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Von Juliane Schumacher 19.12.2011 / Ausland

Kairo in Flammen

Militär und Polizei gehen mit äußerster Brutalität gegen Proteste in Ägypten vor

Auch am Sonntag gingen das ägyptische Militär und die Polizei gegen Demonstranten in Kairo vor.

Manche Details der letzten Tage in Ägypten sind an Brutalität kaum zu übertreffen: Das Bild und Video einer verschleierten jungen Frau, der Soldaten bis auf den BH die Kleider vom Leib reißen, auf sie eintreten und sie dann nackt und leblos auf der Straße liegen lassen. Die Geschichte einer anderen jungen Frau, die zuerst eine Ältere zu schützen versucht, dann von Soldaten weggezerrt wird - und am nächsten Tag berichtet, die Soldaten hätten ihr nicht nur die Haare bis auf die Kopfhaut abgesengt, sondern ihr auch ein T auf den Hinterkopf gebrannt, T wie Armeechef Hussein Tantawi.

Willkommen im neuen Ägypten. Ein Ägypten, in dem gerade die angeblich ersten freien Wahlen stattfinden - am Sonntagabend sollten die Ergebnisse der zweiten Runde bekannt gegeben werden. Es spielt wohl für den Fortgang der Revolution keine Rolle mehr. Selbst jene Aktivisten, die bis zuletzt das Militär immer wieder verteidigt haben, in der naiven Hoffnung, es möge auch in der Armee revolutionsnahe Kräfte geben, sprechen offen von einem Militärputsch.

Am Freitag hatten gegen vier Uhr morgens Straßenkämpfe vor dem Regierungssitz begonnen, eine Straße vom Tahrir-Platz in Kairo entfernt. Dort hatten Demonstranten seit der letzten Protestwelle Ende November ein Protestcamp errichtet, um gegen die Ernennung von Al Gansuri zum neuen Ministerpräsidenten zu demonstrieren. Gansuri gilt als Vertrauter des Militärs und des alten Regimes, er war bereits in den 90er Jahren Premier, unter Mubarak. Soldaten versuchten das Camp zu räumen, sie schossen scharf, schlugen zahlreiche Protestierende zusammen, diese antworteten mit Steinwürfen. Zahlreiche Protestierende erlitten schwere Verletzungen, als Soldaten vom Dach des Regierungssitzes massenhaft Steine, Glas- und Porzellanscherben auf die Protestierenden warfen. Am frühen Samstagmorgen stand, neben anderen Gebäuden, das historische Wissenschaftliche Nationalinstitut in Flammen. Die Feuerwehr traf Augenzeugen zufolge erst spät ein, Tausende teils jahrhundertealter Schriften verbrannten. Das Staatsfernsehen berichtete, Demonstrierende hätten das Gebäude angezündet, diese dementieren dies. Am Sonntag tauchte im Internet ein Foto auf, das einen Mann mit einer Fackel zeigt, offenbar ein Soldat. Bis zum Sonntagabend versuchen Freiwillige, zumeist aus Reihen der Protestierenden, wertvolle Schriften aus dem Gebäude zu retten.

Am Samstag um die Mittagszeit griff das Militär den Tahrir-Platz an. Es brannte die Zelte der Protestierenden nieder. Trupps von Soldaten griffen wahllos Demonstranten, teils auch Passanten auf, prügeln sie bewusstlos oder tot und ließen sie auf der Straße liegen. Aktivisten berichteten, es seien gezielt Frauen angegriffen worden, zahlreiche Videos zeigen sexuelle Übergriffe. Zur gleichen Zeit stürmte Militärpolizei die umliegenden TV-Sendestationen und von Journalisten angemietete Wohnungen, zerstörte Equipment und verhaftete Mitarbeiter. Informationen aus dem Internet zufolge wurden Mitarbeiter einer revolutionsnahen Oppositionspartei in ihrer Parteizentrale verhaftet, sie kamen nach einigen Stunden frei, waren aber teils schwer verletzt.

Das Gesundheitsministerium sprach am Sonntagmittag von zehn Toten und etwa 500 Verletzten. Die Zahlen dürften Aktivisten zufolge wesentlich höher liegen. Auch die Zahl der Verhafteten ist unklar, die Anwältin Ragia Omran erklärte, bei den Straßenschlachten nahe des Tahrir am Samstagabend seien allein 160 Menschen festgenommen worden, darunter neun Frauen.

Das Staatsfernsehen berichtete ausführlich über die Proteste, es sprach von Protestierenden als »Verbrechern«, die vom Ausland bezahlt und gesteuert seien und zum Ziel hätten, das Land zu zerstören. »Die Informationslücke zwischen der Masse der Bevölkerung und den Leuten, die vor Ort sind oder sich übers Internet informieren, ist eklatant«, sagte ein Aktivist am Sonntagnachmittag. Ein anderer äußert große Sorgen: »Wir sind isoliert. Eine solch brutale und skrupellose Gewalt habe ich noch nie erlebt. Und es wird nicht besser werden, wenn die Wahlen vorüber sind. Im Gegenteil.«

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