14.12.2011

»Die Menschen kommen einfach nicht mehr mit«

OECD: Viele Arbeitnehmer sind psychisch erkrankt. Christopher Prinz spricht über die Ursachen

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Christopher Prinz ist Projektleiter bei der OECD und Mitverfasser der Studie. Mit ihm sprach Thomas Blum.

nd: Einer soeben erschienenen Studie der OECD zufolge leidet jeder fünfte Arbeitnehmer in den OECD-Staaten unter psychischen Erkrankungen. Worauf ist das zurückzuführen?
Prinz: Psychische Erkrankungen sind viel weiter verbreitet, als wir uns bewusst machen. Das betrifft Menschen im Arbeitsmarkt im gleichen Maße wie solche, die nicht berufstätig sind.

Gibt es Berufsgruppen, die am stärksten davon betroffen sind? Und um welche Art von Erkrankungen handelt es sich genau?
Die häufigsten Erkrankungen sind Depressionen und Angststörungen, und die sind nicht beschränkt auf spezielle Berufsgruppen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und den Erkrankungen. Sehr viele Leute mit psychischen Erkrankungen haben keine kompletten Schulkarrieren und schlechter bezahlte Jobs.

Kann es nicht sein, dass die Notwendigkeit, immer schneller, produktiver, effektiver zu sein, die Menschen auch immer mehr in Mitleidenschaft zieht?
Es gibt da sicher einen Zusammenhang. Psychische Erkrankungen oder Störungen existierten vor 20 Jahren genauso. Aber es scheint, dass die Menschen heute - aufgrund der Arbeitsmarktanforderungen, die enorm gestiegen sind - mehr Probleme haben. Früher sind die Betroffenen besser mit ihren Leiden zurechtgekommen. Jetzt treten im Arbeitsmarkt Probleme auf, die nicht so einfach zu lösen sind. Deshalb sind heute mehr Leute krank oder beziehen Invalidenrenten.

Könnte man also sagen, dass der Arbeitsmarkt die Menschen heute kränker macht als noch vor 30 Jahren?
Fakt ist, dass er den Leuten, die krank sind, nicht mehr in gleichem Maße ermöglicht, zurechtzukommen. Der Arbeitsmarkt ist aber nur einer von vielen Mosaiksteinen.

Es sind explizit Industrieländer, marktwirtschaftlich organisierte Staaten, die davon betroffen sind.
Da haben sie völlig Recht. Es sind auch viele Länder mit sehr hohen Beschäftigungsraten darunter. Immer wieder flammt die Diskussion darum auf, ob gerade deshalb, weil die Erwerbsquote so hoch ist, die Menschen nicht hundertprozentig fit sind. Vielleicht treten psychische Probleme in Ländern mit hohen Erwerbsquoten heute stärker auf als anderswo.

Könnte es nicht sein, dass grundsätzlich Arbeit, wie sie in diesen Gesellschaften organisiert ist, die Menschen krank macht? Wenn Menschen auf ihre reine Funktionstüchtigkeit reduziert werden, ist es doch eigentlich kein Wunder, dass Krankheiten entstehen.
Ich gebe Ihnen Recht. Das ist nicht überraschend. Aber was wir mit unserem Bericht zeigen wollen, ist, dass es sich um ein Problem von enormem gesellschaftlichen Ausmaß, enormer Bedeutung für die Arbeitgeber handelt. Es stimmt: In einer Zeit scheinbar unendlicher Produktivitätssteigerungen kommen viele Menschen einfach nicht mehr mit, fallen aus der Gesellschaft heraus. Nicht zufällig findet man im Arbeitsmarkt eine Gruppe, die immer mehr arbeitet und mehr Überstunden macht, während die andere Gruppe keinen Fuß in die Tür kriegt.

Eine Maßnahme besteht darin, die Leute »besser in die Arbeitswelt zu integrieren«. Menschen, die durch zu große Arbeitsbelastung erkrankt sind, sollen also durch Arbeit wieder gesunden. Ist das nicht paradox?
Es gibt viele Studien, die belegen, dass Arbeit ein Teil des Heilungsprozesses sein kann und dass es bei vielen psychischen Erkrankungen kontraproduktiv ist, nicht zu arbeiten. Untätigkeit verschärft solche Erkrankungen eher, als dass sie sie mildert.

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