und einem Roten Stern des Kommunismus), möchte ich die Seite 21 dieses Magazins ansprechen: Dort führt das von Ihrem Ministerium geförderte Unterrichtsmaterial unter der Stichzeile »Linksextremistische Medien« auch die Tageszeitung »Neues Deutschland« auf. Summarisch heißt es, das ND einbeziehend: »Beiträge in diesen Medien unterstützen kommunistische bzw. anarchistische Weltdeutungen und diskreditieren zugleich gegenläufige Nachrichten als ›bürgerlichen Manipulationszusammenhang‹. Zudem haben sie zumeist die Aufgabe, die Leser zu einseitigem politischem Aktivismus zu ermuntern.«
Es würde mich interessieren, auf welchen Quellen die von Ihnen zur Schülerinformation empfohlene Einordnung des »Neuen Deutschland« als »linksextremistisches Medium« beruht. Der Verfassungsschutzbericht kann es nicht sein, dort wird das ND nicht genannt. Das Bundespresseamt kann es eigentlich auch nicht sein, denn dieses lädt mich gemeinsam mit anderen Chefredakteuren von Tageszeitungen alljährlich zu einer Gesprächsrunde mit der Bundeskanzlerin und wechselnd anderen Bundesministerien ein; kaum glaubhaft, dass die von mir repräsentierte Zeitung auf der Einladungsliste stünde, wenn sie dort als »linksextremistisch« gelten würde.
Die oben zitierte Zuschreibung trifft auf unsere Zeitung im übrigen auch nicht zu. Eher verhält es sich so, dass das von Ihnen geförderte Magazin die Lehrerinnen und Lehrer und über diese die Schülerinnen und Schüler mit einem - um die dortigen Worte aufzugreifen - einseitigen und diskreditierenden Blick versorgt. Es mangelt ja auch an jeder Begründung oder jedem Indiz für diese Zuschreibung. Mit einer »Information« zu »diesem komplexen Thema«, wie Sie geleitend schreiben, hat das nichts zu tun, folglich auch nicht damit - um Sie weiter zu zitieren -, dass es »selbstbewusste Kinder und Jugendliche« braucht, die nicht »auf Parolen hereinfallen«. In diesem Magazin selbst werden Information und Aufklärung durch (irreführende) Parolen ersetzt.
Nun ist das Magazin aber gedruckt und wird vielleicht hier und dort auch Gegenstand oder Grundlage des schulischen Unterrichts sein. Ich möchte Sie daher gerne zu einer Veranstaltung einladen, auf der wir über das Thema Linksextremismus diskutieren - anhand der von Ihnen geförderten Schrift, selbstverständlich nicht allein und auch nicht vorrangig über den hier behandelten Aspekt. Unsere Zeitung könnte eine solche Veranstaltung organisieren und würde sich auch bestmöglich bemühen, diese unter Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern bekannt zu machen. Denn, um Sie in diesem Brief ein letztes Mal zu zitieren: »Unsere Demokratie lebt vom Meinungsaustausch und vom Streit um die beste Lösung«. Es würde mich freuen, wenn Sie für diesen und damit für die Demokratie selbst zur Verfügung stehen.
Ich erwarte gerne und so bald wie möglich Ihre Antwort und verbleibe mit freundlichem Gruß
Jürgen Reents, Chefredakteur der sozialistischen Tageszeitung »neues deutschland«
Sehr geehrter Herr Reents,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 26. Oktober 2011 an Frau Bundesministerin Dr. Kristina Schröder, die mich bat, Ihnen zu antworten. Für die zeitliche Verzögerung bitte ich meinerseits um Verständnis - mehrere tagesaktuelle Entwicklungen, darunter unser von den Regierungsfraktionen dankenswerterweise verstärktes Engagement zur Prävention von Rechtsextremismus, hatten zwischenzeitlich meine Aufmerksamkeit anderweitig gebunden. Tatsächlich wird das »Neue Deutschland« in einigen Verfassungsschutzberichten der Länder erwähnt. Ob der Zeitbildstiftung noch weitere Anhaltspunkte vorlagen, ist uns nicht bekannt. Da es sich bei dem von Ihnen angesprochenen Printprodukt nicht um eine Publikation des Bundesminiserums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend handelt, wäre es aus unserer Sicht das Beste, wenn Sie sich bezüglich weiterer Informationen direkt an die Stiftung wendeten.
Mit freundlichen Grüßen an Sie und Ihre Leserschaft
Dr.Christoph Steegmans
Pressesprecher
Während die Berliner Zeitung bis heute brauchte, um über die absurde Einschätzung von Kristina Schröder über die angeblich linksextremistische Ausrichtung von nd zu berichten, war die Blogosphäre mal wieder deutlich schneller:
jacobjung.wordpress.com/2011/11/30/die-sanfte-radikale-kristina-schroder/
Viele Grüße
Jacob Jung
Am Rande:
Also JJ war nicht nur schneller, sondern auch informationsreicher.
Aber das soll hier nicht interessieren. Ich habe mehr Bauchschmerzen mit dem Brief des Chefredakteurs des nd. Wie eine beleidigte Leberwurst verweist er hier als so ziemlich einzige Argumentationspfeiler auf die "Nichtnennung" beim Verfassungsschutz -Bund und seine Einladungen vom Bundespresseamt. Im Umkehrschluss bedeutete das: Alle Medien, die diese "Qualitätsprädikate" nicht wie eine Monstranz vor sich her tragen können, werden zu Recht als "linksextremistisch" eingeordnet. Das scheint mir nicht so voll auf der Höhe der Möglichkeiten linken Reflexionsvermögens bezüglich der Medienpolitik in der BRD zu sein. Könnte er nicht vielleicht auch noch von den übrigen TeilnehmerInnen dieses exclusiven Zirkels seine Verfassungstreue bescheinigt bekommen, dann wäre auch der "Extremismusklausel in den Medien" genüge getan.
Nötig wären sicherlich eine Definition des Begriffs, sollen damit nicht völlig blödsinnige Konnotationen wie "linksextremistisch = gewalttätig oder verfassungsfeindlich" bedient werden. Weiterhin sollten sich solche Intentionen in eine Solidarität linker Medien einfügen lassen, Diese war seitens des nd allerdings auch der jw gegenüber im August maximal lauwarm. Nekommt nun das nd kalte Füße, dass das, was ich in einem Kommentar damals anmerkte, dass das nd möglicherweise 'mal selbst Angriffspunkt des bürgerlichen Medienbetriebes werden könnte, schnelller als gedacht gewahr wird? Und sollen nun in einer "Vorwärtsstrategie" jw und andere linke Blätter ausgegrenzt werden?
Zuletzt: Wenn ich Linksextremist sein muss, um die abscheulichen Kriege, die chauvinistische deutsche Europapolitik, die verbrecherische Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen, die verbrecherische Abschiebung ganzer Bevölkerungsgruppen in den modernen Sklavenarbeitsmarkt, die unbeeindruckbare Zerstörung des Planeten, die knapp 200 Morde unter staatlicher Aufsicht beim namen nennen kann, bin ich es gerne.
Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.
Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.
Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.
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