Der Autor Cory Doctorow befürchtet einen »Krieg gegen den Allzweck-Computer«
Auf der Software-Ebene lässt sich Kopierschutz nicht durchsetzen. Auch die Umerziehung der Nutzer scheiterte. Also sucht die Industrie nun hardware-basierte Lösungen für ihre Probleme: In der Analyse des Science-Fiction-Autoren Cory Doctorow (derzeit Gast auf dem 28. Chaos Communication Congress in Berlin) erscheinen eBook-Reader, hippe Smartphones und andere Spezialgeräte auf einmal in einem ganz anderen Licht.
Musik-, Film- und Software-Industrie haben ein Problem: Der Kopierschutz ließ sich schon auf den guten alten Disketten der 1980er-Jahr nicht lange durchsetzen. Später musste die Industrie Ansätze wie das Digital Rights Management aufgeben, weil die Verbraucher rebellierten. In den 1990er-Jahren kam die Utopie der Informationsgesellschaft – »Was immer das auch heißt« (Cory Doctorow) – auf. Riesige Märkte erschienen am Horizont: Alles, was Menschen mit Information tun, könnte man ihnen in Rechnung stellen. Das war, in den Worten Doctorows, die Fantasie derjenigen, die sich eine goldene Nase zu verdienen trachteten.
Doch wenn man die temporären Nutzungsrechte für einen Film verkaufen will (sagen wir: für exakt 24 Stunden), dann muss er irgendwann entschlüsselt (»clear«) werden. Doctorow fragt: Wie will man dann verhindern, dass er gespeichert und an andere Nutzer weiter gegeben wird? Wie will man den halbwegs versierten Nutzer daran hindern, die »Keys« des Verschlüsselungsprogramms auszulesen, was ihn in den Stand versetzt, den besagten Film jederzeit zu entschlüsseln? Und wie will man ihn daran hindern, dieses KnowHow weiter zu geben?
1996 verabschiedete die Weltorganisation für geistiges Eigentum ein Abkommen, das diese (aus Sicht der Industrie:) Probleme lösen sollte. Der WIPO Copyright Treaty, so Doctorow, »machte es illegal, in Deinen Computer zu schauen, wenn dort bestimmte Programme abliefen. Und es machte es illegal, den Leuten zu erzählen, was Du dabei herausfandest«. Doch er verhinderte keine Raubkopien. Noch nie sei es einfacher gewesen, digitale Inhalte zu kopieren, meint Doctorow. Und künftig könne alles, was je digitalisiert wurde, jeder Film, jedes Programm, jedes Buch, auf einem fingernagelgroßen Speichermedium abgelegt werden.
It's the hardware, stupid! Auf der Software-Ebene allein kamen und kommen die um ihre Urheberrechte (also Profite) Bangenden nicht weiter – die technischen Hürden können zu leicht überwunden werden. Auch absurd-eklige Kampagnen gegen die ach so kriminellen Raubkopierer von nebenan schreckten nicht wirklich ab. Also musste ein anderer Ansatz gewählt werden – nämlich, allzu viel blieb nicht mehr übrig, ein hardware-basierter.
Nach Doctorows Analyse soll der »Allzweck-Computer« ersetzt werden durch »Appliances«, also durch Spezialgeräte mit eingeschränkten Funktionen, die erstens nur noch einige Aufgaben oder gar nur einen Zweck erfüllen: eBooks anzeigen, MP3-Dateien abspielen, jedenfalls keine bösen Inhalte verarbeiten. Geräte, die sich zudem leicht kontrollieren lassen, ja zur »Black Box« mutieren: Da ist ein Input, da ist ein Output, und was dazwischen passiert, ist für den Normalsterblichen nicht mehr nachzuvollziehen.
Gleichzeitig könnten die Nutzer besser als bisher durchleuchtet und zensiert werden, befürchtet Doctorow. Im Weg steht dabei der gute alte PC – Doctorow spricht gar von einem »coming war on general computing«, dem künftigen Krieg gegen den Allgemein-Computer.
Nun, so muss man ergänzen, gelten Amazons Kindle und Apples iPhone als hip – und die Menschen zahlen nun gleichsam gerne a) für neue, eigentlich überflüssige Geräte und b) für Inhalte, die sie sich früher vielleicht kostenlos (und sei es legal!) besorgt hätten. Statt sich selbst (wie der Autor dieser Zeilen) eine kleine HTML-Datei für das Smartphone zu programmieren, kaufen sie App um App um App und zahlen, zahlen, zahlen. Apple bietet Hardware, Software und andere digitale Inhalte aus einer Hand: iPhone und iTunes-Store bilden eine durchaus nicht widersprüchliche Einheit.
Fortschrittsfesseln für sprudelnde Profite Geräte werden also künstlich limitiert – für Doctorow ein Freiheitsverlust für die breite Masse. Es ist nicht die einzige Form künstlicher Beschränkung: So attackieren Verbraucherschützer und Filmemacher das Phänomen der »geplanten Obsoleszenz«, des allzu frühen, künstlichen und in dieser Form geplanten Unbrauchbarwerdens von Geräten zwecks Ankurbelung der Verkäufe. In den USA wollen Bastel-Freaks eine »Reparier-Revolution« ausrufen, um die Macht über die Produkte zu erobern. Ihr Motto: »If you can't fix it, you don't own it« – wenn Du ein Gerät nicht eigenhändig reparieren kannst, dann gehört es Dir nicht wirklich!
Das Schema ist stets dasselbe: Einige wenige wollen sich dumm und dämlich verdienen und versuchen daher, dem technischen Fortschritt Fesseln anzulegen – allen Mythen vom ach so kreativen Kapitalismus zum Trotze. Doctorows Rede auf dem Chaos Communication Congress:
Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.
Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.
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Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.
Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.