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Von Karlen Vesper 17.12.2011 / Inland

Hitlers Opfer in großer Sorge

Offener Brief des Auschwitz-Komitees an Bundesregierung und Bundestag

Mit einem Offenen Brief ruft das Auschwitz-Komitee der Bundesrepublik Deutschland Bundespräsident, Bundesregierung und Bundestag zum endlichen Handeln gegen Rechtsradikalismus und Neonazismus auf.

Während Regierung und Parlament sich lediglich »beschämt« über die jüngste neonazistische Mordserie äußern, sind ehemalige KZ-Häftlinge, Holocaust-Überlebende und antifaschistische Widerstandskämpfer empört und erzürnt. Seit Jahr und Tag warnen sie vor Neofaschismus und braunen Ungeist, stellen sich - ungeachtet ihren hohen Alters - Naziaufmärschen entgegen und forderten immer wieder ein Verbot der NPD. Sie wurden nicht erhört von den Politikern, die zwar in Sonntagsreden Zivilcourage anmahnen, aber offenbar nicht Manns genug sind, wirksam antisemitischer, rassistischer, neonazistischer Ideologie und Gewalt entgegenzuwirken.

Nun hat das Auschwitz-Komitee »in großer Sorge« einen Offenen Brief an den Bundespräsidenten Christian Wulff, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Bundesminister Kristina Schröder und Hans-Peter Friedrich sowie an den Bundestagspräsident Norbert Lammert gesandt. In dem von Esther Bejarano, Vorsitzende des Komitees Überlebende von Auschwitz und Ravensbrück, unterzeichneten Schreiben wird den Adressaten »Mitverantwortung an den ›deutschen Zuständen‹ heute, an der Ökonomisierung des Denkens, an der Entsolidarisierung der Gesellschaft und, daraus folgend, an der sozialen Spaltung, die Ängste schürt«, zugesprochen. »Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben heute wieder Konjunktur in Deutschland«, heißt es hier anklagend.

Der Offene Brief erinnert nicht nur an die »mindestens zehn Menschen«, die jüngst von einer rechten Terrorbande aus dem »nationalsozialistischen Untergrund« ermordet worden sind, sondern auch an die 182 Tote, die in den vergangenen 20 Jahren Opfer rechter Gewalt wurden, indes »von den Regierenden scheinbar übersehen wurden, obwohl doch Ausstellungen wie ›Opfer rechter Gewalt‹ seit Jahren vielerorts gezeigt wurden, einschlägige Websites und Foren mit unendlicher Mühe von NGOs, Bürgerinitiativen und Opferverbänden ganz öffentlich zugänglich waren und sind.«

Als Sofortmaßnahmen werden von der Regierung verlangt: »Schluss mit der öffentlichen Subventionierung neofaschistischer Organisationen durch V-Leute; wir fordern gründliche und parlamentsöffentliche Aufklärung der Morde selbst sowie der Verfehlungen und Verstrickungen des Verfassungsschutzes und der Polizei in die Morde des ›Nationalsozialistischen Untergrunds‹ und ähnlicher Geheimbünde. Schluss mit der Un-Kultur des Verdachts und der Gleichsetzung ›Rot gleich Braun‹, wir fordern gründliche und öffentliche Aufarbeitung aller Todesfälle durch rechte Gewalt in den vergangenen 20 Jahren. Schluss mit den Abschiebungen, Bleiberecht für alle, insbesondere für Roma und Sinti.« Das Auschwitz-Komitee verwehrt sich gegen Verdächtigungen von Projekten und Initiativen gegen Rechts und verurteilt die »Gewalt gegen Menschen, die ihren eigenen Körper in friedlichen Sitzblockaden gegen Neonaziaufmärsche einsetzen, die großen Mut beweisen und unsere Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind.« Deren Kriminalisierung und Überwachung müsse endlich beendet werden.

Hitlers einstige Opfer äußern sich zudem entrüstet darüber, dass auch sie von den Behörden überwacht würden und ihre Zeitzeugenarbeit vielfach diskreditiert werde. Explizit appellieren sie an die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung: »Verbieten Sie endlich nach Artikel 139 Grundgesetz und entsprechend dem Potsdamer Abkommen die NPD und alle faschistischen Nachfolgeorganisationen, ihre Schriften, ihre Embleme, ihre Aktivitäten!«

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Kampf gegen Rechts

    Die Enttarnung des Zwickauer Nazitrios rückt den Kampf gegen rechts wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Die Politik erschwert die Arbeit der Initiativen gegen Rechtsextremismus, denn die Projekte haben mit Mittelkürzungen und der Extremismusklausel zu kämpfen. Die Diskussion über ein Verbot der NPD ist in Fahrt - das Verfahren jedoch noch lange nicht in Sicht.
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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • wirsinddasvolk, 17. Dez 2011 13:57

    Es hat sich nichts geändert!

    Vor Kurzem fand ich auf dem Boden folgenden Artikel:
    Dem Neonazismus Widerstand Leisten - Bedrohliche Entwicklung im 40.Jahr der BRD, (Neues Deutschland / 23. Mai 1989 / Seite 5)

    Bonn (ADN). Zum Widerstand gegen die bedrohliche Entwicklung der neonazistischen Kräfte in der BRD hat der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, aufgerufen. In einem Rundfunkinterview erklärte er am Montag, er sei sehr beunruhigt und es könne einem wirklich angst und bange werden um die weitere Zukunft, wenn man die jüngsten Erfolge und Aktivitäten Rechtsextremisten und ihre demagogischen Äußerungen verfolge – und das ausgerechnet im 40. Jahr der Existenz der BRB. Es sei an der Zeit, sich diese Entwicklung nicht länger gefallen zu lassen. Man müsse sich ernsthaft Gedanken machen, wie man ihr nach 40 Jahren BRD entgegenzutreten habe. Die demokratischen Kräfte in der BRD sollten über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg in der Frage der Bekämpfung des Neonazismus einen Konsens herstellen, forderte Heinz Galinski. Es sei schon spät genug.
    Heinz Galinski erinnerte daran, daß seine langjährigen Warnungen vor derartigen Entwicklungen in der BRD immer als Übertreibung abgetan worden seien.
    Er vermisse eine echte politische Auseinandersetzung mit den Neonazis, in der ihnen die Maske vom Gesicht gerissen werde. Statt dessen könnten sie in Parlamenten ihre gefährlichen Thesen verbreiten. Und die Medien in der BRD räumten ihnen zuviel Raum ein. Die neonazistischen Kräfte hätten wieder Oberwasser, und man müsse ein weiteres Anwachsen befürchten. Scharf wandte sich Galinski gegen die Behauptung, da es auch in anderen westlichen Staaten rechtsextremistische Gruppen gebe. stellen die Neonazis in der BRD nur ,,ein Stück Normalität" dar. Unter Hinweis auf die zunehmende Verbreitung braunen Gedankenguts gerade unter Jugendlichen in der BRD sowie auf Stimmengewinne und Waffenfunde erklärte er, es handele sich nicht um einen vorübergehenden Spuk.

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