In Hamburg kann man zu sechst ziemlich alleine sein. »Wir hätten gern noch ein aufstrebendes Team von Mittzwanzigern«, sagt der 32-jährige Christopher Bartsch vom Curling-Club Hamburg, der gerade von der Europameisterschaft aus Moskau zurückgekehrt ist. Ob nun im eigenen Verein oder in der norddeutschen Nachbarschaft - auf ihrem Niveau ist derzeit kein Gegner zu finden. Curler aus Hamburg sind Exoten. In Westfalen und Sachsen gibt es vereinzelt Klubs, doch die wirklichen Rivalen der Nordlichter stammen aus den südlichen Gefilden des Landes: Füssen, Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen.
»Wir spielen seit 20 Jahren zusammen und verfolgen Curling als gemeinsames Ziel«, stellt Bartsch seinen Klub vor, der die langjährige bayerische Dominanz gebrochen hat. Mit präzisem Spiel und einem langen Atem. »Man muss geduldig sein«, sagt der 31-jährige Felix Schulze, der im Wettkampf grundsätzlich für die letzten Steine zuständig ist: »Nicht nur in einem einzelnen Spiel, sondern im Curling-Leben an sich.«
Sven Goldemann muss sich am wenigsten gedulden: Der 42-Jährige legt im Team die ersten Steine, Grundlage für den späteren Erfolg. Nach insgesamt acht Steinen jedes Teams bekommt nur die Mannschaft Punkte, deren Stein(e) näher am Mittelpunkt platziert sind als die des Gegners. Zwischen den Spielzügen wird beraten: Soll der gegnerische Stein jetzt oder erst später angegriffen werden? Wie könnte die Situation nach zwei, drei, vier weiteren Steinen aussehen? »Auch nach 20 Jahren wird es nie langweilig«, sagt der 32-jährige Peter Rickmers, »auf dem Eis entstehen immer neue Spielsituationen.« Was manchmal einfach ausschaut, ist tatsächlich so etwas wie ein permanentes Elfmeterschießen. »Eigentlich kann man die Bewegung im Schlaf, aber auf einmal klappt es nicht«, schildert der 46-jährige Skip Johnny Jahr, der 1985 in einem gemischten Team Europameister wurde: »Das psychologische Moment ist das wichtigste beim Curling.«
Sein Vater, der 2006 verstorbene John Jahr junior, brachte den für Norddeutsche exotischen Sport aus einem Winterurlaub im schweizerischen Arosa mit, wo er mit seinen Kollegen bei einem Turnier überraschend den dritten Platz belegt hatte. »Sie wollten mal was anderes machen als Skifahren oder Wandern«, erzählt der Sohn. 1969 rief John Jahr jr. den Curling-Club Hamburg ins Leben. Mussten die Curler anfangs noch mit Schlittschuhläufern oder Eishockey-Cracks um Hallenzeiten konkurrieren, steht seit 1977 eine eigene Halle zwischen Kleingärten im Stadtteil Stellingen. Sie zähle zu den führenden in Europa, betonen die Klubmitglieder nicht ohne Stolz.
Was in Europa die Ausnahme ist, ist woanders die Regel. Der älteste Curling-Stein stammt zwar aus Schottland, doch die Hälfte der weltweit rund zwei Millionen Curler kommt aus Kanada. Auch in Deutschland sorgte ein Kanadier für den Schritt »weg vom Hobbykegeln, hin zum Wettkampf«, wie Schulze es nennt: In den späten 1970ern machte der Kanadier Keith Wendorf seine Mitstreiter in Schwenningen mit taktischen Finessen vertraut. Seitdem mögen Leistungs-Curler es nicht unbedingt, wenn man sie in eine Ecke mit glühweingetränkten Breitensportaktivitäten wie Eisstockschießen stellt.
»Es geht nicht nur darum, die Steine gut zu legen, sondern immer auch um die richtigen Wischkommandos für die Besen«, betont Schulze: »Curling ist Teamarbeit bis zum letzten Stein.« Der Curling-Club Hamburg zählt heute 170 Mitglieder, er ist der größte deutsche Curling-Verein. Die Europameisterschaft begann glänzend und endete unglücklich, wie Vereinsmitglieder beim gemeinsamen Verfolgen der TV-Übertragungen in der eigenen Halle erlebten. Das Team gewann seine ersten vier Spiele, dann aber nur noch eines der nächsten fünf. In Entscheidungsspielen um den Halbfinaleinzug blieb Tschechien mit 7:4 Sieger. Beim Einzug ins Halbfinale hätte der Deutsche Curling-Verband den Hamburgern automatisch Fahrkarten nach Basel ausgestellt, wo im April 2012 die Weltmeisterschaft ausgetragen wird.
Der letzte nationale Titel der Hamburger liegt schon 15 Jahre zurück. Die Routiniers Jahr und Goldemann waren damals schon dabei. Ein langer Atem ist weiter gefordert.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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