Von Jenny Becker
29.12.2011

Kokowääh auf Norwegisch

»Ich reise allein«

Irgendwie läuft das Leben nie so, wie man es sich vorgestellt hat. Vom Wahrheitsgehalt dieser Binsenweisheit kann sich auch der Literaturstudent Jarle (Rolf Kristian Larsen) eines Tages überzeugen. Eben noch musste er sich um nichts anderes kümmern als um seine wissenschaftliche Arbeit über die »Proustsche Onomastik«. Sein Leben bestand aus Denken, Rauchen, Partys und Sex. Doch plötzlich schmettert ihm der Briefkasten die Erkenntnis entgegen, dass er schon lange Vater ist. »Ich habe sieben Jahre für unsere Tochter gesorgt. Ich bin urlaubsreif«, teilt ihm ein längst vergessener One-Night-Stand per Post mit. Und verkündet, dass die kleine Charlotte Isabel (Amina Eleonora Bergrem) auf dem Weg zu ihm ist, um eine ganze Woche an seiner Seite zu verbringen - inklusive ihren siebenten Geburtstag.

Mit »Ich reise allein« erzählt Regisseur Stian Kristiansen die norwegische Version von Til Schweigers Kassenschlager »Kokowääh«. Die Ähnlichkeit der Geschichten ist frappierend. Natürlich ist der überrumpelte Vater erst einmal gründlich überfordert und verhält sich nicht gerade pädagogisch korrekt. Und natürlich bringt die hinreißende Charlotte Isabel sein Herz schließlich zum Schmelzen. Nebenbei gibt es außerdem den obligatorischen Konflikt mit der Geliebten.

Die Zielgruppe dürfte diesmal allerdings eine etwas andere sein. »Musik, Sex und Marcel Proust« steht auf einem roten Stern auf dem Filmplakat. Mehr draufgängerische Jungdenker und lässige Studenten will man so wahrscheinlich erreichen - jene, die sich sonst kaum einen Til-Schweiger-Film mit wenig Tiefgang ansehen würden.

Doch auch wenn der Held in »Ich reise allein« Trainingsjacken trägt und sich in Vorlesungssälen herumdrückt, wirkt das Intellektuellentum schablonenhaft. So wie überhaupt vieles nur angedeutet bleibt - die exzessiven Feiern, die Liebe zu seiner (Ex-)Freundin Herdis (Ingrid Bolso Berdal), die aufkeimenden Gefühle für die Verflossene, sprich »Lottes« Mutter Anette (Marte Opstad), die am Ende plötzlich auftaucht. Auch das studentische Lotterleben ist nur bedingt glaubhaft, ist Jarles Studentenbude doch eine große, komplett eingerichtete Wohnung, in der er ganz alleine lebt - wenn auch mit abgerissener Tapete.

Dennoch ist es ein sympathischer Film, ruhiger als das komödiantische Schweiger-Pendant. Ganz die nordische Art eben, weniger bunt, weniger Hollywood. Die Nöte der kleinen Charlotte Isabel sind hier ernst genommen, die sich ausgesetzt und verunsichert fühlt. Ganz wie eine Siebenjährige, die von ihrer Mutter plötzlich zu einem Fremden geschickt wird. Und die unter der Trennung von ihrem bisherigen Papa leidet. Das macht »Ich reise allein« authentisch.